Full text: Hessenland (10.1896)

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Umgegend auch im Rücken angegriffen wurde. 
Die ganze Schaar mußte das Gewehr- strecken 
und wurde im Triumph nach Hersfeld zurück 
geführt. Die Aufständischen stürmten hierauf 
das Rathhaus und bewaffneten sich mit den 
Gewehren, die das früher in Hersfeld in Garnison 
stehende hessische Bataillon hatte abliefern müssen. 
Der verhängnißvollen Aufregung folgte gar 
bald die Ernüchterung; man überdachte die Folgen, 
die das thörichte Beginnen für die Stadt haben 
mußte. Denn daß Napoleon, einem zahlreichen 
Feinde fern an der Weichsel gegenüber, nicht 
dulden würde, daß auch in seinem Rücken Feind 
seligkeiten ausbrächen, zumal bei der nur schwachen 
Besatzung Hessens, darüber konnte man keinen 
Augenblick im Zweifel sein. Die städtischen Be 
hörden, die dem Aufruhr rathlos gegenüber 
gestanden hatten, kamen wieder zur Besinnung 
und schickten die Bürgermeister Ge sing und 
Morchutt in Begleitung des verwundeten franzö 
sischen Kapitäns nach Kassel, um über den Borfall 
persönlich zu berichten und nachtheilige Folgen 
möglichst von der Stadt abzuwehren. Am Abend 
des 25. Dezember langte die Deputation in Kassel 
an und wurde noch um 10 Uhr von Lagrange 
empfangen, der indes schon von einem aus Hersfeld 
glücklich entkommenen Offizier (Lieutenant Jouy) 
von dem Vorgefallenen unterrichtet worden war. 
Der Stadt Hersseld wurde zunächst ausgegeben, 
die italienische Kompagnie sicher nach Kassel zu 
befördern; als sich die Ausführung dieser An 
ordnung wegen der in der Gegend von Roten 
burg und Homberg ausgebrochenen Insurrektion 
unausführbar erwies, wurde die Truppe nach 
Fulda gebracht und dort dem General Thiebault 
übergeben. In Betreff der Amnestie für die Stadt 
verhandelte Morchutt wochenlang in Kassel mit 
dem Gouvernement, wobei er sich der kräftigen 
Unterstützung der hessischen Minister von Waitz, 
von Baumbach, von Schmerseld und des 
Geheimraths von Heister erfreute; erst nach 
vier Wochen erhielt er von letzterem mitten in der 
Nacht die beruhigende Mittheilung, daß der 
Gouverneur Hersfeld in die allgemeine Amnestie 
eingeschlossen habe.*) 
Mittlerweile war am 9. Januar 1807 General 
Barbot mit einem sog. Exekutionskommando 
in Hersfeld eingerückt; die Stadt hatte ihm ein 
Geschenk von 1000 Karolinen zahlen müssen und 
den Befehl erhalten, 5000 Paar Schuhe zu liefern, 
der übrigen Requisitionen nicht zu gedenken. 
Die einquartierten Truppen hatten an ihre 
*) Von dem vierwöchigen Aufenthalte Morchutt's in 
Kassel enthält das Kirchenbuch nichts; derselbe ist aber 
sonst gut bezeugt. 
Quartierwirthe hohe Forderungen, gestellt und 
noch dazu die Gelegenheit benutzt, Kleidungsstücke 
und dergl., ja, auch Geld zu erpressen. Die 
Kosten dieser bis zmn 14. Januar dauernden Ein 
quartierung durch Verpflegung und Requisitionen 
wurden auf 30000 Thaler angeschlagen. Nachdem 
das Haus*), aus dem am 24, Dezember der 
verhängnißvolle Schuß gefallen, den Soldaten 
zur Plünderung überlaffen und dann abgebrochen 
worden war, war Barbot am 14. Januar ab- 
marschirt, um auch in anderen Gegenden den 
Aufruhr niederzuwerfen. Die von ihm verlangte 
Auslieferung der Schuldigen war nicht inöglich 
gewesen, da sich alle Theiluehmer rechtzeitig ent 
fernt hatten. 
Mit Barbot's Abzug athmete die Bürgerschaft 
erleichtert auf. Als Garnison blieben nur gegen 
4—500 Mann zurück, bestehend aus den früher 
hier mißhandelten Italienern und zwei Köm- 
pagnien badischer Jäger; Kommandant wurde 
dchi badische Oberstlieutenant L i n g g, der durch 
sein entgegenkommendes und liebenswürdiges 
Wesen, durch sein der Stadt stets bewiesenes 
Wohlwollen, durch seine Bemühungen, die Lasten 
der unvermeidlichen Einquartierung möglichst zu 
liüdern, durch die strenge Handhabung der Ordnung 
und Zucht in dieser schweren Zeit die Bürgerschaft 
sich zu aufrichtigem Danke verpflichtet hat. 
Am 26. Januar kehrte Barbot von seinem 
Streiszuge zurück und ließ während seines zwei 
Tage dauerndeil Aufenthaltes einen früheren 
hessischen Soldaten (Schüßler) aus Hersfeld, der 
zwar an dem Aufruhr nicht theilgenommen hatte, 
aber eine Flinte bei der Ablieferung der Waffen 
verheimlicht haben sollte, standrechtlich erschießen. 
Am 28. Januar schied der General von Hersfeld, 
nachdem er dem Stiftsbeamten Hartert die 
(der Bürgerschaft mitzutheilende) Versicherung 
gegeben hatte, daß die Stadt, wenn sie ferner 
ruhig bliebe, nichts weiter zu befürchten habe. 
Die frühere Garnison unter Oberstlieutenant 
Lingg blieb auch jetzt zurück. 
Barbot's Versicherung und die Nachrichten, die 
ungefähr zu gleicher Zeit Morchutt von dem 
Gouvernement in Kassel mitgebracht hatte, konnten 
nicht verfehlen auf die Bürgerschaft einen be 
ruhigenden Eindruck zu machen; man glaubte 
sich der nicht unberechtigten Hoffnung hingeben 
zu dürfen, daß von der Stadt, wo die Ordnung 
seit jenem verhängnißvollen Tage nicht mehr 
gestört worden war, jede Gefahr abgewendet sei. 
Um so größer war die Ueberraschung, als am 
18. Februar Barbot unvermuthet zum dritten Male 
*) Am Linggsplatz, Ecke der Webergasse.
	        

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