Full text: Hessenland (10.1896)

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Gefrierpunkt. Die Wege waren mit Glatteis 
bedeckt; in jeder Nacht fielen die Kavallerie-, 
Artillerie- und Zugpferde nicht zu Hunderten, 
sondern zu Tausenden, besonders die Pferde aus 
Deutschland und Frankreich. Mehr als 30 000 
gingen in wenigen Tagen zu Grunde." Und 
nun folgt die Schilderung des furchtbaren Elends 
des von Kosacken mnschwärmten Heeres, der 
schreckliche Uebergang über die Beresina. Erst 
am 3. Dezember kamen die ersten Zuschüsse von 
Wilna aus. „Aus dem Gesagten ergiebt sich, 
daß die Armee genöthigt ist, ihre Disziplin 
wieder herzustellen, ihre Kavallerie zu erholen 
und ihre Artillerie zu remvntiren. Die Ruhe 
ist ihr höchstes Bedürfniß." „Unsere Kavallerie 
war so ganz unberitten, daß man die Offiziere, 
denen noch ein Pferd übrig geblieben war, ver 
einigen mußte, um vier Kompagnien, jede von 
150 Mann, daraus zu bilden. Die Generale 
verrichteten dabei die Dienste als Kapitäne und 
die Obersten als Unteroffiziere. Diese heilige, 
von dem General Grouchy kommandirte und 
unter den Befehlen des Königs von Neapel 
stehende Escadron verlor den Kaiser bei allen 
Bewegungen nicht aus dem Gesicht." Er eilte 
seinem zertrümmerten Heere voraus und kam 
am 18. Dezember 1812 nach Paris. 
Auch das hessische Kontingent hatte im russischen 
Feldzug furchtbare Verluste. 
Die hessische Brigade war mit 5000 Mann 
in die „große Armee" eingereiht lutb zählte am 
16. Dezember 1812 in Wirballen, wo der-König 
von Neapel als Oberbefehlshaber der Armee 
Revue hielt, nur noch 316 Mann, nämlich im 
Offiziere Mann 
Leibregiment (jetzt 117) .. . 8 13 
Leibgarderegiment (jetzt 115) .5 13 
Prov. leicht.Inf.-Regt. (jetzt 116) 26 206*) 
Artillerie 1 44 
40 
276 
Durch Abgänge von Kranken und 
Zugänge 
Von Versprengten änderte 
sich der Bestand bis 
zum 6. Januar in Elbing i 
uur wenig. 
Da waren 
Offiziere 
Mann 
Leibregiment 
. . . . 7 
16 
Leibgarderegiment . . . 
. . . . 5 
24 
Provisorisches leichtes Inf. 
-Regt. 18 
286 
Artillerie 
. . . . — 
14 
30 
340 
die Mitte Januar 1813 zu einem provisorischen 
Bataillon vereinigt wurden. 
Auch das hessische Reiterregiment Garde- 
Chevauxlegers ging fast vollständig zu Grunde. 
Am 28. November zählte es noch an 300 Pferde, 
brachte aber nur 25 Pferde über die Beresina. 
Das Geschütz konnte zum großen Theil gerettet 
werden, aber unter Aufopferung des allergrößten 
Theils der Mannschaft und unter Aufbietung 
unsagbarer Mühen. 
*) Dieses rückte später nach und kam nicht nach Moskau. 
(Schluß folgt.) 
Am Strande von Skagen. 
Bon H. Keller-Jordan. 
<Schluß.) 
I)r. Wilkens näherte sich tind betrachtete ihr 
Profil. Das Leben hat sie gereist, dachte er für 
sich, vielleicht haben auch Kummer und Ent 
täuschungen Dinge aus ihrer Seele gegraben, die 
in jener Zeit noch nicht in ihr Bewußtsein ge 
treten waren — —, sie muß wohl doch mit 
diesem Atenschen, den sie damals heirathete, glück 
lich geworden sein. Und er versenkte seine Ge 
danken in jene ferne Zeit, in welcher er mit dem 
jungen Mädchen einige Tage am Strande ver 
kehrt — und sich in der That geärgert hatte, 
daß sie alles in dieser Welt so gut und herrlich fand. 
„Haben Sie schon andere Bilder von Kroyer 
gesehen?" fragte sie, im Anschauen des Gemäldes 
vertieft. 
„Ich erinnere mich nicht," gab er zerstreut zurück, 
die Augen immer gebannt an ihrem Profile. 
Der Frau entströmte für ihn ein bestrickender 
Reiz — schon von dem Momente an, da er sie 
in ihrem lichten Kleide zum ersten Male bemerkte. 
„Wie muß dieser Künstler erst die Leidenschaft 
zu packen verstehen," fuhr sie wie zu sich selbst 
redend fort, „wenn er schon der Abendruhe ein 
solches Leben zu geben vermag." 
„Der Leidenschaft? Meinen Sie daß nach einem 
heißen Sommertage, der alle Gluthen über die 
Erde goß, der jeden Grashalm, jede Blüthe ver 
sengte, dem Abende nicht auch Leidenschaft ent 
ströme? Es giebt anch Leidenschaften, die in der 
Ruhe ihren Ausdruck finden."
	        

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