Full text: Hessenland (10.1896)

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in Hersfeld einrückte. Die Sicherheit, in die sich 
die Bürger gewiegt, machte bald einer angstvollen 
Spannung Platz, zumal als sich am folgenden 
Tage das Gerücht verbreitete, daß der Stadt 
irgend ein Unglück bevorstehe; und der Umstand, 
daß Lingg den Bürgermeister Schröder aus dem 
versammelten Stadtrath zu sich entbot und ihn 
ersuchte, des andern Morgens in Begleitung des 
Stadtrathes sich bei ihm einzufinden, da der 
Tag zum Abmarsche der Truppen bestimmt sei 
und er ihnen sonst noch Manches zu sagen habe, 
trug nur dazu bei, die Aufregung zu vermehren, 
wenn man ja auch von dem Wohlwollen des 
Kommandanten überzeugt zu sein glaubte. Eine 
Deputation, die der Magistrat an Barbot sandte, 
um dem General einen Abschiedsbesuch zu machen 
und bei dieser Gelegenheit womöglich etwas 
Näheres zu erfahren, kehrte unverrichteter Dinge 
heim. So brachten die Bürger die Nacht zum 
20. in Angst und Furcht zu, die sich noch steigerte, 
als um Mitternacht der Befehl erging, sofort 
mehrere Schock Stroh in das auf dem Marktplatz 
stehende Exerzierhaus zu bringen. Man ahnte 
Schlimmes. Durch welchen Einfluß aber konnte 
denn plötzlich eine solche Veränderung in der 
Stimmung Hersfeld gegenüber herbeigeführt sein, 
nachdem noch vor kurzem die beiden französischen Ge 
nerale so beruhigende Zusicherungen gegeben hatten? 
Sollte ein höherer Wille, sollte der Kaiser selbst 
die Bestrafung Hersfelds verlangen? Der nächste 
Morgen mußte darüber Gewißheit bringen. Und 
er brachte sie, trauriger und grausiger, als es 
die geängstigte Bürgerschaft hatte ahnen können, 
als Barbot den zu ihm beschiedenen Bürgermeistern 
Schröder unb Sandmeister, sowie dem Stifts- 
beamten Hartert und dem des Französischen mäch 
tigen Morchutt des Kaisers Befehl mittheilte, 
daß die Stadt in Feuer aufgehen, zuvor aber der 
allgemeinen Plünderung preisgegeben werden solle. *) 
Freilich das konnte man noch nicht wissen, daß 
ein großer Theil der der Stadt drohenden Gefahr 
bereits abgewendet war durch das Eingreifen edel- 
nmthiger Männer, die zusammenwirkten, um die 
unglückliche Stadt zu retten: Barbot,Lagrange 
und vor allen Lingg. Bevor wir jedoch der Frage 
*) Auch von dieser Zusammenkunft bei Barbot berichtet 
das Kirchenbuch nichts; sie wird aber mit ausführlichen 
Einzelheiten erwähnt in einer auf schriftlichen Aufzeich 
nungen beruhenden Darstellung der Vorgänge in der 
„Hersfelder Zeitung" 1895, Nr. 23, die zwar im Uebrigen 
verschiedene Irrthümer enthält, über die letzten Ereignisse 
aber gut informirt erscheint. 
näher treten, welchen AntheilTjederUnzelne jener 
drei Männer an der Rettung Hersfelds hatte, 
fallen kurz die folgenden Ereignisse^selbst erzählt 
werden. 
Noch während die Magistratsmitglieder bei 
Barbot versammelt waren, rückten sämmtliche 
französische Truppen mit Ausnahme der zwei 
badischen Jägerkompagnien aus der Stadt aus 
und machten vor dem Klausthor, wohin ihnen 
Barbot alsbald folgte, auf der Kasseler Straße — 
Front gegen die Stadt — Halt. Die Schreckens 
nachricht von dem der Stadt bevorstehenden 
Schicksal verbreitete sich rasch durch alle Straßen, 
Angst und Verzweiflung unter den unglücklichen 
Einwohnern hervorrufend. Da erschien Oberst 
lieutenant Lingg auf dem Marktplatz, wo sich 
mittlerweile seine Jäger gesammelt hatten; er 
ließ durch ein Kommando den Thurm der Stadt 
kirche besetzen und schickte Patrouillen durch die 
Stadt, um jeden etwaigen Ausbruch der Ver 
zweiflung und jede Widersetzlichkeit, die die Stadt 
zu Grunde richten mußte, im Keime zu ersticken. 
Als er die Unruhe der Bürger bemerkte, ließ er 
die Nächststehenden um sich treten und machte 
ihnen Folgendes bekannt: Auf Befehl des fran 
zösischen Kaisers solle zwar die Stadt wegen des 
an einem Soldaten begangenen Mordes an vier 
Ecken angezündet und geplündert werden. Allein 
die Häuser, welche dazu bestimmt wären, angesteckt 
zu werden, hätten eine solche Lage, daß für die 
Stadt kein großer Nachtheil zu befürchten sei. 
Man habe des Kaisers strengen Befehl — 1a 
ville de Hersfeld sera brülee —■ wegen des 
sonstigen guten Betragens der Bürgerschaft und 
weil soviele Unschuldige mitleiden müßten, auf 
diese Art zu modifiziren und auszulegen gewagt. 
Die vier bestimmten Häuser müßten aber ab 
brennen, und deren Brand dürfe man nicht löschen; 
doch wolle er erlauben, daß wenn das Feuer 
weiter um sich greifen sollte, den nebenanstehenden 
Häusern mit Spritzen zu Hilfe gekommen werden 
dürfe. Nur bitte er die Bürger ruhig zu sein 
und sich nicht die geringste Widersetzlichkeit zu 
erlauben, denn sonst würden die vor den Thoren 
haltenden Truppen auf ein gegebenes Zeichen 
hereinbrechen, und die Stadt sei nicht mehr zu 
retten. Diese Worte des Kommandanten theilten 
die Bürger, die sie mit angehört hatten, ihren 
Mitbürgern mit und baten sie dringend sich ruhig 
zu verhalten. 
(Schluß folgt.)
	        

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