Full text: Hessenland (10.1896)

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den Befehl, mit den drei Füsilierbataillonen, der 
Division des Garde-Chevauxlegertegiments und 
einer Abtheilung der französischen Reiterei über 
Bromberg auf der linken Seite der Weichsel 
gegen Graudenz vorzurücken und die Festung von 
dieser Seite einzuschließen , während die übrigen 
Bataillone dies von der rechten Weichselseite aus 
führten. An der zweiten Einnahme der Stadt 
Graudenz hatten die hessischen Truppen einen 
hervorragenden Antheil. Als vortreffliche, ab 
gehärtete und muthige Soldaten schlugen sie sich 
so wacker, als nur zu erwarten war, demgemäß 
behandelte sie der sranzösiche General Rouyer 
ihres guten und muthvollen Betragens wegen 
mit Liebe und Auszeichnung und ließ den hessischen 
Generalmajoren v. Stosch und v. Sch äff er 
ihrer guten Bersügungen wegen volle Gerechtigkeit 
widerfahren. 
Aber noch einmal, Darmstadt den 29. Mai, wird 
in der Nummer 65 der „Landzeitung" vom 
30. Mai unter den „Inländischen Nachrichten" 
der hessischen Truppen und ihrer Kriegs 
thaten gedacht. „Das Regiment der Leibgarde 
steht seit geraumer Zeit im kaiserlichen Haupt 
quartier und versieht gleichen Dienst mit der 
kaiserlichen Leibwache. Die übrigen Bataillone 
formiren die Blokade von Graudenz und haben 
bisher alle von der zahlreichen Garnison gemachte 
Ausfälle und Unternehmungen muthig und ohne 
bedeutenden eigenen Verlust abgewiesen." Sergeant 
Mohr hat selbst „wegen Gegenwart des Geistes, 
Entschlossenheit und Bravour" den Orden der 
Ehrenlegion erhalten. „Welche ehrenvolle Be 
lohnung für diesen braven Mann, welche mächtige 
Triebfeder für alle seine Kameraden, die im 
Dienste ihres Souveräns mit ihm den 
gleichen Weg der Ehre gehn." 
Die Beilage zu Nr. 87 der „Landzeitung" 
(21. Juli 1807) kommt abermals auf die Kriegs 
thätigkeit der hessischen Truppen zurück. Sie 
gehörten bis Anfang März dem Blokadecorps 
der Festung Graudenz an, wurden dann aber 
zum Theil nach Thorn verlegt, der größere Theil 
blieb zurück und hatte häufige Scharmützel mit 
der preußischen Besatzung. Verstärkungen der 
Belagerungsarmee kamen nach der Uebergabe von 
Danzig und nach der Schlacht bei Friedland. 
Am 27. Juni wurden die Laufgräben eröffnet. 
Die hessischen Truppen unter Generalmajor 
von Schäffer hatten dabei den linken Flügel; 
trotz mehrerer Gefechte ließen sie sich nicht zurück 
drängen. Am 30. Juni erst wurde der Waffen 
stillstand und der darauf folgende Friede von 
Tilsit bekannt. Die beiden Gardebataillone 
kampirten in der Nähe davon. An der Schlacht 
bei Eylau nahmen die hessischen Truppen nicht 
Theil. 
Erst am 28. und 29. Dezember 1807 kehrte 
„die seither bei der großen Kaiserlich französischen 
Armee im Feld gestandene Division Großherzoglich 
hessischer Truppen wieder in ihr Vaterland" 
zurück. Volle drei Wochen später macht aber 
die „Hessische Zeitung" erst davon Mittheilung; 
offenbar bekam sie nicht früher die Erlaubniß 
des französischen Gesandten dazu. 
Immerhin aber konnten doch die hessischen 
Unterthanen aus diesem offiziellen Organ der 
Regierung etwas, wenn auch nur dürftige Notizeil 
über den Krieg mit Preußen und die Schicksale 
ihrer Söhne und Brüder erfahren. In den 
folgenden Napoleonischen Kriegen der Rhein 
bundszeit war es, wie wir sehen werden, nicht 
so, denn die an sich schon armselige Presse wurde, 
wie schon gesagt ist, mehr urtb mehr von Napo 
leon geknebelt. 
Die furchtbare Schlacht bei Friedlaud am 
14. Juni 1807, in welcher Preußen und Ruß 
land von Napoleon völlig besiegt wurden, ver 
anlaßte in allen Kirchen des Landes ein Dankfest 
am 5. Juli. „In Darmstadt wurde außerdem 
Abends in der Stadtkirche in Anwesenheit des 
Durchlauchtigsten Hofs und einer zahlreichen Ver 
sammlung ein Te Deum laudamus angestimmt, 
während das Geläute aller Glocken und 200 
Kanonenschüsse der Gegend umher den Jubel der 
Residenz verkündigten." 
Den Frieden von Tilsit (7. und 9. Juli) ver 
kündete die „Landzeitung" am 18. Juli; die 
offizielle Feier fand in Darmstadt am 26. Juli 
statt. Abermals wurde in schnell üblich gewor 
dener Weise ein Ns Osuni abgehalten. Im 
Theater war Festvorstellung mit einem allego 
rischen Vorspiel, das „mit vielem Gefühl" vor 
getragen wurde. 
Im Jahre 1808 befahl Napoleon unter dem 
Vorwand, die Truppen des Rheinbundes zu for 
miren und zu diszipliniren (!), auch Hessen ein 
Regiment und eine halbe Batterie nach Frank 
reich zu schicken. Ueber die Verwendung dieser 
Truppen wurde geschwiegen. Konnte Hessen dem 
Befehl des mächtigsten Mannes in Europa wider 
stehen? Das Regiment Groß- und Erbprinz, 
jetzt das 4. hessische Regiment Nr. 118, wurde 
Ende Juli mobil gemacht und ergänzt, Mitte 
August rückte es von Butzbach und Friedberg 
ab und ging am 24. August bei Kostheim auf 
französischen Boden über; es waren 40 Offiziere 
und 1638 Mann, von denen nur die wenigsten 
wieder in die Heimath zurückkehrten.
	        

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