Full text: Hessenland (10.1896)

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ich schon bittern Schnaps, süßen Weiy,, Kuchen in 
Menge bestellt habe, und nun — tritt Dein Bruder 
ein und meldet, daß Du dort bleiben wollest. Von 
dem Schaden nicht zu reden, hast Du's auf dem Ge 
wissest, wenn ich als guter Hauswirth krank werde, 
da ich natürlich alles selber verzehren muß, was wir 
gemeinschaftlich verfumfeien wolltest. Auch muß ich 
an Dich schreiben, da ich viel lieber gesprochen hätte. — 
Der Jacob ist sejt einigen Wochen abwesend, indem 
er mit Urlaub , auf drei Wochen nach Dresden reist, 
über Eisenach, Weimar und als gereister Mann, der 
(mit Witzenburgerisch und bürgerischen Witz) sich auch 
keine Sau dünkt, zurückzukehren gedenkt. Ich lebe 
hier nun in Einsamkeit und Arbeit und kann nur 
die letztere unterbrechen, nicht die erstere, wenn ich 
will; einmal gehe ich täglich spatzir'en, wo ich mich 
erstlich noch viel einsamer fühle als in der Stube, 
und wo ich zweitens immer viel Juden sehe, welches 
auch eine Arbeit ist. Zuweilen stehe ich am Fenster 
und üb' mich in höflichen Sitten, mitten in der 
Straße ist eine Schnupftabakfabrik, und da gewöbnlich 
jeder niesen muß, der vorbei geht, so ruf ich ihnen 
Profit zu, aber das ist rar, daß einer so viel Lebens 
art hätte und bedankte sich. Mein zweites Diver 
tissement ist ein idealisch lumpiger Handwerksbursch, 
der unter dem Namen Blaubart hier die Stütze alter 
Volkssagen ist, und unter dem angenehmsten Schimpfen 
Aus KermcltH 
Jubiläum. Landgraf Alexis von Hessen- 
Philippsthal-Bar chfeld, Generallieutenant 
ä la suite der Armee, ehedem Oberst a la suite 
des kurfürstlich hessischen 1. (Leib-)Husaren 
regiments, beging am 11. Oktober zu Herles 
hausen die Feier des Tages, an welchem er vor 
50 Jahren in die Armee trat. Außer von zahl 
reichen anderen Fürstlichkeiten erhielt Se. Hoheit 
auch von Sr. Majestät dem Deutschen Kaiser ein 
theilnehmendes Glückwunschschreiben. 
Im Stadttheater zu Hanau fand das Volks 
stück unserer hochgeschätzten Mitarbeiterin Frau 
Elisabeth Mentzel zu Frankfurt a. M. 
„Storchenwirth von Sachsenhausen oder: 
Schiller auf der Flucht" bei seiner erst 
maligen Ausführung am 9. Oktober beifälligste 
Aufnahme. 
Die Stadt Kassel ist wieder einmal um ein 
interessantes altes Bauwerk ärmer geworden. Auf 
Beschluß des Stadtraths ist der alte malerische' 
stets vorüberzieht; andere Kleinigkeit sind nicht von 
Belang, und verdienen nicht hier genannt zu werden. 
. . . Schreib doch einmal etwas ausführlicher über 
den Plan Deiner Arbeit, ob Du schon ausgearbeitet 
-hast und wie weit; ich hab' in einer Westentasche 
. noch allerlei Notizen und alle Donnerstag Morgens 
halb 8 Uhr einen guten Gedanken, kann ich mit 
Heiden dienen, so geschiehts gern. 
Neues weiß ich gar njchts, als daß jetzt hellgrünliche 
Röcke Mode sind, und daß der Herr Mondtag, ein 
Barbier, der vor'5 Jahren sich einen hellapfelgrünen 
machen ließ, durch seine unablässige Treue, die ihm 
nicht vom Leib gekommen, wie durch Hilfe der milden 
^ Zeit sich endlich damit, was die Farbe betrifft, in die 
Mode hineingetragen; was den Schnitt betrifft, so 
. chaperts freilich da, allein es wareine billige An 
erkennung der Verdienste des Mannes, der sechs Jahre 
die Mode voraus gewußt und kühn und unerkannt 
seinen Weg ohne Begleitung gewandelt, daß man sich 
darin nach ihm richtete. Aber so ist die undankbare Welt. 
Leb wohl, liebster Principe de la Paz, sey herzlich 
gegrüßt, wie Deine liebe Frau' und Kind, — kommt 
nicht bald Nominativus Pluralis? Du hast doch 
sonst die Declinationen gut inne gehabt — (auch von 
meiner Schwester) und denke, der das schrieb, das war 
ein Freund von Dir." 
W. G. 
tmö fremde. 
Brunnen am Brink niedergelegt. Dies ist ge 
schehen, säst ehe noch eine Kunde von dem in der 
heutigen pietätvollen Zeit kaum denkbaren Beschluß 
in die Oeffentlichkeit gedrungen war. Jeden alten 
Kasselaner, der den malerischen Platz früher kannte, 
wird es betrüben, daß der alterthümliche wappen 
geschmückte Brunnen, der laut Inschrift anno 1567 
von Jakob Bölling aus Ulm erbaut war, hat 
fallen müssen. Der Brink war immer noch eins 
der alterthümlichsten Eckchen Kassels, wenn auch 
schon früher einige der schönen Erker und Eck- 
thürmchen, die man noch im Anfange dieses Jahr 
hunderts dort sah, verschwunden waren. Glücklicher 
weise ist der Brink in seiner alten malerischen 
Gestalt der Nachwelt in zwei Gemälden erhalten. 
Das eine der beiden Bilder ist von W. Richter 
gemalt und befindet sich in Kasseler Privatbesitz, 
es ist in mehreren Kopieen in der Stadt verbreitet; 
das zweite Gemälde ist, wenn wir nicht irren, von 
Professor vr. Möhl in Kassel in dessen Jugend 
zeit gemalt. Wir sahen Photographieen dieses 
Bildes in der Hühn' s chen Hosbuchhandlung
	        

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