Full text: Hessenland (10.1896)

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Oberstlieutenant Lingg und die Rettung von Hersfeld. 
Auf Grund der Quellen dargestellt von Professor Hafner. 
(Schluß.) 
Während die zum Abbrennen ausgewählten 
Häuser angezündet wurden — sie waren 
so gut ausgesucht, heißt es im Kirchen 
buche, daß ein Bürger von Hersseld, der das 
Lokale gut känute, sie nicht besser habe auswählen 
können, um alle Gefahr abzuwenden —, erschien 
Lingg vor der Front seiner Jäger und verlas 
ihnen den kaiserlichen Befehl; er knüpfte daran 
ernste Worte über das traurige Schicksal der 
Einwohner einer Stadt, in der sie soviel Gutes 
erfahren hätten, und schloß dann mit den Worten: 
„Soldaten! Der Befehl zur Plünderung ist ge 
geben. Wer Lust hat zu plündern, der trete heraus 
aus dem Glied." Aber kein Mann trat heraus. 
Auch einer wiederholten Aufforderung folgte laut 
lose Stille. So unterblieb die Plünderung der 
Stadt gänzlich. Als die vier Häuser*) in Brand 
standen, verließ Lingg mit seinen Jägern die 
Stadt und marschirte nach Vacha. Barbot war 
schon, gleich als die ersten Rauchsäulen auf 
stiegen, auf der Straße nach Kassel abmarschirt. 
Aus dieser auf der durchaus glaubwürdigen 
Aufzeichnung im Kirchenbuche beruhenden Dar 
stellung der Ereignisse vom 20. Februar dürfte 
zunächst das hervorgehen, daß das Unterlassen 
der Plünderung einen Ruhmestitel für Lingg 
und seine Jäger bildet. Es zeugt von der deutschen 
Treue des Führers und der Mannschaften, zugleich 
aber auch von dem vorzüglichen Geiste, den Lingg 
seinen Leuten einflößte, daß nach Lingg's Rede 
auch nicht einer bei der Aufforderung zum 
Plündern sich rührte. Als solches Ruhmesblatt hat 
auch Hebel die edle That in seinen „Rheinischen 
Hausfreund" von 1808 aufgenommen, aus dem 
sie in das 1811 zum ersten Male erschienene 
„Schatzkästlein" übergegangen ist.**) 
*) Es war das Exerzierhaus auf dem Markt, das 
Stroh- und Heumagazin im Stift, das Sonder-Siechenhaus 
au der Fuldabrücke und ein einzeln stehendes Haus am 
Eisfeld, in der Nähe der Braun'schen Fabrik. 
**) Diese Erzählung ist vor dem 5. Juni geschrieben; 
denn bis zu diesem Tage mußten alle Mittheilungen für 
den Jahrgang 1808 an den Hosbuchdrucker Sprinzing 
zum Drucke eingesandt sein. Vergl.: „Der preußische 
Krieg im Jahre 1806 und 1807" gegen Ende. 
Schwieriger ist die Beantwortung der Frage, 
wem Hersfeld seine Errettung vom Untergange 
durch Feuer zu verdanken hat. Daß der Gedanke 
selbst, nur vier einzeln stehende Häuser anzuzünden, 
-von Lingg persönlich herrührt, erfahren wir von 
ihm selbst; in einem Briefe vom 24. Dezember 1840 
an den damaligen Landrath Hartert***) spricht 
Lingg von diesem Gedanken als seinem vor 
gefaßten Plan. Und diesem eigenen Zeugnisse 
des braven Mannes wird man unbedingten 
Glauben schenken müssen. Die Ausführung dieses 
Planes aber war nur möglich, wenn die französischen 
Befehlshaber ihn guthießen. Denn abgesehen 
davon, daß die Voraussetzung des Gelingens in 
dem Umstande lag, daß Lingg die Exekution 
übertragen wurde, — was hätte denn auch Lingg's 
Handlungsweise der Stadt ohne die Zustimmung der 
Vorgesetzten nützen können? Wohl konnte der deutsche 
Offizier im Interesse seiner deutschen Landsleute 
den Kopf riskiren, aber damit war das Unglück 
nicht von der Stadt abgewandt. Denn es wäre 
doch mehr wie wunderbar gewesen, wenn der nur 
wenige Meilen von Hersseld entfernt wohnende 
Gouverneur nichts davon hätte erfahren sollen, 
daß man des Kaisers Befehl in so willkürlicher 
Weise ausgelegt habe. Und hätte dann nicht, 
wenn dieser Lingg's Vorgehen mißbilligte, leicht 
ein andrer nachholen können, was ein ungehorsamer 
Offizier versäunit hatte? Daß dies nicht ge 
schehen ist, zeugt schon genug für die Annahme, 
daß das Generalgouvernement mit Lingg's Ver 
fahren durchaus einverstanden war. Es fehlt 
aber auch nicht an direkten glaubwürdigen Zeug 
nissen, die die wohlwollende Gesinnung der beiden 
französischen Befehlshaber Barbot und Lagrange 
ausdrücklich betonen. Hebel erzählt, auf Fürbitten 
der französischen Kommandanten von Hersseld 
und Kassel sei die Strafe in der Weise gemildert 
worden, daß nur vier Häuser angezündet werden 
sollten; und das Kirchenbuch enthält an der 
Stelle, wo von der günstigen Wahl der Gebäude 
***) Abgedruckt im „Hersfelder Intelligenz- und Anzeigen 
blatt" 1862, Nr. 18.
	        

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