Full text: Hessenland (10.1896)

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erschien ihr diskreter, denn das schattenlose licht- 
durchflutete Laub, gegen welches sich der wunder 
schöne Frauenleib nur wenig abhob, war aus 
drucksvoller bei dem gedämpften, wechselnden Lichte, 
und sie unterschied Feinheiten, die ihr gestern 
entgangen waren. 'ft 
Diese im Volllicht gemalten Bilder konnten sie 
nicht immer befriedigen, und wenn es auch nur 
eine alte Mauerwand oder ein belaubter Baum 
war, die sie sich zum Schutze gegen die Sonne 
dachte, so vertieften sich doch dabei in ihren Ge 
danken die Gegenstände und interessirten sie mehr. 
Sie hatte eigentlich heute schon abreisen wollen, 
hinauf in die Tiroler Berge, aber während sie 
gestern Abend ihren Koffer packte — sie kam aus 
Thüringen —, erfaßte sie ein heißes Verlangen, 
noch einmal vor ihren Lieblingsbildern zu stehen 
und sich in ihren Zauber zu versenken. 
Es war ihr das alles so neu und überwältigend! 
Sie hatte trotz ihrer siebenundzwanzig Jahre noch so 
wenig gesehen, aber in den langen Tagen und Nächten, 
die sie au dem Krankenlager ihres hinsiechenden 
Mannes zugebracht hatte, von allem Schönen 
geträumt, alle Bestrebungen der Zeit verfolgt, 
Partei für das Eine genommen und das Andere 
verworfen. Dieses merkwürdige Stillleben hatte 
sie seltsam gereift und ihrem Geiste eine ernste, 
träumerische Richtung gegeben; er wollte nicht 
mehr oberflächlich aufnehmen, sondern verstehen, 
erwägen und genießen. 
Mit der lauggestielten Schildkrotlorgnette in 
der einen und dem Katalog in der anderen Hand 
ging sie langsam durch die Säle; es waren offen 
bar nur noch einzelne Bilder, die sie aufzusuchen 
gedachte, denn sie blieb, ohne die anderen zu be 
achten, vor der Böcklin'schen „Burg am Meere" 
stehen, betrachtete sie lange und verglich sie dann 
mit der „Nacht", der „Frühlingshymme", der 
„Römischen Landschaft" und den übrigen Bildern 
des Künstlers, die hier in stolzer Gemeinschaft 
an den Wänden prangten. Wie hatte sie sich 
danach gesehnt, diesen viel bewunderten und viel 
befehdeten Künstler in seinen Originalen zu kennen! 
Und nun stand sie schon seit drei Tagen täglich 
an derselben Stelle, bewunderte, staunte und er 
wog und konnte doch zu keinem rechten Resultate 
kommen. Die Bilder in ihrer großartigen Farben 
pracht regten sie zu gewaltig an, um darüber zur 
Ruhe zu kommen. Man konnte beinahe in ihrer 
Haltung erkennen, was sie bewegte, denn die beiden 
Herren, die sie seit einer Weile beobachteten, lächelten 
über das nervöse Zucken ihres gelben Stiefels. 
„Ich möchte ihr Gesicht seh'n", sagte der jüngere 
der Beiden zu seinem Begleiter, „ich schwöre sie 
muß schön sein! - Nun?" 
„Ich beschwöre nichts, was ich nicht gewiß weiß," 
sagte der Aeltere, ein mittelgroßer, ernster Mann 
mit dunkelem Vollbart — „übrigens erinnert 
sie mich an eine Dame, die ich vor Jahren 
flüchtig " 
„Ah seh'n Sie, die Figur wahrscheinlich; die 
ist pompös, gerade so, wie sie mir gefällt, nicht 
zu groß, nicht zu klein — zugleich schlank und 
voll. Glauben Sie, daß sie verheirathet ist?" 
„Ich glaube nichts, was ich nicht weiß", bestätigte 
der dunkele Herr abermals, während er lächelnd 
in das zarte, mit blondem Schnurrbart gezierte 
Gesicht seines jungen Begleiters blickte. „Aber 
seh'n Sie, da geht sie hin, ohne uns ihr Antlitz 
zu zeigen"; und schon hatte er sich von dem 
Divan erhoben, auf welchem er sich vor einer 
Weile niedergelassen hatte, und machte Miene, der 
Dame zu folgen. 
Sie war hastig durch drei bis vier Säle ge 
gangen, ohne ein einziges Bild zu betrachten, und 
die jungen Männer, die ihr langsam und diskret 
folgten, fanden sie, ihnen wieder den Rücken zu 
wendend, vor der „Bella Riva“ von Courtois, 
einem seltsam stimmungsvollen Bilde, welches 
Or. Wilkens, der ältere der beiden Herren, vorher 
das Vielsagendste der ganzen Ausstellung genannt 
hatte. 
„Ha, ha," spöttelte der Jüngere, „ein verwandter 
Zug, Herr Philosoph, denn das ausdrucksvolle 
Liebespaar, welches der lächelnde Puck unter dem 
Baume dort mit Gott weiß welcher Zauberkraft, 
zusammengeführt hat, scheint auch unserer Freundin 
zu imponiren. Also konstatiren wir: nicht fühl 
los für solche Dinge. Ob Jungfrau oder Wittwe?" 
„Ach was Sie für absurde Schlüsse ziehen," 
gab der Philosoph geärgert zurück — „als ob 
dieses Liebespaar der einzige Reiz des Bildes 
sei —, es. ist einfach kolossal in. Ausdruck und 
Stimmung — auch landschaftlich. Aber seitdem Sie 
an jenem Abende in Ragaz dem schwarzen Back 
fisch zu tief in die Augen gesehen haben, seit 
dem —" 
„Ja, seitdem bin ich verliebt — gründlich ver 
liebt," unterbrach ihn der andere, „beziehe alles 
auf diesen nervus rerum der Menschheit — das 
weiß Gott! Ich überlasse Sic daher auch Ihrer 
gelbgekleideten Meduse, — wer weiß ob sie Jhueu 
nicht doch noch Gelegenheit giebt, ihr Angesicht 
zu bewundern —, und suche nach meinen dunkelen 
Sternen, die heute — Sie wissen es ist der 
zwanzigste — in München leuchten sollen. 
Vielleicht im Glaspalast — oder Hofbrüu — in 
,Tristan und Isolde' — was weiß ich —"; und 
mit einer vielsagenden Bewegung der Hand ver 
schwand er im anstoßenden Saale.
	        

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