Full text: Hessenland (10.1896)

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Vre großherzoglich hessischen Truppen in den Kriegen der Rhein- 
bundszeit und die amtliche Kresse des Landes. 
Von Professor O. Büchner. 
(Schluß.) 
Jt 
|a§ große Freiheitsjahr 1813 brach an, und 
neue Hoffnung beseelte die deutsche Brust. 
Von Friedrich Wilhelm III. erging der Ruf 
zur Befreiung vom französischen Joch; in jedem 
deutschen Herzen erweckte er das lauteste Echo. 
Nur die geknechteten Rheinbundstaaten knirschten 
in ohnmächtiger Wuth. 
Den ungeheuren Rüstungen Rußlands, Preußens 
und Oesterreichs sah Napoleon nicht unthätig zu. 
In Frankreich stampfte er ein neues Heer aus 
dem Boden, und die Rheinbundstaaten, die ja auch 
ihre Truppen in Rußland verloren hatten, muhten 
ebenfalls wieder die vertragsmäßige Zahl der 
Streiter zum französischen Heere stellen. Der 
Freiheitskrieg begann. 
Wieder war der Kriegsschauplatz in Deutschland. 
In den beiden Schlachten von Großgörschen 
am 2. und von Bautzen am 20. und 21. Mai 
1813 siegte Napoleon, und die Verbündeten 
mußten sich zurückziehen. 
Wieder wurde in Darmstadt der Napoleonische 
Sieg mit kirchlichem Feste gefeiert -- es war zum 
letzten Mal. Auch der Geburtstag Napoleons 
am 15. August 1813 wurde noch einmal festlich 
begangen, aber ebenso zum letzten Mal. 
In einer Reihe von Schlachten gelang es den 
todesmuthigen Heeren der Verbündeten die sieg 
gewöhnten Armeen Napoleon's zu besiegen. Die 
Schlachten von Groß beeren, 23. August, an 
der Katzbach, 26. August, Kulm, 29. und 30. 
August, und Dennewitz, 6. September, gaben 
den deutschen Heeren Gelegenheit, unverwelkliche Lor 
beeren des Ruhms und der Tapferkeit zu sammeln. 
Alles spitzte sich auf den letzten großen Schlag zu. 
Bei diesen Kämpfen entwickelten preußische und 
russische Freischaaren theils vereinzelt, theils mehr 
im Verband die erfolgreichste Kriegsthätigkeit. 
Nicht ist hier der Platz auf die Erfolge ein 
zugehen, die General Thielmann, Rittmeister 
Graf Wartensleben, Oberst Graf Mensdorf, 
Major von Colomb, der am berühmtesten ge 
wordene Major von Lützow und manche andere in 
dem Freiheitskriege errangen. Nur des russischen 
Generals Tschernitschef sei besonders gedacht, 
weil er mit 2000 Reitern und 6 Geschützen in 
fünf Tagen mitten durch Feindesland von Aken an 
der Elbe vor Kassel zog. Hieronymus Napoleon 
entfloh nach Marburg, verlor aber einen Theil seiner 
Begleitung und einen Theil seines königlichen Ge 
päcks. Viele Deutsche im westfälischen Heer gingen 
zu beit Russen über, und in kurzer Zeit war ein 
Bataillon aus Ueberläufern, Gefangenen, Studenten 
und Freiwilligen gebildet. Kassel wurde am 
30. September beschossen, General Alir kapitnlirte 
und durfte mit Waffen und Gepäck abziehen, aber 
ohne 22 Kanonen und 79 000 Thaler in der 
Kriegskasse, die dem Sieger in die Hände fielen. 
! Tschernitschef zog am 1. Oktober in Kassel ein 
j und wurde mit unendlichem Jubel aufgenommen. 
! Er hob das westfälische Königreich auf, leerte das 
j Zeughaus und nahm alles königliche Eigenthum 
I und alle Kriegsvorräte mit sich. Erst am 
13. Oktober kam der König „Immer Lustik" nach 
Kassel zurück. Sein Held Alir, der nur durch 
die Gnade der Sieger entkommen war, wurde 
zur Belohnung für seine Thaten zum Grafen 
von Frendenthal ernannt. Am 25. Oktober, als 
die Nachricht von der Schlacht bei Leipzig nach 
Kassel gekommen war, fanden sich Se. Majestät 
König Hieronymus „durch beit Drang der Um 
stünde veranlaßt, sich aus Ihren Staaten zu ent- 
sernen". (Wests. Moniteur.) 
Wie nimmt sich nun eine solche einzelne Episode 
aus den Freiheitskriegen bei rheinbündlerischer Be 
leuchtung aus? Wir finden ein betr. Nachricht in 
der Hessischen Zeitung. In ihrer Nr. 120 vom 
7. Oktober 1813 (S. 966) bemerkt sie nur: „Ein 
Streifzug gegen Kassel von Seite der auf das linke 
Elbuser herübergekommenen feindlichen Truppen 
scheint sich nicht mehr bezweifeln zu lassen" und 
dann auf der folgenden Seite unter Darmstadt, 
6. Oktober: „Nach einer diesen Morgen hierein 
gelangten sicheren Nachricht hat sich das nach 
Kassel und die umliegende Gegend des König 
reichs Westfalen gezogene Trnppencorps von der 
coalisirten Armee am 3ten Nachmittags auf's 
Eiligste über Münden ititb Göttingen zurückge 
zogen. Mehrere französische und königlich west 
fälische Truppen sind zu dessen Verfolgung aus 
dem Marsch." In der folgenden Nummer vom 
9. Oktober (S. 975) wird noch von Frankfurt, 
8. Oktober, berichtet: „Unsere heutige Zeitung 
enthält zwei Bekanntmachungen, welche am 5. Oc 
tober der Herr Gen.-Commissär von Wolf und 
der Herr Prüfect A. von Trott zu Marburg er 
lassen haben. Nach denselben war der russ. Ge
	        

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