Full text: Hessenland (10.1896)

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ich an Deinen Stil stelle, weißt Du ja, doch 
diesmal muß ich Dir offen gestehen, daß Du alle 
meine Erwartungen übertroffen hast." 
„Nicht möglich, nicht möglich!" gab Professor 
Dernholz hastig zurück. Er hatte sich in den 
Schatten der Lampe gesetzt und sah eigentlich 
aus, als höre er gar nicht recht zu und denke 
über etwas ganz anderes nach. 
Wohl streifte ein forschender Blick aus den 
guten Hellen Augen der Schwester sein Gesicht, 
allein diese mußte doch wohl an ein solches Be 
nehmen gewöhnt sein, um etwas Auffallendes 
darin zu finden. Lebhaft begann sie wieder: 
„Die Schilderungen der Verkehrs- und heiligen 
Straßen der Alten haben mich sehr interessirt. 
Ganz besonders fesselte mich aber das Kapitel 
über die Hermessäulen, welche die Griechen 
an sich kreuzenden Landwegen errichteten. Die 
Inschriften derselben haben oft ganz tiefe philo 
sophische Bedeutung und künden nicht allein den 
rechten Pfad, sondern auch die Richtung an, die 
man in innerem Zwiespalt an einem geistigen 
Scheideweg zu nehmen hat. Fest bin ich über 
zeugt, die meisten dieser Sprüche rühren von 
bedeutenden Dichtern her; denn Stümpern ist es 
doch nie gegeben, in alltäglichen Dingen den Sinn 
ewiger Wahrheiten in solcher Weise zum Aus 
druck zu bringen." 
(Schluß folgt.» 
—-8-»«- 
Aus alter uñó neuer Jert. 
Aus Frankenbergs Vorzeit. Wohl keine 
Stadt unseres lieben Hessenlandes hat eine ruhm 
reichere, interessantere, aber auch zugleich weh 
müthigere Geschichte als die Burg der Franken. 
Aus der Höhe des Burgwaldes sowohl als auch 
in den Auen der Edder und Lahn zogen Schaaren 
der Röiner heran, und in harten, heißen Kämpfen 
rötheten sich die Wasser dieser Flüsse vom Blute 
gefallener Helden. 
Zur Zeit der ersten Frankenkönige soll hier an 
der Edder im Jahre 520 ein Lager, der Keim 
einer Burg, angelegt worden und unter Karl 
dem Großen soll dann auch nach und nach 
der Ort zu imnier herrlicherer Blüte gekommen 
sein. Urkundlich aber steht sicher und fest, daß 
unter dem Landgrafen Heinrich I., genannt das 
Kind von Hessen oder das Kind von Brabant, 
der Ort zu einer Stadt emporwuchs, nachdem 
derselbe in eigener Person im Jahre 1286 den 
Grundstein zu unserer schönen, im gothischen Bau 
stil erbauten Liebsrauenkirche gelegt hatte. 
„Herrliche und wonnige Tage", so erzählt unser 
Chronist Gerstenberg (f 1522), „sah die Stadt 
auf das Kirchweihfest, mit dem der neuntägige 
Hauptjahrmarkt und die Verkündigung des großen 
Ablasses verbunden war. Maien und Blumen, 
Tücher und Teppiche schmückten dann die Stadt; 
von allen Seiten strömten prachtvolle Prozessionen 
herbei; Kaufleute aller Art bezogen den Markt; 
in feierlichem Umzuge trug man, von Kerzenglanz 
umstrahlt und von Weihrauch umduftet, das Bild 
der heiligen Jungfrau durch die Alt- und Neu 
stadt ; Gebete und Gesänge erschallten in den 
Häusern und auf den Straßen, und unter großen 
kirchlichen Feierlichkeiten wurde den Gläubigen 
der Ablaß ertheilt und für alle gebetet, deren 
milde Hand Gaben zum Bau der Kirche geopfert 
hatte. Wenn der Landgraf diesen Festen nicht 
in Person beiwohnte, entsandte er eine Anzahl 
seiner Ritter und Diener, uni die nach Franken 
berg ziehenden Fremden zu geleiten. Prangend 
im vollen Waffenschmuck hielten diese ihren Einzug, 
empfangen von den Bürgern, die gleichfalls ihre 
schmucken Rüstungen angelegt hatten und mit ihren 
ritterlichen Gästen, unter dem Klange der Pfeifen 
und Trompeten, dreimal durch die festlich prunkende 
Stadt zogen. Frankenbcrg strahlte dann in 
solcher Freude und Herrlichkeit, daß die Fremden 
sich die Fenster mietheten, um das Auge bequemer 
am Glanze dieser Umzüge weiden zu können." 
Vergleicht man heute die Stadt mit dieser 
Schilderung, so muß man in der That wehmüthig 
mit unserem Landsmann F. Pfister bekennen: 
„Frankenberg steht da wie der Rumps einer alten 
Eiche, welche die Königin des Waldes war. Hat 
aber der Sturm der Zeit ihren stolzen Wipfel 
auch gebrochen, anziehend genug bleibt immerhin 
noch der Strunk, dessen graue Rinde an die Ver 
gangenheit erinnert, während sein jung getriebenes 
Astwerk frisch in die Gegenwart und Zukunft 
hineingrünt." 
Wie ist es nun gekommen, daß diese ehedem so 
angesehene Stadt unseres lieben Hessenlandes erst 
die 19. Stelle bezüglich ihrer heutigen Bewohner 
zahl einnimmt? 
Vorerst war es der Krieg. Im Jahre 1372 
wurde die Neustadt vom Bunde der Sterner 
geplündert und niedergebrannt. Auch erlagen die
	        

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