Full text: Hessenland (10.1896)

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geschichte ist. (Bergt. Non item- 64 vom 15. Marz 
1812, S. 253, Staatskalender 1812, S. 182, 
Hassel und Murhard, Westfalen, Bd. 1, Heft 3, 
S. 74.) A. W. 
Etwas vom „lieben Bruder Wagner". 
Vor mir liegt ein merkwürdiges im Jahre 1790 
zu Kassel gedrucktes Gelegenheitsgedicht, das viel 
leicht den einen oder andern Leser des „Hessen 
landes" interessiren wird. Es sind zwei Blätter in 
Quartformat; die erste Seite trägt folgenden Titel: 
Ich 
lieber Bruder Wagner 
* thu euch zeigen. 
Wie sich brave Menschen müssen beugen, 
Bis uns Gott thut rufen 
Zll beit hösten Himmels-Stufen. 
Dieses kleine Gedicht 
ist 
zur Ehre der Bäcker- itnb Metzger-Gilde, 
wie auch 
denen lieben Schwestern und Brüdern 
vom 
lieb eil Bruder Wagner, 
zulll Andencken, 
welcher sich mit seinen Hunden und Schweinen 
wird bis zum Kayser schwingell. 
Cassel, 1790. 
Dann folgt auf Seite 3 und 4 das Gedicht selbst: 
Ich lieber Bruder Wagner, allhier, 
Thu mit Schwein' und Hund' marschier. 
Die Schweine aus Liebe erkauft 
Vom Metzger Grebe von hier. 
Und aniezt nach Frankfurt lauft, 
Um zu trinken Wein oder Bier, 
Bey der Krönung zu Frankfurt am Mahn, 
Wo liebe Brüder und Schwestern ich muß seyn, 
Um die Schweine fahren zur Stadt hinein, 
Denn lieber Bruder Wagner will leben, 
Aus Kermcrth 
Am 6. Januar, dem Todestage des letzten 
Kurfürsten Friedrich W i l h e l m von Hessen, 
war dessen Grabstätte auf dem alten Todtenhof 
zll Kassel mit prächtigen Kränzen reich geschmückt. 
Eill ehemals kurhessischer Offizier, General 
der Infanterie z. D. von Spangenberg, 
welcher in hoher geistiger und körperlicher Frische 
ill Kassel im Ruhestande lebt, über dessen Lebens 
gang im 5. Jahrgang dieser Zeitschrift (1891), 
Nr. 19, S. 266 f.. Näheres mitgetheilt ist, erhielt 
Drum gebt, liebe Brüder und Schwestern, was hinein: 
Aber in der Arche Wagner muß solches seyn. 
Lebet wohl, hoher Becker-Stand, 
Gott regiere euch durch seine Hand. 
Er wird Euch so lange lassen grüßen, 
Wie Ihr den Heller zum Ofen thut h'nein schießen. 
Wer Lust und Liebe hat mit zu reisen, 
Kan ebenwohl bekommen gute Speisen. 
Adjell, lebet wohl und gesund. 
Bis da kommt die Todesstund. 
Der Dichter ist der zu Ende des 18. Jahr 
hunderts unter dem Namell „der liebe Bruder- 
Wagner" bekannte Kasseler Bäcker W. in der 
Königsstraße, dessen Speckkuchen seiner Zeit in 
Kassel einen besonders guten Ruf genossen. Jedes 
mal wenn dieses beliebte Gebäck bei ihm lvarm 
aus dem Ofen kam, ließ er dies wichtige Ereigniß 
den Einwohnern der fürstlichen Residenz durch 
laute Trompetensignale verkünden und außer 
dem durch seine Lehrjungen an verschiedenen 
Straßenecken der Oberneustadt ausrufen: „Die 
Speckkuchen sind gar beim lieben Wagner!", so 
daß jeder Jnteressirte zur rechten Zeit Bescheid 
wußte. (Bergt. Hessische Erinnerungen, Kassel 1882, 
S. 218 f.) — Nach unserm Gedichte scheint er 
auch ' einen Schweinehandel betrieben zu haben. 
Im Herbst 1790 fand die Kaiserwahl imb Krö 
nung Leopold's II. zu Frankfurt statt, an der sich 
bekanntlich unser Landgraf Wilhelm IX. dadurch 
betheiligte, daß er ein starkes Truppencorps zum 
Schutze der Feier vor die Thore der Krönungs 
stadt führte. (Bergt. L. W. Wiederhold, Be 
schreibung des Lagers bei Bergen. Kassel 1791.) 
Der „liebe Bruder Wagner" wird sich wohl da 
mals den Truppen als Marketender angeschlossen 
und vor seiner Abreise das obige Gedicht zu 
Reklamezwecken veröffentlicht haben. — Vielleicht 
weiß aber einer der Leser hierüber noch besser 
Bescheid und kann llns am Ende noch bett kuriosen 
Eingang und Schluß des Poems erklären. 
tm6 ^fremde. 
am 9. Januar aus Anlaß dcr 25 jährigen Wieder 
kehr des Tages des Treffens von Villersercl 
gegen Bvurbaki, an welchem der Genannte als 
Bataillonskommandeur im Infanterieregiment von 
Lützow (1. Rheinischen Nr. 25) besonders ruhm 
reichen Antheil hatte, von Sr. Majestät dem 
Kaiser ein in äußerst ehrenden Ausdrücken gehaltenes 
Telegramm, in welchem gleichzeitig die Verleihung 
des rothen Adlerordens 1. Klasse mit Eichenlaub 
ausgesprochen wird.
	        

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