Full text: Hessenland (10.1896)

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mitgetheilt zu lesen. Wie anders war das zu 
Anfang unseres Jahrhunderts. Jetzt kommen 
Nachrichten vom chinesisch-japanischen Kriegsschau 
platz oder aus Abessinien rascher zu uns, als die 
Nachricht von der Schlacht bei Leipzig nach Darm 
stadt. 
Am 23. Oktober kam die Nachricht nach Wien. 
Sicher kannte man auch in Darmstadt den Sieg 
der Verbündeten, aber die offizielle Zeitung durfte 
noch nichts darüber bringen; auch darüber ent 
hielt sie keine Mittheilung, daß der Großherzog 
bei der Kunde von der Flucht Napoleons und 
des französischen Heeres schon vor der Schlacht 
bei Hanau (30. Oktober) nach Mannheim abreiste, 
um den: nahenden Kriegsgetümmel zu entgehen. 
Dafür schickte er den wirklichen Geheimen Rath 
und nachmaligen Minister du Thil nach Dörnig 
heim bei Hanau, wo das Hauptquartier der Ver 
bündeten war und wo am 2. November der Bei 
tritt Hessens zum Bund, also der Abfall vom 
Rheinbund erklärt wurde. Drohte doch ohne das 
abermals wie vor sechs Jahren die Gefahr des 
Mediatisirtwerdens. 
Nach Abschluß des Vertrags eilte du Thil nach 
Mannheim, um den Großherzog davon zil be 
nachrichtigen. Am 4. November setzte dieser den 
französischen Gesandten V e n d e u i l davon in Kennt 
niß, daß er vom Rheinbund zurücktrete und mit 
den Verbündeten abgeschlossen habe. „Wohlan," 
sagte der Franzose, „der Kaiser läßt Ew. König 
lichen Hoheit sagen, daß er nach wenigen Monaten 
nach Deutschland zurückkehren und dann Ihr Land 
derart verwüsten werde, daß kein Stein auf benx 
andern bleibe, daß er gegen Sie und die Ihrigen 
alles thun werde, was die Entrüstung über Ver 
rath und gebrochene Treue ihm eingiebt." 
Mit fester Stimme erwiderte der Großherzog: 
„Wenn der Kaiser mit seinem Gewissen vereinigen 
kann, so zu handeln, wie Sie sagen, so werde ich 
niit meinen Unterthanen zusammen untergehn, ich 
mit ihnen, sie gewiß nicht ohne mich! Wie es 
kommen soll, überlasse ich der Vorsehung Gottes." 
Der Franzose eilte davon. Bevor er in den 
Wagen stieg, rief er ltod) mit geballter Faust itadj 
den Fenstern des Großherzogs hinauf: „Tu me le 
payeras, mon prince!“ 
Möchte diese französische Unverschämtheit von 
der du Thil, der sie inseinen Denkwürdigkeiten 
berichtet, Augen- und Ohrenzeuge war, nie von 
dem hessischen und dem ganzen deutschen Volk ver 
gessen werden. 
Die Hessische Zeitung brachte über die Mann 
heimer Vorgänge erst am 6. November eine offi 
zielle Mittheilung. An diesem Tage kehrte auch 
Ludwig I. wieder in seine Residenz zurück. 
Früher als Hessen war Baden vom Rheinbund 
abgefallen (26. Oktober). 
Jetzt konnte die Hessische Zeitung auch, über 
zwei Wochen nach der Schlacht bei Leipzig, ausführ 
lichere Berichte über dieselbe bringen und dabei 
den Abfall der Württembergischen und sächsischen 
Regimenter während der Schlacht mittheilen. 
Auch über die Schlacht bei Hanau wurden nun 
ausführliche Mittheilungen gemacht und der be 
wunderungswürdigen Tapferkeit der verbündeten 
Truppen das höchste Lob gespendet. Wie anders 
klingt jetzt der Bericht aus Frankfurt über den 
Einzug der zwei Kaiser von Oesterreich und von 
Rußland. „Von dein Jubel des herbeigeströmten 
Volkes können sich nur Augenzeugen einen Begriff 
machen. Alle Straßen, alle Fenster, selbst die 
Dächer waren mit Menschen gefüllt, welche durch 
den Ausdruck der lautesten Freude bewiesen, daß 
einige drangvolle Jahre die frohe Erinnerung an 
alte glückliche Zeiten nur erhöhen können. Die 
selben ehrwürdigen Stätten, welche mehrere Jahr 
hunderte Zeugen deutscher Huldigung waren, er 
tönten wieder von tausend Stimmen freier 
Deutschen." 
Zwischendurch konnnt aber, vielleicht aus alter 
Gewohnheit, noch ein französischer Kriegsbericht, 
so in der Beilage zu Nr. 135 über die Schlacht 
bei Leipzig. Danach hatte Napoleon am 16. uui> 
18. Oktober gesiegt, aber durch die 95000 ge 
thanen Kanonenschüsse die Munition bis auf 
16 000 Schüsse verbraucht, die kaum für ein zwei 
stündiges Feuer reichten. Die französische Armee 
hatte seit fünf Tagen mehr als 220 000 Kanonen 
schüsse gethan, und nur zu Magdeburg oder zu 
Erfurt konnten neue Vorräthe an Munition ge 
faßt werden. „Dieser Umstand nöthigte die fran 
zösische Armee, den Früchten zweier Siege zu ent 
sagen, in welchen sie eine weit überlegene Truppen 
zahl und alle Armeen des festen Landes geschlagen 
hatte." Di- zu frühe Sprengung der Elsterbrücke 
wird darin der Dummheit eines Sappeurcorporals, 
„ein Mensch ohne alle Einsicht und den Sinn 
seines Auftrags gar nicht verstehend", zugeschrieben. 
„Die dadurch in die Armee gebrachte Unordnung 
veränderte die ganze Lage der Dinge; die sieg 
reiche französische Armee kam zu Erfurt in einem 
Zustand an, als ob sie geschlagen wäre." Auch 
erfahren wir auf diesem Wege und aus dieser 
Quelle, daß Napoleon am 1. November von 
Frankfurt aus zwanzig in den Schlachten von 
Leipzig und Hanau eroberte Fahnen an die 
Kaiserin nach Paris schickte. 
Doch nun war der schimpfliche Rheinbund be 
graben. Möchten nie solche Zeiten des Jammers 
und Elends wiederkehren.
	        

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