Full text: Hessenland (10.1896)

recht wenig günstig gewesen. Während viele Be- 
stimmungen des kanonischen Rechts, z. B. von 
der administrativen Unabsetzbarkeit der Geistlichen, 
in manche Staatsverfassungen, z. B. die kur 
hessische von 1831, und auf die Staatsbeamten, 
namentlich den Richterstand, übertragen sind, 
haben die protestantischen Kirchen und ihre Diener 
jene Bürgschaften des kanonischen Rechtes im 
Ganzen und Großen verloren. Auch das mit 
viel wissenschaftlichem Fleiße bearbeitete kur 
hessische Kirchenrecht von Bü ff <1801) ist schneller 
als seine Vorgänger Ledder Hose und Pfeiffer 
veraltet, woran nicht bloß seine theilweise ein 
seitig unrichtigen Voraussetzungen und die Ein 
verleibung des Kurstaates, sondern die Ungunst 
der Zeit gegen das Kirchenrecht die Ursache ist. 
Um so erfreulicher ist es, wieder eininal eine 
Arbeit aus dem Gebiete des hessischen Kirchcn- 
rechts zu sehen, und noch dazu ans der Feder 
eines jungen Gelehrten, in dessen Familie diese 
Disziplin schon in drei Generationen Pflege ge 
sunden hat (f. Wilhelm Köhler, Hessische 
Kirchenverfassung im Zeitalter der Reformation. 
Gießen 1894. 97 S.). 
Die vorliegende Schrift ist für beide Hessen 
von Bedeutung. Nur der Anhang (8 9) be 
schäftigt sich auf neun Seiten kurz mit der 
Weiterentwickelung der Kirchenverfassung, vor 
nehmlich im Großherzogthum, bis ans die Neuzeit. 
Obgleich das Reformationszeitalter schon vielfach 
behandelt ist, so gehen doch über die hessische 
Kirchenverfassung in demselben die Ansichten und 
Darstellungen, namentlich hinsichtlich der sog. 
Hornberger Synode und Kirchenordnung, von 
der die Einleitung handelt, wie über viele andere 
Stücke weit auseinander, zumal das urkundliche 
Material aus dem Anfang der Reformation in 
Hessen verhältnißmäßig sehr gering ist. Der 
Verfasser würdigt die Kirchenverfassung nach 
ihrem Ursprung und den verschiedenen Dar 
stellungen. Nach seiner Darstellung hat es 
von 1526 an zwei Jahre lang gar keine Kirchen 
verfassung in Hessen gegeben und die Visitativns- 
kommission durch ihre Prüfung und Bestätigung 
oder Entfernung der Geistlichen die Evangeli- 
sirung in Hessen vollzogen. Im Jahre 1528 
seien nach dem Hitzkirchener Vertrag mit dem 
Erzbischof Albrecht von Mainz die Superinten 
denten an die Stelle der Mainzischen Archidiakone 
getreten. Es wird dann (§ 2) von den Grund 
lagen lind Prinzipien der Kirchenverfassung 
gehandelt. „Die Kirche wurde im Unterschiede 
von Sachsen als ständischer Körper eingerichtet." 
Philipp's Rathgeber in Verfassungsangelcgen- 
heiten war Bucer, welcher Episkopalist war, aber 
ein entwickeltes Synvdalwesen forderte, das durch 
die Ungunst der Verhältnisse auf Hessen beschränkt 
blieb. Das Interim wurde durch die Synode 
von den Geistlichen abgeschlagen. Der Vertrag 
von Rödelheim und von Passau bilden die 
Grundlagen des hessischen Kirchenrechts. Die 
kirchliche Gesetzgebung unter Landgraf Philipp 
behandelt der dritte Paragraph. Die Organe 
der Gesetzgebung sind der Landgraf und die 
Stände, ohne Abgrenzung ihrer Kompetenzen. 
Die Ordnungen von 1532, 1539 und 1566 sind 
Vereinbarungen mit den Ständen. Die wichtigsten 
Kirchenordnungen sind die Snperintendentur- 
ordnung von 1527 oder 1528, die Kastenordnungen 
von 1527 und 1530, die Visitationsordnung 
von 1528, Ausschreiben wegen der Superinten 
denten von 1531, die Wahl-Visitations- und 
Synodalvrdnung von 1537, die Ziegenhainer 
Kirchenzuchtsordnung von 1539 und die große 
Agende. Der 8 4 behandelt die kirchlichen 
Stände, 8 5 die Organe der Verfassung nach 
den Kirchenordnungen von 1537, 1539 und 
1566 (Landesherr, Superintendenten, Synoden, 
Lokalkirchen ämter uitb Gemeindeversammlung). 
Die 88 6—8 behandeln das Zeitalter der Ge 
neralsynoden (1567—1583), die Rechtsbildung, 
die Umbildung der Verfassnngsgrundlagen und 
einzelnen Theile der Kirchenverfassung in dieser 
Periode. 
Schon Vilmar hat einmal geäußert, daß die 
Anfeindung des H u n n i u s in Hessen zum größten 
Theil in der geringen spekulativ-dogmatischen 
Beanlagung der Hessen zn suchen sei, denen der 
schwäbische Hunnius darin weit überlegen, die 
Hessen ihm darin zu folgen außer Stand gewesen. 
Köhler, dem diese Aeußerung kaum bekannt sein 
wird, kommt auf rechtsgeschichtlichcm Wege un 
gefähr zu demselben Resultat. „Wenn man sieht 
(S. 72), wie sehr damals unter der Geistlichkeit 
in Hessen, wie überall sonst, noch der Ton des 
15. Jahrhunderts herrschte, wird man kaum 
glauben können, daß ihre große Mehrzahl für 
die Fragen der neuen Dogmatik das nöthige Ver 
ständniß besaß, das doch eine nicht unerhebliche 
theologische und philosophische Bildung voraus 
setzte. Der ganze Streit bewegte sich in den 
höheren und höchsten Regionen, an den Fürsten 
höfen, der Universität, bei den Superintendenten 
und ihrem unmittelbaren Anhang. In einem 
einheitlichen Lande, wie Kursachsen, hatte der 
Streit für die Kirchenverfassung und den äußeren 
Bestand der Kirche keinerlei schlimme Folgen. 
Wenn Hessen ein Land gewesen wäre, so wäre 
auch hier die Verfassung nicht im Mindesten 
beeinflußt worden." Während Heppe das Todes-
	        

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