Full text: Hessenland (10.1896)

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Vehikel der hessischen Kirche in dem „Konfes 
sionalismus" sucht, sagt Köhler: „für die Ver 
fassung konnte es ganz einerlei sein, ob die 
Kirche mit Wilhelm an der Spitze dem pfälzischen, 
oder mit Ludwig dem würtembergischen Beispiele 
gefolgt wäre. Heppe übersieht dabei, daß es mit 
dem lutherischen Konfessionalismus Ludwig's IV. 
gar nichts zu thun hat, daß er 1579 sich in die 
Angelegenheiten der Generalsynoden mischte. Der 
resormirte Landgraf Wilhelm that dies in viel 
höherem Grade, von Moritz gar nicht zu reden." 
Wilhelm IV. war ein kalter, klarer Kopf auch 
in theologischen Dingen, aber dem Einfluß der 
Zeitrichtung konnte er sich nicht entziehen. Wie 
sehr er bei allem bereits gewohnt war, sich als 
das alleinige Haupt seiner Landeskirche zu be 
trachten, geht aus der Geschichte von dem Pfarrer 
(Johannes Rhenanus) von Allendorf a. d. Werra 
hervor, den er zugleich als „Befehlshaber" bei 
den fürstlichen Salzwerken angestellt hatte und 
trotz der Vorstellungen des Superintendenten 
Grau in dieser Stellung beließ. Landgraf 
Ludwig IV. hat mehr Aehnlichkeit mit seinen! 
Neffen Ludwig V. und Georg II, dazu war er 
subjektiver gerichtet als Wilhelm; er war der 
Romantiker unter den Brüdern. Als richtiger 
deutscher Fürst am Ende des 16. Jahrhunderts 
war er Theologe vom Fach. Ludwig hat seine 
Kirchendoktrin nach dein Episkopal-, Wilhelm 
nach dem Territorialsystem umgebildet. Das 
Uebel war, daß eine ursprünglich rein kirchliche 
und religiöse Ueberzeugungssache auf das weltliche 
Gebiet gespielt und schließlich eine politische 
Machtfrage wurde. Die Grundlagen der Ver 
fassung änderten sich auch weiter durch den 
Einfluß des römischen Rechts, welches eine neue 
monarchische Auffassung ausbringt. 
Hinsichtlich der Niedergrafschaft Katzenelnbogen 
hätte der Vertrag des Erzbischofs Jakob von Trier 
mit Landgraf Philipp II. von 1576 erwähnt 
werden können, durch welchen der erstere, wie seitens 
des Erzbischofs Albrecht von Mainz im Ver 
trag von Hitzkirchen geschehen war, auf seine 
Diözesanrechte ebenfalls verzichtete. Doch wollen 
wir daraus keinen Vorwurf erheben, da dieser 
Vertrag nur das Geschehene und Bestehende an 
erkannt hat und dieser Gebietstheil schon seit 
Anfang des 19. Jahrhunderts für Hessen ver 
loren worden ist. 
Im letzten Abschnitt (8 9) folgen einige Be 
merkungen über die Weiterentwickelung der 
hessischen Kirchenversassung, namentlich über die 
Einsetzung der Konsistorien. Das erste förmliche 
Konsistorium ist vom Landgrafen Moritz 1610 in 
Marburg, in Darmstadt sind diese Behörden 
viel später eingesetzt; sie werden zuerst in einer 
Verordnung Georg's II. vom 30. Dezember 1638 
genannt. Der Verfasser vermuthet (S. 82), daß 
man bei der Besetzung Marburgs das dortige 
Landeskonsistorium einfach benützt und nur mit 
anderen Personen besetzt habe. Die kirchliche 
Reorganisationsthütigkeit Georg's II. in den ihm 
eingeräumten Gebieten ist bis da noch sehr wenig 
erforscht und dargestellt worden. Wir wollen 
daher Folgendes darüber mittheilen. 
Die Einsetzung eines Konsistoriums war wider 
die Kirchenordnungen des 16. Jahrhun 
derts, welche nichts von Konsistorien wissen, 
von Moritz geschehen, um die sogenannten 
V erb esserungs punkte durchzuführen und 
dem durch dieselben herbeigeführten allgemeinen 
kirchlichen Verfall zu steuern. Diese kirchen- 
ordnungswidrigc Behörde bildete daher auch 
einen der darmstädtischen Klagpunkte gegen 
Moritz wegen Verletzung der Kirchenordnungen 
und des Testamentes Ludwig's IV. Deshalb 
wurde das Konsistorium zu Marburg 1624 
aufgehoben, d. h. seine Mitglieder siedelten 
nach Kassel über. Als jedoch der von Ludwig V. 
bestellte Superintendent Dr. Georg Herdenius 
die episkopalen Befugnisse seines Amtes laut 
der alten Kirchenordnungen ausüben wollte, ent 
schied Landgraf Ludwig V., daß nach Bericht der 
Regierung zu Darmstadt und Marburg die alte 
Kirchenordnung „in solchem paos nie zu Kräften 
und Observanz gekommen" (29. Juni 1625), die 
Regierung habe an des Fürsten Statt sowohl 
ihm, dem Superintendenten, als dem ganzen 
Oberfürstenthum zu gebieten. Der Superinten 
dent solle daher fernerhin die schuldigen oom- 
municationes mit der Regierung, der die fürst 
lichen 60U8ilia und intentiones gründlicher 
bekannt seien, fleißig in Acht haben. „Darin 
habt Ihr Euch gar nicht irren zu lassen, wenn 
nach Inhalt Eures Schreibens vom 22. Juli 
Euch dergleichen communicationes so schwer 
fallen sollten, daß Ihr Euch in die Unterrede nicht 
wohl würdet zu richten wissen, denn obgleich die vor 
gesetzte Regierung nicht in allem Eurer Meinung 
sein kann, so ist doch hingegen zu erwägen, daß 
sie dennoch unsere Stelle vertritt und Euch nicht 
parificiret, sondern vorgesetzt ist" (1. Oktober 1625). 
Mit der gehofften Selbständigkeit des lutherischen 
Kirchenwesens und der erstrebten Episkopalgewalt 
des Superintendenten auf Grund der alten 
Kirchenordnung von 1566 war es also nichts. 
Der Superintendent war nur ein Untergebener 
der Regierung und der fürstlichen Räthe, welche 
die Kirchensacheu verwalteten, und die Kirche 
blieb die Dienerin der Juristen. Die Prüfungen
	        

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