Full text: Hessenland (10.1896)

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Entstehung und Ableitung hessischer Ortsnamen. 
Von Dr. L. Armbrust. 
(Schluß.) 
on den Ortsnamen, die mit Berg zusammen 
gesetzt sind, braucht nur Gudensberg erwähnt 
zu werden zum Beweise, daß eine Anzahl solcher 
Benennungen der heidnischen Urzeit angehört. 
Andere aber haben ein durchaus christliches Ge 
präge und sind also zu dieser zweiten Periode zu 
zählen, so Flo renk erg bei Fulda, dem Ge 
dächtnisse der heiligen Flora gewidmet, Georgen- 
berg, Petersberg, Kirchberg. Nicht älter 
sind Homberg (alt Hohenburch), Lutterberg 
(ursprünglich Lutzelnberg, also kleiner Berg^ 
Spangenberg, wie das Stadtwappen zeigt, 
von beit dort häufigen Spangensteinen benannt, 
Rotenburg (alt Rothenberg, von der rothen 
Farbe des Bodens), Rau scheu b erg. von dem 
Rausch, einer Pflanze, Zierenberg (alt Thir- 
bürg, das Wappentier ist eine Hirschkuh), Jes 
berg (ehemals Jagesberg, Jagdberg?, noch früher 
Lenswidehusen). Ableitungen von Personennamen 
fehlen nicht: Densberg (von Dano), Dörn 
berg (1074 Thnrinkiberge), Heldenbergen 
(839 Helidaberga, von Helid), Schweinsberg 
(von swein — Knecht). 
Neunzehnmal findet sich in Ortsnamen die 
Endung scheid — Grenze, Wasserscheide. Lender 
scheid südlich vom Knüll, das schon 1196 die 
selbe Namensform zeigt, mag als Beispiel dienen. 
Welche Gelände hier aneinanderstießen, ist schwer 
zu sagen. Schon vor 300 Jahren verstand man 
scheid nicht recht mehr und setzte häufig an 
dessen Stelle statt. Wenn das letztere Wort 
auch mit dt geschrieben wird, so dürfen wir doch 
im Mittelalter durchaus nicht immer an eine 
Stadt in unserem Sinne denken. Die alte 
Mühlenstadt, die 1332 vor dem Notenburger 
Thore von Melsungen erwähnt wird, ist nichts 
weiter als eine Stätte, auf der vor Zeiten eine 
Mühle stand. Ebenso drückt die Bezeichnung 
Altstadt dort und öfter (aber natürlich nicht 
überall) nur aus, daß an der betreffenden Stelle 
sich früher einzelne Häuser befanden oder eine 
ganze Ansiedlung. Stadthosbach in der Nähe 
von Sontra hat niemals Stadtrechte besessen. 
Kessel stad t mag vor alters in einer kleinen 
Vertiefung, einem Kessel gelegen haben, der im 
Laufe der Zeit ausgefüllt ist. Berstadt bei 
Echzel hieß früher Berhtenstat, Berta's Wohnstätte. 
Einen weit älteren Eindruck als alle Orts 
namen dieser Periode machen die mit den 
Bilduttgssilben ahi und idi zusammengesetzten. 
Der Hinweis aus Personen fehlt hierin, die ört 
liche Lage oder die Nachbarschaft von Bäumen 
ist bei ihrer Benennung entscheidend gewesen. 
Buches bei Büdingen (alt Buchehes), Dörnis- 
hof an der Efze (alt Dornehe), Eich es bei 
Felda und Kloster Haina (alt Hegenehe) sind 
mit ahi gebildet. Auf idi gibt es noch mehr: 
Grifte (das Thal), Haueda (der Holzschlag), 
Hebel (alt Hebilide, die Erhebung des Bodens), 
den Gegensatz dazu bilden Nieder-und Ober 
hone (alt Honide, die Vertiefung). Istha bei 
Wolfhagen mag dem lange bleibenden Eise den 
Namen verdanken, Külte bei Arolsen der kühlen 
Lage, Schwebda bei Eschwege dem scheinbaren 
Schweben in der fluthenden Werra, Wichte bei 
Neumorschen dem weichen Boden. Schröck bei 
Marburg (ehemals Scrickede) bedeutet die An 
höhe. 
Von diesen wenigen Ausnahmen abgesehen, 
deren Bildung weit mehr auf die Urzeit als auf 
diese zweite Periode hinweist, zeigen die Orts 
benennungen ein auffälliges Ueberwiegen der 
Personennamen. Die Persönlichkeit der Bewohner 
ist also mit ihrem Lande eng verwachsen, auf 
feste Wohnsitze deuten auch die Zusammensetzungen 
mit Haus und Heim hin, während die vielen 
Felder vom zunehmenden Ackerbau zeugen. Die 
unstätere Viehzucht ist für Hessens Bevölkerung 
in die zweite Linie zurückgetreten. Wenn wir 
den Unterschied dieser Periode von der ersten in 
kurze Worte fassen wollen, so können wir das 
am besten mit Schillert Versen: 
Und in friedliche, feste Hütten 
Wandelte das bewegliche Zelt. 
III. 
Die Ortsgründungen der dritten und letzten 
Periode (etwa 800 bis 1200 n. Chr.) gingen einmal
	        

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