Full text: Hessenland (10.1896)

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Aesfische Wücher schau. 
Roth-Weiß. Eine Erzählung aus der Zeit des 
Königreichs Westphalen. Von Ludwig Mohr. 
3. Auflage. Kassel, Verlag von Carl Vietor. 
Nach den vierzig Auflagen, die binnen Jahr 
und Tag die Gedichte der Johanna Ambrosius 
erfahren haben, kann man eigentlich aus der Zahl 
der Auslagen eines Buches keinen Schluß mehr 
ziehen auf die Güte des Inhalts, denn kaum hat 
unsere Litteratur etwas Dürftigeres aufzuweisen 
als diese ambrosianischen Reimereien. Indessen 
kommt das Unerhörte in dieser Sache nur aus das 
Konto des „Impresario" Schrattenthal, und ich 
will es also trotzdem wagen, die Thatsache, daß 
Mohr's „Roth-Weiß" nunmehr in 3. Auslage er 
schienen ist, als einen Beweis für die Vortrefflich 
keit dieses Buches anzuziehen. 
Der Dichter nahm seinen Stoff aus der Zeit 
der Zerrissenheit Deutschlands, aus den Tagen des 
Rheinbundes, „der die deutschen Fürsten zu Vasallen 
des Franzosenkaisers herabdrückte", und aus dieser 
Zeit ist es der Dörnberg'sche Aufstand gegen 
Jörome, den Mohr zum Gegenstände seiner von 
echt deutschem Geiste durchwehten Erzählung machte. 
Die Idee des Freiherrn von Dörnberg keimte 
schon nach der Kapitulation Lübecks, in der sich 
daran schließenden Kriegsgefangenschaft, nach der 
er mit dem Fürsten Wittgenstein nach England 
ging, um von dort den Ausstand gegen das west 
fälische Regiment zu organisiren. Der Tilsiter 
Friede aber machte seinen Unternehmungen ein 
Ende. Eine Zwangsbestimmung Jörome's führte 
ihn sodann in die hessische Heimath zurück, und 
hier, wo die früher gefaßte Idee durch die Ver 
bindung mit Scharnhorst, Gneisenau, Schill, Katt re. 
neue Nahrung bekam und wo ihre Durchführung 
ein Glied in der Kette einer allgemeinen Erhebung 
von Süd nach Nord bilden sollte, hier setzt die 
Erzählung Mohr^s ein. 
Der Dichter bleibt der gewählten Form einer 
Erzählung bis zum Schlüsse treu. Durchsichtig 
und einfach ist der Plan, die Entwickelung eine 
natürliche und bei aller schmucklosen Darstellung 
doch so reich an treffenden Charakterzeichnungen 
und Konflikten der handelnden Personen, daß die 
Erzählung einen großen Reichthum an poetischen 
Schönheiten aufweist, den Leser auch fortwährend 
zu fesseln weiß, von Dörnberg ist im Ganzen 
vortrefflich gezeichnet, nur könnte sein innerer 
Kamps, der Widerstreit seiner patriotischen Gefühle 
mit seiner äußeren Stellung, mehr hervortreten, 
und da sind ja zwei Momente von besonderem 
Werth und zwar einmal, daß sein Plan ihn schon 
nach England führte, und. zum andern, daß er 
durchaus nicht durch die Wahl seines Herzens in 
westfälischen Diensten stand, sondern wegen des 
drohenden Verlustes seines Familienbesitzes. An 
gedeutet ist ja diese Zwangslage, doch nicht genügend 
zur Lösung seines inneren Kampfes, im Gegensatz 
zu dem tragischen Verhängnis das ihm und der 
ganzen Sache bereitet wird durch das unüberlegte, 
vorzeitige Losschlagen des Friedensrichters Martin, 
als Führer des Volkes. Mit vieler Liebe ist so 
dann, neben der Gestalt Dörnbergs. Kar oline 
von Baumbach geschildert, das Heldenmädchen 
von Homberg, das den Aufständischen das roth-weiße 
Banner übergab und durch die Ereignisse fast zu 
allen Personen der Erzählung in Beziehungen 
kommt, sodaß ihre Bedeutung für die Erhebung 
sich von Blatt zu Blatt steigert. Selbst noch 
nach dem gescheiterten Unternehmen wird für sie 
unsere volle Theilnahme rege erhalten, und zwar 
sowohl durch die Umstände ihrer Einkerkerung, als 
durch ihre Liebe zu einem der Dörnberg'schen 
Offiziere, von dem sie nie etwas ihr Eigen nennen 
konnte, als ein kleines Andenken, das mit ihr in 
das Grab versenkt wurde, eine Episode, die der 
Dichter sehr feinfühlig und wirksam eingewebt hat. 
Die Personen aus dem Volke, wie nicht minder 
die aus der höheren Gesellschaft sind mit vielem 
Geschick behandelt und charakteristisch genau ge 
zeichnet. Aber —, was soll man sagen zu Meister 
Hofmann, zu seiner Pflegetochter Marie und seinem 
Schmiedegesellen Heinz Zeisig? Diese drei Per 
sonen, die wir in ihrem Leben unter sich, wie in 
ihren Beziehungen zu den Personen des großen 
Dramas kennen lernen, bilden in der That, so wie 
sie dargestellt sind, ein Kabinetsstück. Wie der 
Wurf eines Steines in den Spiegel des Sees 
immer größere und weitere Kreise beschreibt, so 
bilden diese drei Menschen anfänglich einen kleinen 
unscheinbaren Kreis, der sich aber im Lause der 
Handlung, und daran ist das Buch sehr reich, 
mehr und mehr erweitert sowie unser Interesse 
in Anspruch nimmt, zumal gerade hier das böse 
Element gleich im Beginne der Erzählung einsetzt 
und die Spannung in dem Gang der Ereignisse 
erhöht. 
Den richtigen Ton an manchen Stellen dieser 
Erzählung zu treffen, mag keine geringe Aufgabe 
gewesen sein, namentlich wo der Dichter seine Leser 
in niederhessische Volkskreise einführt. Umsomehr 
muß jedoch anerkannt werden, daß sich der Autor 
„in der Beschränkung als Meister" zeigte, denn 
der Ton ist überall vorzüglich getroffen.
	        

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