Full text: Hessenland (10.1896)

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neral Czerniczefs, welcher einige Tage Kassel be 
seht gehalten und daselbst am 1. Oktober das 
Königreich Westphalen für aufgelöst erklärt hatte, 
am 3. nach Leerung aller öffentlichen Magazine 
ohne Schwertstreich aus dieser Residenz wieder 
abgezogen. Der General von Alix verfolgte den 
selben. Tie Bewohner des Werra-Departements, 
insbesondere die des Departements - Hauptorts 
Marburg haben sich bei der Annäherung des 
feindlichen Streiscorps ruhig benommen. Wenige 
Schlechtgesinnte haben hin unb wieder die Ruhe 
gestört und öffentliche Beamte beleidigt." 
Erst in Nr. 123 vom 14. Oktober (S. 998) 
bringt sie einen ausführlicheren Bericht unter 
Kassel, 8. Oktober, in dem der Sturm aus die 
Stadt durch die Russen und die Flucht des Königs 
bestätigt wird. Natürlich wurden nur durch den 
trunkenen, sinnlos wüthenden Pöbel Unordnung 
und die heftigsten Auftritte hervorgebracht. „Dieses 
Gesindel entwaffnete die Soldaten. Einige Ko 
saken, welche in die Stadt eingedrungen waren, 
wurden im Triumph empfangen. Die Husaren 
wurden beleidigt, mißhandelt; man wollte den 
General in Stücke hauen" re. Die Nationalgarde 
konnte nicht verhindern, „daß die Kasernen vom 
Gesindel geplündert wurden". 
Also waren es nur Uebelgesinnte, es war der 
Pöbel, das Gesindel in Stadt und Land, nicht 
deutschfühlende Männer, die das fremde französische 
Joch abzuschütteln bemüht waren! 
Das Gewitter, das den corsischen Eroberer 
niederschlagen sollte, zog sich immer drohender zu 
sammen lind entlud sich mit vernichtender Macht 
in der dreitägigen Völkerschlacht bei Leipzig. Nie 
hatten sich so ungeheure Kriegsmassen gegenüber 
gestanden. Zum französischen Heere gehörten immer 
noch bei Fußvolk, Reiterei und Artillerie wenigstens 
40000 Mann deutsche Nheinbundstruppen, obgleich 
Bayern außer einer Brigade keine Truppen bei der 
französischen Armee stehen hatte und während der 
Schlacht ein großer Theil der sächsischen und württem- 
bergischen Truppen zu dem verbündeten Heere über 
gingen. Es waren im Ganzen 5400 Mann Fuß 
volk, 1100 sächsische und 1100 Württembergische 
Reiter und 38 Kanonen mit Bedienung. Nach 
schwerem, furchtbaren Ringen war der Sieg für 
die deutsche Sache entschieden, die Franzosen flohen. 
Im Laufe von acht Monaten wurde bei Leip 
zig der hessische Theil des französischen Heeres zum 
zweiten Male bis auf schwache Reste aufgerieben. 
(Sin Kampf nur von Deutschen gegen Deutsche 
war es am dritten Tage der Schlacht, als die Bri 
gade Zielen bei Zuckelhausen auf die Division 
March and traf. Diese bestand aus hessen-darm- 
städtischen und badischen Truppen. Es wurde 
heiß gekämpft, bis es Zielen gelang, das 
Dorf zu nehmen unb den Feind zum Weichen zu 
bringen. Die Hessen hatten zuletzt die Aufgabe, 
am Grimmaischen Thore den Rückzug der fran 
zösischen Armee zu decken, wobei viele sielen oder 
mit ihrem Führer, dem Prinzen Emil von Hessen, 
gefangen wurden. Nur ein kleiner Ueberrest blieb 
bei dem fliehenden französischen Heere, er theilte 
sich unterwegs, ein Theil kam von Hünfeld aus 
über Schlitz nach Gießen, der andere Theil er 
reichte am 30. Oktober in der Nacht vor der 
Schlacht bei Hanau den Main unb am 3. No 
vember Darmstadt. 
Blücher folgte dem flüchtenden französischen Heere 
auf dem Fuße. Im Hauptquartier der Verbündeten 
wurde angenommen, Napoleon werde nicht wagen, 
Wrede bei Hanau anzugreifen, sondern versuchen, 
über den Vogelsberg an die Lahn und dann an 
und über den Rhein zu kommen. Deshalb be 
kam Blücher den Befehl, diesen Weg zu verlegen. 
So kam der alte Held am 2. November nach 
Ulrichstein, wo er übernachtete, und am 3. No 
vember nach Gießen, wo er mit unendlichem Jubel 
empfangen wurde. Die Studentenschaft veran 
staltete ihm zu Ehren einen Kommers, auf welchem 
er den Toast ausbrachte: „Meine Herren, gut 
deutsch oder an den Galgen." Nach anderer An 
gabe soll Blücher ein „Pereat auf alle Halben" 
ausgebracht haben. Sein Hauptquartier blieb acht 
Tage in Gießen. 
Voir allen wichtigen Ereignissen enthält die 
Hessische Zeitung nicht ein Wort. Dagegen bringt 
sie ant 2. November ein Ausschreiben der Ober- 
regierungs-Kommision vom 1. November: „Da 
der Kriegsschauplatz sich in die Großherzoglichen 
Lande gezogen hat. und davon die unvermeidliche 
Folge ist, daß die Unterthanen mit schweren 
Aufopferungen zu kämpfen haben, und daher zu 
Vermeidung größerer: Unglücks nichts nothwendiger 
ist, als daß die Unterthanen allen an sie von ihren 
Vorgesetzten ergehenden Befehlen und Aufforderungen 
die pünktlichste Folge leisten, so werden die ge- 
sammten Unterthanen und Einwohner des Groß- 
herzogthulns hierdurch nochmals bei schwerer Ver- 
antwortmlg und nachdrücklichster Ahndung ange 
wiesen, sich nicht die geringste Widersetzlichkeit 
gegen die Befehle ihrer Oberen und Beamten z:: 
Schulden kommen zu lassen." 
Aber wo in aller Welt dachte jemand an 
Widersetzlichkeit! Es kamen ja die so sehnsüchtig 
von der gesammten Bevölkerung erwarteten Be 
freier von dem schimpflichen französischen Joch. 
Wir am Ende des Jahrhunderts sind schon 
lange daran gewöhnt, Nachrichten von wichtigen 
Ereignissen in kürzester Zeit von den Tagesblättern
	        

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