Full text: Hessenland (10.1896)

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getragen, zeigt gleichfalls jener oben angeführte 
Brief an den Landrath Hartert, worin er gesteht, 
daß er in der Nacht zum 20. Februar, als ein 
orkanartiger Sturm seinen Plan zìi vereiteln 
drohte, fest entschlossen gewesen sei durch die Flucht 
sich der Brandexckution zu entziehen, — als sich 
der Sturm plötzlich gegen Morgen gelegt habe. 
Er hat endlich durch sein entschiedenes Auftreten 
vor der Front und durch seine energische Anrede 
an die Soldaten jeden Gedanken an Plünderung, 
wenn ein solcher wirklich in dem einen oder andern 
seiner Leute aufgestiegen wäre, von vornherein 
unmöglich gemacht und dadurch grenzenloses 
Elend verhütet. Und wem das noch nicht genügt, 
der möge bedenken, daß seine Handlungsweise 
nur seinem edlen Charakter entsprang, daß er 
im Gegensatz zu den französischen Befehlshabern 
mit größter Uneigennützigkeit ein Geschenk von 
200 Karolinen, das ihm noch am Tage seiner 
That eine Deputation des Hersfelder Magistrates 
in Vacha anbot, nicht annahm, weil er sich keine 
gute That mit Geld bezahlen lasse, indem er sich 
zum Andenken nur eine silberne Münze erbat, 
auf der die Stadt Hersfeld und der damalige 
Austritt dargestellt sei, und daß er noch in späteren 
Jahren bekannte, daß er für das Wenige, was 
er bei der Katastrophe vom 20. Februar 1807 
für die Stadt Hersfeld habe thun können, längst 
reichlich belohnt fei durch das Gefühl, die Pflichten 
des Menschen mit denen des Soldaten vereinigt 
zu haben, durch die allseitige gute Ausnahme 
seiner Handlungsweise und durch die huldreiche 
Auszeichnung, womit er von den Regenten des 
hessischen Kurstaates begnadigt worden sei.*) 
Darum Ehre seinem Andenken! 
. *) Lingg war von Kurfürst Wilhelm I. als L i n gg v o n 
Linggenfeld in den Adelstand erhoben und durch Ver 
leihung des Goldnen Löwenordens ausgezeichnet worden. 
Landgraf Wilhelm IV. der Weife von Hessen und feine Hof 
dienerschaft 
nach der Ordnung vom 20. Januar 1570.*) 
e^k^aut der Ueberschrift der Ordnung, aus welcher 
ft', hier das für die damaligen Zeitverhältnisse 
Cj bezw. für den Charakter des Landgrafen be 
sonders Bezeichnende ansgehoben sei, betraf sie die ge 
summte Hofdienerschast ohne Unterschied des Ranges 
und Standes. Diese Dienerschaft zerfiel dann wieder 
in solche hohen und niederen Standes. Nach der 
in Z 1 gegebenen Erläuterung wurden alle Grafen, 
Herren itnb Junker, die an den Hof genommen, 
zu der Dienerschaft hohen, aber die Schreiber, 
Musikanten, Marstüllcr, Knechte nebst dem übrigen 
Haus- und gemeinen Gesinde zu der niedrigen 
Standes gerechnet. Die ersteren leisteten bei ihrer 
Aufnahme in den Dienst ein Handgelöbniß bei 
ihren gräflichen und adligen Ehren, die anderen 
einen Eid nach recht ausgedehnter Formel, in 
welcher sie dem Landgrafen treue und fleißige 
Ausübung ihrer Verrichtungen und ihren Vor 
*) Der Titel dieser handschriftlich in Msc. Hassiaca 
4° 41 der Ständischen Landesbibliothek in Kassel 
S. 209—217 aufgezeichneten, in Rommel, Geschichte von 
Hessen, V, S. 716, nur in ganz kurzem, noch dazu nicht 
von Irrthümern freien Auszuge wiedergegebenen Ordnung 
lautet: „Hofordnung unseres gnädigen Fürsten und Herrn 
Landgraf Wilhelms zu Hessen, deren sich alle seine Hof 
diener hohes und niedriges Standes verhalten sollen. Aus 
etzlicher Kur- und Fürsten Ordnung zusammengestellt." 
gesetzten willigen Gehorsam zusicherten. Wer in 
den Dienst des Landgrafen eintrat, verpflichtete 
sich demselben ans mindestens zwei Jahre, wollte 
er dann ausscheiden, so wurde von ihm viertel 
jährliche Kündigung verlangt, damit man sich 
nach geeignetem Ersatz umsehen konnte (§ 2). 
Urlaub war zu erlangen, doch wurde voraus 
gesetzt, daß der Beurlaubte zu bestimmter Zeit 
wieder eintraf. Blieb jemand darüber hinaus 
ans, so wurde ihm für die versäumte Zeit Be 
soldung und Kleidung abgezogen; woraus zu er 
sehen ist, daß auf sehr fühlbare Weise gestraft 
wurde. Pferd und Diener hatte der Urlauber 
mitzunehmen, da der Landgraf demselben während 
seiner Abwesenheit für Pferde kein Futter und für 
Diener kein Essen bewilligte. Doch gestattete der 
Landgraf, der kein hartherziger Mann war, daß 
lahme Pferde oder kranke Diener zurückblieben, nur 
mußte es mit Vorwissen des Hausmarschalls ge 
schehen (818). Die große Mehrzahl der Paragraphen 
handelte von den Pflichten, die das Hofgesinde 
zu erfüllen hatte; von den Leistungen des Land 
grafen gegen das Gesinde ist lediglich in 8 3 
und 8 25 die Rede und zwar mehr beiläufig, 
wie das aus dem Wesen des alten Fürstenthums 
zu erklären ist.
	        

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