Full text: Hessenland (10.1896)

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indem er ihnen für die Zeit ihrer Krankheit an 
Stelle der fortfallenden Hofkost wöchentlich Vs fl. 
Krankengeld bewilligte (§ 25). 
Die Ordnung von 1570 birgt noch weiter Be 
stimmungen über die Geheimhaltung von seitens des 
Landgrafen gepflogenen Gesprächen durch die zugegen 
gewesenen Hofleute (§ 8), gegen Sichvordrängen 
derselben (8 0, 23) und schließlich eine, die hier 
deshalb gerade an bett Schluß gebracht werden 
soll, weil sic der Gesimmng, von welcher Landgraf 
Wilhelm, wie überhaupt die alten hessischen 
Ursten, erfüllt war, der Sorge für den gemeinen 
Mattn, zumal den den Grundstock der Bevölkerung 
bildenden Bauer, in schlichtett Worten Ausdruck 
verleiht; es ist die Anweisung an seine Reisigen 
(in § 10), den armen Leuten nicht durch die 
bestellten oder mit Frucht bestaudeuen Aecker ztt 
reiten und ihnen Schaden zuzufügen, „deitit es 
ist ein Frevel, der strafenswerth ist". 
ZS. Krotefend. 
Gin Weihnachtsgeschenk. 
Nach Familienaufzeichnungen erzählt von Wilhelm Ben necke. 
Mn Kassel wohnte während der französischen 
Fremdherrschaft in einem der Häuser am 
Altmarkt, wenn ich iticht irre war es im „Fisch", 
ein höherer Finanzbeamter, welcher jedoch keines 
wegs ein Franzose, sondern ein ganz guter Deutscher 
war, den nur der Umschwung aller bestehenden 
Verhältnisse bewogen hatte, eine Anstellung von 
der westfälischen Regierung anzunehmen. In 
seiner Jugend * * * 'scher Artillerieoffizier, war 
er später in den Zivildienst getreten, wo er sich 
bald den Ruf eines vorzüglichen Rechnungsbe- 
amten erwarb, sodaß er nach Gründung des 
Königreichs Westfalen in dessen Hauptstadt be 
rufen wurde, um hauptsächlich mit der Verwaltung 
der Staatsdomainen beauftragt zu werden, denn 
gute Rechenmeister konnte man in der Umgebung 
des Königs Lustig sehr gut gebrauchen und traute 
den ehrlichen Deutschen, was die Finanzwirthschaft 
betraf, wohl noch mehr wie den Pfiffigen Franzosen. 
Generalinspektor Streicher war noch ein Mann 
in den besten Jahren, als er seine Stellung in 
Kassel antrat. Er brachte eine hübsche Frau 
und drei Kinder mit, denen er seither der zärtlichste 
Vater wie seiner Gattin der liebevollste Ehemann 
gewesen war, an dessen Musterhaftigkeit niemand 
zu zweifeln wagte. Da Streicher, wie bereits 
hervorgehoben, zu rechnen verstand, so bezog er 
keine Wohnug in der theuren Oberneustadt, sondern 
suchte sich ein geräumiges Logis ain Altmarkt 
aus, denn genügenden Raum mußte er für seine 
Fainilie und für seine großartige Sammlung 
mathematischer undphysikalischerJnstrumentehaben, 
von welchen er eine nicht geringe Anzahl selbst 
verfertigt hatte. Eine von ihm konstruirte Gold 
wage befand sich in der Kafieler Münze noch nach 
langen Jahren im Gebrauch und wurde später 
als eine Art von Rarität angesehen. 
Zuerst nahmen Streicher die uinfassenden und 
verwickelten Amtsgeschäfte ganz und gar in An 
spruch, denn mit der ihm innewohnenden Pünkt 
lichkeit suchte er womöglich alles selbst zu erledigen 
und verließ sich aus seine Unterbeamten garnicht. 
Er wollte eben den windbeuteligen Franzosen 
zeigen, welch ein gewaltiger Unterschied zwischen 
ihrer Eeschäftserledigung und derjenigen eines 
subtilen Rechnungsbeamten aus dem Kollegienhvf 
eines der verlachten deutschen Staaten sei. Selbst 
verständlich fanden die Herren aus Paris sein Ge 
bühren erstrecht lächerlich, als er aber den ehemaligen 
Offizier herauskehrte und ihnen in kaltblütigster 
Weise andeutete, daß er jedem den Schädel spalten 
werde, der sich irgend wie über ihn moquire, so ließen 
sie ihn scheinbar in Ruhe, umsomehr, als König 
Hiernonymus sich als Menschenkeniter gezeigt und 
ihm sein völliges Vertrauen bei verschiedenen 
finanziellen Privatangelegenheiten geschenkt hatte, 
was nicht verborgen geblieben war. 
Die französischen Herren suchten den guten 
Generalinspektor nun auf eine andere Art zu 
fassen, wobei sie leider besseren Erfolg hatten. 
Ganz nach und nach, je mehr seine anfänglich 
so überaus umfangreicheu dienstlichen Angelegen 
heiten sich verminderten und einem regelmäßigen 
mechanischen Ineinandergreifen Platz machten, 
nahm er an ausgelassenen Vergnügungen Theil, 
die vom Hofe des lustigsten aller Könige auch in 
die Privatkreise seiner Beamten höheren und 
niederen Grades übertragen wurdeit, und zeichnete 
sich zur allgemeinen Ueberraschung sogar durch 
ein gewisses Raffinement aus. Sowie seine Pariser 
Kollegen merkten, daß dies die schwache Seite 
des sonst so ernsten Mannes sei, war es ihnen 
klar, wie sie ihn zu behandeln hatten. Sie 
schmeichelten seiner Eitelkeit, indem sie ihn als
	        

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