Full text: Hessenland (10.1896)

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Me großherzoglich hessischen Truppen in den Kriegen der Nhein- 
hundszeit und die amtliche Presse des Landes. 
Von Professor O. Büchner. 
» 
san hat das jetzt zu Ende gehende 19. Jahr 
hundert außer mit anderen charakteristische^ 
Bezeichnungen wohl auch als das papierne 
Jahrhundert bezeichnet, weil in demselben der 
Buchdruck sich zu ungeahnter Hohe emporschwang 
und namentlich auch die Zeitungsliteratur in 
einer Weise sich entwickelte, von der man früher 
keine Ahnung hatte. Nur ein Beispiel aus 
H e s s e n - D a r m st a d t. Der Vorläufer der 
„Darm st ü dt er Zeitung", die jetzt zweimal 
täglich im Foliofvrmat erscheint, war zu Anfang 
des Jahrhunderts die „Hessen-Darmstädtisch,e 
Landzeitung", das offizielle Organ der land- 
gräflichen Regierlmg. 
Sie erschien dreimal in der Woche (Dienstag, 
Donnerstag und Samstag) in Quartformat, ge 
wöhnlich einen Bogen stark, manchmal auch mit 
einer Beilage von zwei Seiten. 
Die politischen Nachrichten füllten den größeren 
Theil, aber alles kunterbunt durcheinander-; 
Nachrichten aus Hessen waren sehr selten und 
meist ganz kurz; alles andere Gebiet war Aus 
land. Uns interessiren vorwiegend die „In 
ländischen Nachrichten", theilweise auch die 
Anzeigen. 
Wenn ein Bauer durch einen Baum erschlagen 
wird, oder ein Kind in einer Grube ertrinkt, oder 
eine Scheuer abbrennt, oder sonst ein Unglück 
sich ereignet, so wird dieses unter den „In 
ländischen Nachrichten" mitgetheilt. Aber nur 
sehr selten findet sich unter diesen eine Mitthei 
lung von einigem geschichtlichen Interesse, wie 
etwa z. B. am 1. Mai 1806: „Se. Excellenz 
der Herr Reichsmarschall Augereau haben auf 
Vorstellung und Bitten der an denselben ab 
geschickten Professor Dr. Crome und Major 
Kämmerer aus Gießen unsere Stadt von 
aller französischen Einquartierung und Garnison 
gänzlich zu befreien geruht, um den Flor der 
Universität dadurch zu fördern." 
Der Beginn des 19. Jahrhunderts war voll 
von Krieg und Kriegsgeschrei, aber nur sehr 
selten tönt es wieder in der offiziellen „Hessischen 
Zeitung". Wer glaubt, mit ihrer Hilfe eine 
Geschichte der Feldzüge und Kriegsthaten der 
großherzoglich hessischen Truppen herauslesen und 
zusammenstellen zu können, findet sich auf's 
äußerste enttäuscht. Unzweifelhaft haben an 
Muth und Ausdauer unsere hessischen Soldaten in 
den Napoleonischen Kriegen sich ebenso ausgezeichnet 
und voll und ganz ihre Schuldigkeit gethan, wie 
im Krieg 1870—71, obgleich sie damals für 
einen fremden Eroberer gezwungen die Waffen 
führten. Aber wir erfahren darüber nichts oder 
nur sehr wenig aus den offiziellen Berichten der 
Landeszeitung. Auch auf diese hatte Napoleon 
seine schwere Faust gelegt und ihr die Feder 
geknebelt. 
Die Konföderationsakte, datirt Paris 12, Juli 
1806 und ratifizirt in München am 26. Juli, wurde 
den hessischen getreuen Unterthanen in der „Land 
zeitung" vom 21. August 1806 mitgetheilt. Es 
ist ein sehr ausführlicher Vertrag, aus dem nur 
noch besonders erwähnt werde der Artikel 35, 
wonach kraft des zwischen Napoleon und den Nhcin- 
bnndsstaaten bestehenden Bündnisses jeder Kon 
tinentalkrieg, welchen einer der Vertragstheile zu 
bestehen hat, allen anderen unmittelbar gemein 
schaftlich wird; und aus Artikel 38, daß der 
Großherzog von Hessen bei einem solchen Krieg 
4000 Mann zu stellen hat. 
Die damals erlangte „ganze und ab 
solute Souverainetät" Hessens und der 
übrigen Rheinbundsstaaten war lediglich absolute 
Abhängigkeit von Frankreich, namentlich un 
bedingte Heeressolge. Wenn Napoleon winkte, 
so mußten die Rheinbundstruppen marschiren, 
wohin es auch war, nach Oesterreich, Spanien, 
Rußland. Die „innere und äußere Ruhe", 
„diese kostbare Ruhe", deren Sicherung zu 
folge der dem Regensburger Reichstag nach Abschluß 
des Rheinbundes und dessen Bündnißvertrages 
mit Frankreich seitens der Gesandten der Rhein- 
bnndsstaaten überreichten Erklärung der Haupt 
zweck des Rheinbundes sein sollte, wurde erkauft 
durch Ströme von Blut, die auf fremden Schlacht-
	        

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