Full text: Hessenland (10.1896)

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Daß Landgraf Wilhelm ein frommer Herr 
war, ist bekannt. Demgemäß verlangte er von 
seinen Hofdienern hohen und niederen StaAes 
vor allen Dingen Gottesfurcht, die sich in Besuch 
der Predigt des göttlichen Worts, Anwohnen 
der Austheilung der Sakramente und andächtigem 
Anhören des Tischgebets vor und nach der Mahlzeit 
zu bethätigen hatte (8 4, 20). Im Zusammen 
hang damit stand das strenge Verbot des Fluchens 
und Schwörens. Für adlige Hofleute öder 
„dergleichen namhafte Person" war in jedem 
Falle der Uebertretung eine Strafe von zwei 
Weißpfennig, für die gemeine Dienerschaft eine 
solche von einem Weißpfennig festgesetzt, zu 
deren Aufnahme eine eigene Büchse zur Hand 
war, wohl ein Beweis, daß in diesem Pünkt 
recht ausgiebig gesündigt wurde. Weigerte ffich 
einer zu zahlen, so schloß ihn der Marschall „die 
folgende Mahlzeit in Maulkorb" und ließ ihn 
für deren Dauer „den andern zum Spektakel und 
Abscheu" darin gehen (8 21). 
Weiter hielt der Landgraf bei seinen Hosleuten 
sehr darauf, daß sie ihre religiöse Gesinnung auch 
durch Halten auf Frieden und Eintracht bekundeten 
(ß 5, 12 und 13), namentlich sich des Murrens, 
Rottirens, Balgens und Ausforderns enthielten. 
Damit war die Frage des Zweikampfs angeschnitten, 
die heutzutage noch soviel Staub aufwirbelt. 
Landgraf Wilhelm war ein Gegner des Duells 
und war bestrebt ihm nach Möglichkeit vorzu 
beugen. Schärfte er einerseits ein, wenn zwei 
mit einander uneins würden und sich schlagen 
wollten, daß dann die außerdem Anwesenden dies 
zu verhindern suchen sollten, so verordnete er 
andererseits die gütliche Austragung etwaiger 
Zwistigkeiten unter Hofleuten vor den unmittel 
baren Vorgesetzten der Entzweiten, deren Ent 
scheidung maßgebend zu sein hatte. Erschien die 
Veranlassung der Entzweiung aber wichtig genug, 
so waren fürstliche Räthe heranzuziehen, die 
nöthigenfalls einen Machtspruch fällten. Wir 
sehen also zu den heutigen Schieds- und Ehren- 
gerichten^bereits den Grund gelegt. 
Welcher Art die Ursache des vermuthlich nicht 
eben seltenen Zanks in der Regel gewesen sein 
wird, bleibt uns nicht verborgen, wenn wir die 
folgende Stelle aus 8 7 der Hofordnung Landgraf 
Wilhelm's heranziehen, wo es heißt: 
„Daß die vom Adel und andere Personen 
bei vorkommenden Gelegenheiten den Wein 
mit Bescheidenheit zu sich nehmen sollen, da 
mit der nicht ihr, sondern sie sein Meister 
bleiben, damit sie in Verrichtung ihrer Ob 
liegenheiten nicht beeinträchtigt werden, auch 
keinen Hader oder Zank anfangen", 
oder aus 8 22 Folgendes: 
,^^"'Änter dem Essen soll sich jeder grober 
Unzüchtiger Worte und Geberden, des Voll- 
saufens, Rufens, Pfeifens, lauten bäurischen 
Lachens und dergleichen Unflätigkeit ent 
halten, die Speise sein züchtig und ehrlich 
zu sich nehmen, auch den Saal nicht ver 
unreinigen." 
Durch allzu gesittetes Betragen scheint sich 
darnach die große Masse des Hofgesindes damals 
noch nicht ausgezeichnet zu haben. 
Aus dem Vorhergeschickten ergiebt sich die 
Nothwendigkeit strenger Aufrechterhaltung der 
Disziplin. Diese faßte der Landgraf nachdrücklich 
in's Auge. Jede Auflehnung war streng unter 
sagt. Wußten Marschall und Burggraf, die 
speziellen Vorgesetzten des Hofgesindes, sich gegen 
über dem niedern Gesinde nicht mehr anderweitig 
zu helfen, so war ihnen nach §11 unbenommen 
mit ihren Amtsstäben unter die Menge zu schlagen, 
ohne daß sich jemand deshalb beschweren durfte; 
es war den Herrn von Adel ausdrücklich unter 
sagt sich ihres etwa getroffenen Gesindes anzunehmen. 
Wer sich zur Wehr setzte, wurde an Leib und 
Leben gestraft. Der Fürst erwies sich damit als 
ein Freund derben Zugreifens und eine Stütze 
beamtlicher Autorität. Im Einklang damit wurde 
auf Jnuehaltnng von Pünktlichkeit und Ordnung 
besonderes Gewicht gelegt. Wer ausblieb, dem 
wurde das Hoffutter für den betr. Tag entzogen 
(8 6). Die Reisigen des Landgrafen wurden 
dazu angehalten, als Gefolge des Landgrafen bei 
Ausritten stets militärische Ordnung zu halten, 
sie durften, wenn Halt gemacht wurde, nicht ab 
steigen, um zu schlafen, und die Gäule an die 
Bäume binden, sondern hatten sich deren Beauf 
sichtigung angelegen sein zu lassen (8 10). 
Gute Pferdcpflege war überhaupt etwas, auf 
das es dem Landgrafen wesentlich ankam, wie 
ihm denn die Voraussetzungen für die zur Be 
wahrung der Tüchtigkeit der Reiterei unerläßlichen 
Bedingungen recht gut bekannt waren. Damit 
die Pferde stets in tauglichem Zustande waren, 
mußten Marschall, Stallmeister und Hufschmied 
vierteljährlich eine genaue Besichtigung derselben 
vornehmen und die nicht brauchbar befundenen 
aussondern. Um die Pferde zu schonen, verbot 
der Landgraf muthwilliges Zuschandenrciten ernst 
lich und, was vielleicht von noch größerem Er 
folg war, er gab keinen Ersatz für außer Dienst 
muthwillig zu Schanden gerittene Gäule, während 
er sonst bei in seinem Dienste unbrauchbar ge 
wordenen Pferden durchaus mit der Billigkeit ver 
fuhr (8 16), die er auch bei krank gewordenen Hof 
leuten zur Richtschnur seines Handelns nahm,
	        

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