Full text: Hessenland (10.1896)

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Oberstlieutenant Lingg und die Rettung von Hersfeld. 
Auf Grund der Quellen dargestellt von Profeffor Hafner. 
Cjlm 8. November d. I. wurde in Hersfeld 
J-k das Denkmal des ehemaligen badischen 
Oberstlieutenants Lingg enthüllt und damit 
ein lange geschuldeter Zoll des Dankes den Manen 
eines Mannes entrichtet, der in schwerer Zeit 
deutsche Treue bewährt und der seinen Namen 
für alle Zeiten mit der Geschichte der Stadt 
Hersfeld verknüpft hat. Der Name Lingg dürfte 
in ganz Hessen und weit darüber hinaus bekannt 
sein; wenigstens ist die Kunde von dem Komman 
danten und den Jägern von Hersfeld durch die 
Erzählung in Hebel's Schatzkästlein und durch 
die Aufnahme in eine Reihe älterer Lesebücher 
in weite Kreise des deutschen Volkes gedrungen. 
Wenn ich es nun unternehme im Folgenden die 
Ereignisse jener Tage den Lesern des „Hessen 
landes" vorzuführen, in welche uns die Enthüllung 
jenes Denkmals zurückversetzt, so geschieht es in 
der Absicht, aus den vielfach sich widersprechenden 
Berichten den geschichtlichen Kern zu gewinnen 
und aus Grund gleichzeitiger Aufzeichnungen und 
auch neuerer Forschungen den Antheil der an 
jenen Vorgängen betheiligten Personen festzustellen, 
soweit es die Ueberlieferung jener unruhigen Zeit 
gestattet. Als Hauptquelle liegt meiner Darstellung 
eine Aufzeichnung im Hersfelder Kirchenbuche,zu 
Grunde, welche die Ereignisse in Hersfeld vom 
Dezember 1806 bis Ende Februar 1807 in 
zusammenhängender Erzählung schildert und sowohl 
wegen ihrer Gleichzeitigkeit, als auch wegen ihres 
Fundortes besondere Bedeutung verdient. 
Es war im Dezember 1806. Französische 
Heere standen siegreich an der Weichsel, der Staat 
Friedrich's des Großen verblutete im Todeskampfe; 
in Hessen, dessen Landesherr sich der Täuschung 
hingegeben hatte, durch eine Art Neutralität sein 
Land vor den Stürmen des Krieges bewahren 
zu können, waren schon im Oktober zwei französische 
Heersäulen eingerückt, hatten Kassel, das der 
Kurfürst nur mit knapper Noth verlassen konnte, 
besetzt, und es war ein französisches General 
gouvernement unter General Lagrange eingerichtet 
worden. Die hessischen Regimenter wurden ent 
waffnet, die Truppen in ihre Heimath entlassen, 
wohin die braven Soldaten — zum Theil jetzt 
ohne Arbeitsverdienst — Grimm im Herzen, 
zurückkehrten, einen gefährlichen Gährungsstoff 
mitbringend. Die Aufregung stieg noch in be 
denklichem Maße, als auf Napoleon's Befehl der 
Gouverneur zum Eintritt in französischen Heeres 
dienst aufforderte und bald darauf die Einreihung 
der entlassenen Soldaten in neuzubildende Regimenter 
bei den härtesten Strafen anordnete. Dies wurde 
die Veranlassung zu zahlreichen Aufstünden, die 
im Winter 1806/1807 in verschiedenen Gegenden 
von Hessen ausbrachen.*) 
In Hersfeld war während der ersten Zeit die 
Ordnung und Ruhe aufrecht erhalten worden, 
obgleich es auch hier unter den entlassenen Sol 
daten nicht an Unzufriedenen fehlte, die geneigt 
waren auch Hersfeld zum Schauplatz derJnsurrektion 
zu machen. Einstweilen aber behielten die ruhe 
liebenden Bürger die Oberhand, als ein un 
erwarteter Umstand den glimmenden Funken 
entfachte und Aufruhr und schweres Unglück über 
die Stadt brachte. Am Christsonnabend des 
Jahres 1806 rückte eine Kompagnie italienischer 
Truppen — etwa 160 Mann — in der Stadt 
ein. Schon nach wenigen Stunden kam es zwischen 
einem Hersfelder Bürger (Namens Pforr) und 
einem einquartierten Sergeanten zum Streit, in 
dessen Verlauf der letztere gegen den Wirth den 
Degen zog; es entstand Lärm, vorübergehende 
Italiener kamen ihrem Kameraden zu Hilfe, 
während Bürger und entlassene Soldaten, mit 
Aexten, Sensen u. s. w. bewaffnet, gleichfalls 
zusammenliefen und über die Italiener herfielen. 
Und als der Kapitän (Guillien) seine Leute auf 
dem Markte sammeln und aus der Stadt heraus 
führen wollte, wurde er selbst mißhandelt, viele 
Soldaten verwundet, einer von einem früheren 
Soldaten Selig erschossen. Ein Versuch, mit 
dem Reste der Kompagnie auf der Straße nach 
Homberg (an dem Felsenkeller) Posto zu fassen, 
mißlang, da die Abtheilung von Bauern der 
*) Vergl. Lhnker, Geschichte der Insurrektionen Wider 
dos westfälische Gouvernement.
	        

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