Full text: Hessenland (10.1896)

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Er lag schwer und trage zwischen den Bäumen 
— ganz allein und menschenleer. 
„Warum gingen Sie nicht weiter — nach Athen, 
gnädige Frau?" fragte Willens endlich, nachdem 
sie sich aus einer Bank niedergelassen hatten, — als 
habe Lydia erst eben das letzte Wort gesprochen. 
„Weil Bondin krank wurde — sehr krank;" 
sagte sie leise, „hat Ihnen Ihre Mutter niemals 
etwas über mein Schicksal mitgetheilt?" 
„Meine Mutter? Ich habe schon seit sieben 
Jahren keine Mutter mehr, gnädige Frau." 
„Oh — das wußte ich nicht. Pardon. Es 
ist in mein düsteres Krankenzimmer so wenig 
von der Außenwelt gedrungen, ^ und doch — ich 
habe oft Sehnsucht gehabt, über Ihr Schicksal 
zu hören." 
„Ich danke Ihnen, — das ist ein erlösendes 
Wort", sagte Willens. 
„In langen, einsamen Nächten," fuhr sie mit 
erregter Stimme fort, „wenn draußen alles 
schweigt und nur der Sternenhimmel aus uns 
herniederblickt, — da regt sich das Beste in uns. 
— Und es waren gute Worte, die Sie einst zu mir 
sprachen, — gute, gesegnete Worte, die erst dann 
lebendig wurden, als mich das Leben dafür reifte." 
„Ich wußte unb ahnte nicht, daß Sie so früh 
schon leiden mußten, gnädige Frau", sagte Willens 
sich jäh erhebend und vor Lydia auf- und nieder 
gehend. „Sie schienen mir zum Glücke geschaffen 
— zum lauteren — lauteren ..." 
Er vollendete den Satz nicht, nahm den Hut 
ab, fuhr durch sein Haar und setzte sich dann 
wieder neben Lydia. 
„Und wie lange dauerte diese Krankheit?" 
fragte er gepreßt. 
„Von der zweiten Woche meiner Vermählung 
an — bis zu Bondin's Tode — vor achtzehn 
Monaten." Lydia blickte zur Seite - es war 
ihr, als habe Willens gestöhnt. 
„Todt" — preßte es sich endlich über seine 
Lippen — „nein, das habe ich nicht gewußt" — 
und er ergriff Lydia's Hand und vergrub sie in 
der seinen. 
Es war Frau Bondin, als ströme aus dieser 
kalten Hand in ihr eigenes erhitztes Blut alles, 
alles, was sie in jenen stillen Nächten erwogen, 
gedacht, erbeten und vermißt habe — alles, was 
groß und erhaben auf Erden ist, was die ge 
läuterte Seele in großen Stunden erfassen möchte, 
ihr aber ewig unerreichbar dünkt. 
All' rhr Blut strömte zum Herzen. Sie ent 
zog ihm hastig die Hand, erhob sich und sagte 
verlegen: „Es ist spät geworden - ich muß nach 
Hause." 
„Nach Hause — jetzt? Wo ich vergehen müßte 
gnädigste Frau, wollten Sie mir nicht alles, alles 
sagen, was Sie in den Jahren gequält hat — 
was Sie erhoffen — was Sie zu thun gedenken? 
Haben Sie denn wirklich ein ,zu Hausey wo Sie 
glücklich sind?" 
„O Du mein Gott — ein ,zn Hausey wo ich 
glücklich bin? Freilich habe ich ein Heim, ein 
verlassenes, einsames Heim, — in dem ich zwar 
niemals glücklich war —/Doktor — niemals —, 
aber in dem ich dennoch die Quellen entdeckte, 
die mit der Zeit zum Glücke führen müssen. 
Das Tragische dabei ist nur, daß diese Leidens 
zeit, um welche mich die Menschen beklagten, mir 
segensreich gewesen ist, und daß, wenn Bondin 
gesund geblieben wäre, und mich seine eigenen 
Wege geführt, — ich mich selbst verloren hätte." 
„Nur heute erkenne ich mich nicht", fuhr sie 
hastig fort, während Wilkens abermals nach ihrer 
Hand griff. — „Das Bild dort von Kroyer, es 
verfolgt mich wie mein Schicksal. Schon gestern 
wollte ich reisen und vermochte es nicht — und 
morgen —" 
„Morgen? Lydia, seien Sie barmherzig, was 
ist morgen?" 
„Ich wollte zum Süden, — aber ich kann 
nicht. — Ich reise nun doch zurück an die Ost 
see — oder nach Skagen. Ich muß das Meer 
sehn, das stille wogende Meer, wo ich damals 
lachte, fröhlich war — und doch nicht begriff, was 
das Leben bieten kann, in seiner grenzenlosen 
Fülle — Schmerz und Seligkeit." 
„Und ich, Lydia, ich," entgegnete der Philosoph 
traumverloren, seine braunen Augen in die ihren 
versenkend, „ich begleite Sie dorthin — ich, — 
der ich damals mir einbildete, die Welt ergründet 
zu haben in ihrem Nichts —, ich werde demüthig 
an ihrer Seite wandeln — und kein Bedürfniß 
mehr haben — als Ihre Nähe. Darf ich — 
darf ich Sie begleiten?" 
Sie hatte ihren Arm in den seinen gelegt, und 
als er ihn fest an sein Herz preßte, hatte sie das 
beseligende Gefühl, daß jeder Herzschlag für sie sei. 
„Und dort in Skagen, Lydia," hauchte er in 
ihr Ohr hinein, dort werden wir eine Kapelle 
finden, gesegneter als die am Ostseestrande, wo 
wir — nicht nur unsere Hände in einander geben, 
sondern auch unser Fühlen, unser Denken, unsere 
Wonnen und Schmerzen, unser ganzes armes, ge 
quältes Selbst." 
Ihre Hand schob sich leise in die seine, während 
die Abendsonne aus den grauen Wolken glitt 
und ihre letzten goldenen Gluthen über das 
! Firmament zog.
	        

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