Full text: Hessenland (10.1896)

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Aie Kermessäule. 
Novellette von E. Mentzel. 
(Schluß.) 
<E^rüulein Linchen schien auf eine Antwort ge- 
rechnet zu haben, sie wartete auch einige Se 
kunden und blickte dann wieder betroffen nach ihrem 
Bruder hinüber, der wie geistesabwesend durch's 
offne Fenster nach dem sternenübersäten Sommer 
himmel blickte. Dann sprang sie auf, trat vor 
den Professor und sragte angstvoll, indem sie beide 
Hände auf seine Schultern legte: „Aber, mein 
Gott, was ist Dir denn, lieber Franz? Du hast 
mir ja gar nicht zugehört." 
„Nein, Linchen," gestand er ehrlich und sah sic mit 
seinen treuen Augen so bittend an wie einst als Kind, 
wenn er eine kleine Unart begangen hatte. „Ich 
konnte Dir eben nicht folgen, weil Wichtigeres 
als das Buch all meine Gedanken gefangen hielt. 
Komm', setz' Dich zu mir, gute Seele, ich will 
Dir beichten." 
„Beichten?" wiederholte sie, bis in's innerste 
Leben erschrocken, und ließ sich neben ihn auf das 
Sopha nieder. Eine Ahnung flog mit eisigem 
Schauer durch sie hin, als sie in kälterem Tone 
sragte: „Was hast Du mir denn zu beichten, 
Franz?" 
„Siehst Du es mir denn nicht an?" erwiderte 
er fast ängstlich und doch mit unterdrücktem Jubel. 
„Ich meine wirklich, Dn hättest es schon bemerken 
müssen. Bin ich doch in den letzten zwei Wochen 
ein ganz anderer Mensch geworden!" 
Ja, jetzt mit einem Male fiel ihr Manches ein, 
dem sie in nnbegreislicher Kurzsichtigkeit bisher 
eine ganz harmlose Deutung gab. Allen Muth 
und alle Kraft zusammenfassend, fragte sie mit 
erzwungener Ruhe: „Dn hast Dich wohl verliebt, 
Franz?" 
„Zum ersten Mal in meinem Leben mit solcher 
Macht, Linchen !" rief er freudig erregt und über 
sah dabei gänzlich, wie blaß ihr feines liebes 
Gesicht geworden war. „Ich kann gar nichts 
mehr anderes denken als dies holde einzige 
Wesen!" 
Ein Stich ging der Schwester durch das sonst 
so opfermuthige Herz, dessen Empfindungen jetzt 
in schmerzlicher Empörung aufwallten. „Und 
wer ist denn das holde einzige Wesen, wenn ich 
fragen darf?" sprach sie in einem Ton, den er 
nie von ihr gehört hatte, und der ihm wie ein 
Messer durch die Seele schnitt. 
„Die Nichte von Frau Pfarrer Liehnert", er-> 
widerte Dernholz gedrückt; denn es war ihm 
plötzlich eine schwere Last auf's Herz gefallen, 
die auch seiner Stimme den vollen warmen 
Klang raubte. Anna Herzing ist ein armes 
Mädchen — eine Waise. Sie ist nicht mehr 
ganz jung — etwa sechsundzwanzig —, aber sehr 
lieb und . auch recht hübsch. Weißt Du, sie sieht 
Dir ähnlich, Linchen — so wie Du vor einem 
Vierteljahrhundert warst. — Das hat mich auch 
zuerst zu ihr hingezogen." 
Wiewohl rasender Schmerz in ihrem Herzen 
wühlte, rührte sie doch sein treuherzig kindliches 
Gestündniß. „So", sagte sie, mühsam lächelnd. 
„Und wann wirst Du mir Deine Braut zuführen?" 
„O, so weit ist es noch nicht!" erwiderte 
Dernholz, etwas erleichtert durch ihren milderen 
Ton. „Ich glaube zwar, daß ich auf Gegenliebe 
rechnen darf — so etwas fühlt man ja bald —, 
allein geworben habe ich noch nicht um Anna. 
Erst wollte ich doch hören, was Du dazu sagst, 
liebes Linchen." 
Gegen ihren besseren Willen quoll wieder 
namenlose Bitterkeit in ihr auf. „Was habe ich 
denn da zu sagen!" versetzte sie abwehrend, jedoch 
ein ganzes Heer von Vorwürfen und schmerzlichen 
Anklagen verschanzte sich hinter den wenigen 
Worten. 
„Du!" rief er erschüttert und umschloß ihre 
kalten Hände mit den seinigen. „Du, die mir 
die schwersten Opfer gebracht hat, der ich alles 
verdanke, was ich geworden bin! Kannst Du 
Dir denken, daß ich den wichtigsten Schritt im 
Leben ohne Deinen Segen thun könnte." 
„O, an dem fehlt es Dir nicht, lieber Franz," 
gab sie mit heldenmüthiger Selbstüberwindung 
zurück. „Dein Glück ist auch mein Glück. Ich 
werde es schon ertragen lernen, mich wieder an 
ein einsames Leben zu gewöhnen." 
Erschrocken fuhr Professor Dernholz auf. „Wie, 
Du wolltest nicht bei mir bleiben, wenn ich mich 
verheirathe?" 
„Nein, Franz, das geht doch nicht", gab sie 
sanft zurück, weil der Ton seiner Stimme ihr 
Herz erbeben ließ. „Eine Dritte ist in der Ehe 
immer überflüssig, besonders in einer jungen Ehe." 
„So hätte ich mich zwischen Anna und Dir 
zu entscheiden?" 
„Es wird Dir keine andere Wahl bleiben. 
Allein Du wirst schon Deinem Herzen folgen und 
für mich gewiß reichen Ersatz in Deiner Gattin 
finden. Ach, hättest Du Dich doch längst zu 
diesem Schritt entschlossen, Franz, und nicht erst
	        

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