Full text: Hessenland (10.1896)

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Ganz frisch gewaschen (welcher Trostgedanke!) 
Hängt wenigstens das Mullkleid schon im Schranke, 
Die rosa Bänder sind neu umgewandt. — 
„Geht mir mit England, seinen Eisenwegen! 
Ich sage Dir, mein lieber Freund, 's ist nichts. 
Wir reisen jetzt mit Diligence, Eilposten 
Schon viel zu schnell —, man will für seine Kosten 
Doch auch von jedem Dorfe etwas sehn. 
Zu Frankfurt hört' ich kürzlich jemand sagen, 
Der's wohl versteht, sonst schwieg er weislich still: 
Der größte Schwindel unsrer Zeit wird bleiben 
Der Dampfwagew — wie kann man nur betreiben. 
Was ja voraussichtlich ohne Bestand? 
Man müßte doch schon hohe Wände bauen 
Zu beiden Seiten eines Schienenwegs, 
Denn Rind und Pferde würden wild und scheuten. — 
Den friedlich Wandelnden vorzubereiten 
Auf all' die Schrecken — ja, wer könnte das? 
Muß man denn immer Neues haben — denken! — 
Du warst's auch, der mit Anastasius Grün 
Frei über jede wohlgezogne Schranken 
Dem Adler gleich will heben den Gedanken, 
Hinauf, ja bis zur Sonnenhöh' hinan!" — 
Wie flammt es auf im Blick des jungen Kriegers! — 
Es drückt an's Herz den blauen Almanach 
Der Praktikant — die Demoisellen blicken 
Voll Schwärmerei, vernehmen mit Entzücken 
Deß Namen, der von Dichterruhm umstrahlt. — 
Und mit dem Muth, der seinem Stande eigen. 
Bittet um's Wort der schmucke Sohn des Mars: 
„Jst's mir gestattet jetzund vorzutragen 
Das hohe Lied, das Grün in diesen Tagen 
Der Göttin Poesie geweihet hat?" 
Als er beginnt: „Wann werdet ihr Poeten . . !" 
Verstummt jedwed' aufregendes Gespräch — 
Da, plötzlich, mitten in der Dichtung Fragen, 
Hört man des Wächters Horn, hört zehn Uhr schlagen 
Und ist erschreckt, daß schon „nachtschlafend" Zeit! 
„Die Dienerschaft hat sich doch eingesunden?" 
„Und die Laternen auch schon angesteckt. 
Man band ja Pünktlichkeit auf ihre Seelen. — 
Wir wollen uns mit vielen Dank empfehlen. 
Wie ging der Abend allzu schnell dahin!" 
„Nun lebet wohl." Mit Hellem Schellgetöne 
Oeffnet und schließt des Hauses Thüre sich. 
„Wie schön hier draußen, nicht im Mind'sten dunkel. 
Der Schnee so leuchtend unb das Sterngefunkel! 
Löscht man wohl sparsam die Laternen aus?" — 
Aus aller unö «euer Bett. 
In meinem Besitz befindet sich ein Druckblatt, 
in kleinem Quadratformat, mit folgender Aufschrift: 
An. 1772. Dienstag, den 18. ^u^u8t. N ro 132. 
Journals - Anhang. 
In Frankfurt am Mahn. 
Dies Blättchen enthält folgende Korrespondenz 
aus Frankenberg: 
Frankenberg, vom 15. Aug. 
Gestern, den 14 ten dieses, wurde das hohe 
Geburtssest, unsers gnädigstell Landgrasens bey 
uns celebriret. Abgeordnete versammleten sich, 
und machten eine Procession, hatte 2 dazu 
gekleidete Läufer voran gehen, woraus ein 
weißgekleideter Jüngling mit entblößtem Haupt 
einen ausgezierten Pokal in Händen trug, 
diesem folgten drey Kanons mit ihrem Konstabler, 
und eine Kompagnie junge Pursche, welche 
blaue Uniform trugen, war mit ihren Anführern 
deren Bedeckung, hatten zu ihrem Spiel Pfeiffer 
und Tambours Ruthen und Becken, und ließen 
bey den Kanonen den Türkischen Marsch spielen, 
hierauf folgten Pauken und 3 Trompeten, 
ließen sich mit ersterem Spiel wechselsweis 
hören, das Kirchencollegium Musicum gieng 
in schwarzer Kleidung mit aufgerollten Noten 
bogen unterm Arm tragend diesen nach, und 
ein Kommando freywilliger auch blau Uniform 
gekleideten jungen Bürgern waren deren 
Bedeckung; diese Proceßion gieng durch die 
Stadt, beym Rathhaus wurde dieselbe durch 
Beytrettung Bürgermeister und Rath samt 
den Rathsvierer vermehrt, unb folgte der 
Zug bis aus die sogenannte Burg (wo ehemals 
ein Schloß gestanden); bey deren Eingang war 
ein grüner Bogen gemacht, davor stunde ein 
großes Zelt vor Beamte, Bürgermeister und 
Rath ausgeschlagen, welche sich da versammleten. 
Borne an der Spitze der Burg war zwischen 
zwey gemachten Wäldger des Durchlauch 
tigsten Landgrasens Namen, darüber der Fürsten- 
huth, zwischen ersteren sich drey Sternen sehen 
ließen in ziemlicher Größe illuminiret. Unter 
wechselweisen Spiel, wurden die Kanonen auf-
	        

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