Full text: Hessenland (10.1896)

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von den Klöstern aus, die die zahlreichen Land 
schenkungen nutzbar machen wollten, dann aber auch 
von den hessischen Großen, die sich für ihre frommen 
Stiftungen schadlos zu halten suchten. Die übrigen 
Bewohner des Landes hatten davon gleichfalls 
Vortheil, denn nicht nur Hörige fanden ihren 
Lebensunterhalt durch die Bebauung des neu 
gerodeten Bodens, sondern auch ärmere Freie 
liehen nothgedrungen Landstücke von Adel und 
Geistlichkeit. 
Die Ortsnamen dieser Zeit sind erst durch die 
Ansiedlung entstanden, nicht etwa von der Stelle 
auf das Dorf oder den Hof übertragen. Ein 
solches Gepräge tragen vorzüglich die Namen auf 
rode, die in Hessen sehr oft vorkommen. 
Außerordentlich viele von ihnen sind später wieder 
ausgegangen, denn sie lagen zum größten Theile 
in den Bergen und auf schlechteren! Lande, so 
daß sich schließlich der Anbau doch nicht lohnte, 
sicherlich aber nicht der Wiederaufbau der Ort 
schaft nach einer Feuersbrunst oder nach muth- 
williger Zerstörung. Von den Wüstungen nenne 
ich nur Berterode auf dem Kesselberge bei 
Melsungen (1254 Bertherod, 1261 Bertherode 
und Berterode, später ohne h, häufig mit ver 
doppeltem t). Arnold leitet es mit Förstemann 
von Berta ab, es komint aber von Berthold, 
wie die Analogie des niedersächsischen Barterode 
(alt Bartolderode) und Urkunden von 1272 und 
1287 beweisen, in denen man Bertolderode liest. 
Doch nun zu Orten, die noch bestehen. Die 
beiden Almerode (im 13. Jahrhundert Almende 
rode) waren Rodungen in der Almende, auf dem 
Grunde und Boden einer schon bestehenden Ge 
meinde; über die Möglichkeit solcher Anlagen ist 
ja schon in dem zweiten Abschnitte gesprochen. 
Benterode bei Münden ist nach glaubwürdigem 
Zeugnisse um 800 von Bennit, Amalung's Sohne, 
angelegt, und 811 durch einen Schutzbrief Karl's 
des Großen als Bennit's Eigenthum anerkannt. 
Zwei Jahre später erhielt Asig, Hiddi's Sohn, 
einen ähnlichen Schutzbrief für seine Besitzung, 
das heutige Escherode, das jenem Asig den 
Namen verdankt. Brotterode amJnselsberge, 
das kürzlich durch einen Brand heimgesucht 
wurde, heißt 1039 Brunwardesroth. Auch 
Günsterode zwischen Melsungen und Lichtenau 
(alt Gunszroide) rührt von einem Personennamen 
her, von Gunzo, Hesserode (1151 Hesenrode) 
von Haso, Hetzerode von Hazo, Olberode 
(1353 Odolferode) von Adolf, Rommerode 
(1109 Rodemanerodeh) von Hruodman, Rücke 
rode von Hruodger, Schnellrode vonSnello, 
Vockerode von Focko, Abterode ist nach dem 
Abte von Fulda benannt. 
Die Namen auf Hagen, Hain, Han be 
zeichnen eine Einhegung, Umzüumung. Meistens 
sind diese Orte von Herren, Adeligen gegründet, 
wie schon ihre häufige Zusammensetzung mit 
Personennanlen vermuthen läßt, Diese Personen 
namen sind durchweg spätere Formen, auch spricht 
die Anlage der Orte an gebirgigen und unfrucht 
baren Stellen für ihre Gründung in vorgerückter 
Zeit des Mittelalters, als in den Thälern schon 
Ansiedelungen lagen. Landwehrhagen (alt 
Lantgrefinhain) und Dörnhagen (alt Graden 
Werners Hayn) sind bezeichnende Vertreter dieser 
Gattung. Dieters Hahn bei Fulda ist der 
Hagen eines Dietrat, Immichenhain bei 
Neukirchen der eines Emicho, Martinhagen 
bei Kassel der eines Merboto, denn es heißt 1074 
„das neu gegründete Dorf Meribodvnhago". 
Neben den Ableitungen von Personennamen finden 
sich auch andere Bildungen: Guxhagen (1352 
Kukushayn) gehört zum Worte Kuckuck, Poggen 
hagen bei Obernkirchen zu Pogge, dem platt 
deutschen Ausdrucke für Frosch, Eiter Hagen 
zu Eiter, das in der alten Sprache Gift bedeutet. 
Das häufige Vorkommen der Tollkirsche kann die 
Veranlassung zu diesem Namen gegeben haben. 
Knick Hagen bedeutet entweder einen Hagen 
auf einem Hügel oder schlechtweg einen Wildzaun. 
Mit ses (Sitz, Niederlassung) sind nur wenige 
Ortsnamen zusammengesetzt. Den verschiedenen 
Nausis sieht man es kaum noch an, daß sie 
neue Niederlassungen bezeichnen. Hüttengesäß 
wird mit dem Personennamen Hitto zusammen 
hängen, Eidengesäß bei Gelnhausen wahr 
scheinlicher mit dem Personennamen Aid als mit 
dem Dingworte eit — Brand, obwohl bei den 
meisten Ortsgründungen der Wald durch Feuer 
beseitigt wurde und zahlreiche Flur- und Forst 
namen an dieses Ereigniß erinnern. Harmuth 
sachsen ist vielleicht die Niederlassung eines 
Jrmino. Erst später benannte man das benach 
barte Sassen Reichensachsen, wohl seines 
fruchtbaren Bodens wegen. Dagegen muß Saasen 
bei Raboldshausen (1100 Sahson, 1216 Saxin) 
eine jener sächsischen Strafkolonien sein, die Karl 
der Große anlegte. Eine ähnliche Bewandtniß 
hat es wohl mit den vier Sachsenhausen. 
Mit dem Begriffe Burg verbinden wir un 
willkürlich die Erinnerung an die Blüthezeit des 
Ritterthums, an das spätere Mittelalter. Dieser 
Zeit gehören auch die Ortsnamen auf Burg au, ob 
wohl das Wort selbst nachweisbar zu den ältesten 
der deutschen Sprache zählt. Einige hessische 
Burgen stammen in der That aus recht alter 
Zeit, vor allen Amöneburg, die Burg an der 
Ohm (Amana), der Hauptort des Lahngaues.
	        

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