Full text: Hessenland (10.1896)

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Büchern und Kelchen. Dazu die Pfeffermühl und 
die ganze Neustadt brannte ganz und gar ab, aus 
genommen drei oder vier alter Baue vor der 
Niederpsorten; auch führte der Wind das Feuer 
an die Obermühl baußen der Neustadt, die ver 
brannte allerdings mit Rädern und allem bis aus 
die Pfosten unter dem Wasser. 
Also brannte die alte und die neue Stadt 
beide sammt. Solches große Feuer zwang die 
Leute darzu, daß sie mußten zu den Pforten aus 
fliehen; da waren auch etliche alte Frauen und 
Kinder in die Pfarrkirche geflohen, die wichen 
sürders aus den Plan davor, da vormals die alte 
Burg gelegen hatte. Nun erhub sich der Wind 
und das Feuer an der Pfarrkirche, an dem kleinen 
Thurm auf dem Chore vor's erste; derselbige 
Thurm war ganz und gar mit Blei bedeckt, das 
schmolz alle ab und floß zu den Zanten aus am 
Umgang und hing an den Zauten und Kaneln 
wie Eiszapfen; und erhob sich das Feuer oben an 
dem Masbaum, da die Sparren angelegt waren, 
und brannte alles oben herab bis auf den Chor. 
Da kam es sürders an das Kirchendach und an 
unserer lieben Frauen Kapelle, die verbrannte 
mit der Kirche ganz und gar, was von Holz war. 
Und sürders kam das Feuer an den großen Thurm, 
da erhub sich auch das Feuer oben am Masbaum, 
da die Sparren angelegt waren, da schmolz auch 
das Blei oben ab und ging an und verbrannte 
alles herab. Da verbrannte die köstliche große 
Glocke, die den Preis hatte ihres herrlichen Tons 
und Größe halben im ganzen Lande zu Hessen 
und noch viel weiter; darzu verbrannten andere 
gute Glocken, so daß in der Pfarrkirche sieben 
guter Glocken verbrannten. Auch geschah großer 
Schaden an den Glasfenstern der Kirche, denn das 
Gelöte an den Fenstern rann ab und schmolz von 
der großen Hitze. Die alten Leute und Kinder, 
so ans die Burg geflohen waren, litten gar große 
Noth von der Hitze, vom Rauch und vom fliegen 
den Feuer, daß sie sich ihres Lebens verziehen 
hatten. 
Den Abend zu sechs Uhren waren die beiden 
Städte mit den genannten dreien Kirchen und 
mit den Häusern abgebrannt, ohne von der Röd- 
denauer Pforten unten durch die Dibebrücke bis 
an die Wasserpforte, da blieben etliche geringe 
Häuslein stehen, desgleichen auf der Heiden eines 
Theils mit der Scheuerngasse, und die Heidenkirche 
mit der Gadengasse blieben auch stehen. 
Darnach den selbigen Abend, als das Vieh kam 
von dem Felde, da thät man alle Pforten zu, 
denn die Pferde, Kühe, Säue, Ziegen und Gänse 
wären in das Feuer gelaufen und hätten sich ver 
brannt. 
Nun hatte das Feuer die Leute aus beiden 
Städten getrieben, so daß das Volk lag vor den 
Pforten gleich als die Heiden oder Zigeuner, und 
hatten kein Essen noch Trinken, und liefen die 
Kinder nackend und bloß und schreieten um Essen, 
so schreieten die Alten um den großen unüber 
windlichen Schaden. Da band man die Pferde 
an die Zäune und an die Bäume in den Garten, 
das andere Vieh blieb gehen und liefen durch 
einander : Sau, Kühe und so weiter, und war ein 
groß Geschrei von den Leuten, den Kindern, und 
von dem Vieh. 
Darnach wohl um die Mitternacht waren etliche 
junge Gesellen und Studenten, die kamen mit 
großer Arbeit durch das Feuer bis in die Pfarr 
kirche, und wollten beschauen, wie es darinnen zu 
gefahren hätte mit dem Heiligthum und mit 
anderen Sachen; da fielen die Kohlen und das 
Feuer oben herab durch die Löcher an dem Ge 
wölbe und fielen aus die Altare, in die Bänke, 
aus die Orgel und in die Uhrzeiger mit den 
Königen, die begunten zu glimmen. 
Da nahmen die Gesellen das Weihwasser aus 
den Steinen und löschten es aus. Auf den Freitag 
und ander Tage räumten die Leute in ihren 
Kellern, da sie etwa ihre Nahrung hingetragen 
hatten; da waren etliche Gewölbe eingefallen, in 
etliche war das Feuer kommen und hatte allerdinge 
verbrannt, was darinnen war. Auch hatten etliche 
Leute von allererst ausgetragen und aus den Kirch 
hof geflüchtet und in die weite Gassen getragen; 
das verbrannte auch alles, wer aber etwas zu den 
Pforten ausgetragen hatte, das behielt er. 
Darnach zogen etliche Leute einzeln wieder in 
die Stadt, wer einen Keller hatte, da zog er ein. 
Der Pfarrer, sein Kapellan und andere Priester, 
die Schulmeister, unser lieben Frauen Mägde und 
andere alte Weiber, die zogen auf die Schule, 
denn die blieb stehen mit dem Beinhause. Die 
anderen Bürger zogen zusammen, wo sie mochten; 
man fand auch etliche Scheuern und Häuser, da 
fünf oder sechs Paar Volks innen wohnten. Etliche 
zogen hinweg in die nächsten Städte und auf die 
Dörfer, wo sie sich erhalten möchten. Des jungen 
ledigen Volks von Bürgersöhnen und Töchtern 
kamen auch viele hinweg, die sich anderswo nieder 
schlugen. Etliche Bürger machten auch Schoppen 
und Hütten aus Stroh, da sie sich innen ent 
hielten. Wenn aber die Leute kochen sollten, das 
wollte sich in den Kellern nicht schicken, auch'nicht 
in den Schoppen noch Hütten; hierum satzten sie 
Stücken, als die Garköche auf die Jahrmärkte 
pflegen zu thun, und je neun oder zehn um ein 
Feuer Hausgeseßene ungefährlich die machten ein 
Feuer, dabei sie ihre Speise kochten. Wenn man
	        

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