Full text: Hessenland (10.1896)

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Weeavend in Großvaters Kaufe. 
Ein Bild aus der guten alten Heit.- 
Von Je dn cito Br a rix e r. 
itsftüflitü) ihn / 
'rdnntS man 
's ist im Dezember — früher Abendschatten 
Dringt durch die Fenster, hüllt behaglich ein 
Im Zimmer alle, die in kleiner Runde 
Gesellig weilen und der Dämmerstunde 
Als Scheidegruß des Tages sich erfreu'n. 
Frisch aufgeschürt hüpft durch die Osenthüre 
Der Flamme Schein, im redlichen Bemüh'n 
Ein Weilchen noch die Kerzen zu ersparen. 
Denn Sparsamkeit galt viel in jenen Tagen, 
Von denen hier Erinnerung erzählt. — 
Die Nadel ruht -- im anfgeschlag'nen Buche 
Liegt, schön gestickt auf seidenem Stramin, 
Ein Zeichen, um die Stelle zu markixen. 
Von der man noch ein wenig will parliren. 
Man hört doch auch der Andern Urtheil gern! 
Spinnrädchen nur und Tabakspfeife bleiben 
In Thätigkeit bis zu dem Abendbrod. — 
„06 sie die Ketten schon hernieder winden. 
Um die Laternen draußen anzuzünden? 
Mir war, als hört' ich rasselndes Geräusch!" 
„Nun steckt die Lampe an unb auch zwei Kerzen! 
(Daß nichts vom Fidibus dran hängen bleibt!) 
Das volle Licht strahl' hell den Sopha-Tamen, 
Tie, liebenswürdig, uns besuchen kamen. 
Ten Oelbehälter schieb' getrost mir zu!" — 
Auf roth lackirter länglicher Tablette 
Ruht haudgerecht die blanke Lichtputzscheer'! 
Von bleicher Talgeskerze hin und wieder 
Rollt aus der Lichtmanschetten Rosen nieder 
Ein heißer Thränentropsen, müd' und schwer! 
Wie zierlich stehen auf den Löwenfüßchen 
Vom alterfeinsten Meißner Porzellan 
Die schlanken Tassen, doch auch niedre, breite. 
In deren Innres bunte Blümchen stzeute 
Der Maler, wie der Frühling auf die Flur. 
Symmetrisch steht dem Butterbrod genüber 
Ter Teller, der die Zuckerbretzeln trägt: 
Das Cabaret zur -.Rechten und zur Linken 
Beut freundlich dar den Braten und den Schinken, 
Nur Zweierlei, doch, selbstverständlich, gut! 
„Der Schlüssel steckt doch in der Zuckerdose? 
Gewöhnlich hängt er an dem Schlüsselbund. 
Tie Zange, um den Zucker zu entnehmen, 
Vergesst nicht, denn man müsste sich ja schämen. 
Lüg' solche nicht zum Greifen bei der Hand!" 
Lieblicher Dust von Nelken, Zimmt, Vanille 
Und grünem Thee. erfüllt nun das Gemach. 
„Nun nehmt und eßt, Ihr dürft Euch nicht geniren. 
Ich bitte vielmals. Seht, wir geben's gern. 
Das Näth'gen darf man niemals unterlassen, 
Ihr sitzt vor leeren Tellern sonst und Tassen 
Und gingt am Ende hungrig noch nach Haus?" -- 
Harmonisch zittern des Spinettes Töne 
Jetzt durch das Zimmer, man beginnt zu singen 
Das traute Lied von Ros' und Nachtigall. — 
„Ein Räuber, liebe Nachbarin, ein Räuber!!" 
„Sie haben Recht, geschwind das Licht geputzt!" 
Der Hausherr nimmt, damit es Keinen störe. 
Zur Näubertilgung schnell die Lichtputzscheere, 
Gewandt, daß nur kein Fünkchen niedersprüht. 
Inzwischen ist das Unterhaltungssädchen 
Nicht ganz zerrissen, leicht knüpst's wieder an. 
Im blauen Buch mit rothem Schnitt der Seiten 
Ta blättert wühlerisch der Praktikant: 
„Novalis nur kann reine Liebe schildern: 
,Jch sehe dich (o hört!) in tausend Bildern, 
Hehre Maria, lieblich ausgedrückt!'" 
Dort an der Wand, mit himmelblauem Bande, 
Winkt die Guitarre: „Hole mich herab!" 
Und zarte Hand entlockt dann ihren Saiten 
Melod'schen Klang, die Worte zu begleiten 
Ter herrlichen, der hohen Poesie. — 
Still ist's im Kreis — da hebet aus den Tiefen 
Des Ridiküls ein Döschen nun hervor 
Die Hausherrin und flüstert lächelnd leise: 
„Madame, ist's wohl gefällig? bitte sehr!" 
„Wie bin ich dankbar für die gute Gabe, 
Ein Prischen findet immerdar Willkomm!" 
„War gern geschehn — es ist ja für uns Beide 
Geben und nehmen hier 'ne Herzensfreude!" — 
Die Dose klappt und geht die Reih' herum. — 
Ter Zeiger rückt — die jungen Herrn erwägen, 
0b endlich sie die wicht'ge Frage thun? 
Das Beste wär' es ja in allen Fällen 
Für sie und für die werthen Demoisellen 
Die Bitte vorzutragen bündig schnell. — 
„Ein Ball? Wir sind erstaunt das zu vernehmen. 
Ta drängt sich ja Zerstreuung Schlag auf Schlag." 
„War denu nicht im Oktober Tanzvergnügen? 
Das könnte doch der Jugend lang genügen! 
Was sagen Sie, Majorin, nur dazu?" 
„Das will erwogen sein und wohlberathen. 
Dem: Ueberstürztes finde ich nicht gut. 
Ter Haushalt darf mir niemals drunter leiden. 
Will man zu einem Fest sich vorbereiten. 
Trum lasst zum Ueberlegen reichlich Zeit." 
Tie Jugend schweigt vor solchem ernsten Worte, 
Auch ziemt's nicht daß sie Widerspruch erhebt.
	        

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