Full text: Hessenland (10.1896)

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Herzensglück der Zukunft eines bedeutend jüngeren 
Bruders zum Opfer brachte, so werden Sie dies 
als treue Schwester doch verstehen." 
„Gewiß", bestätigte Fräulein Linchen. „Aber ich 
durfte nicht anders handeln, Frau Doktor, glauben 
Sie es mir! Wäre ich Bernhard's Gattin ge 
worden, dann hätten wir beide jahrelang zusammen 
ringen müssen, ehe wir festen Grund unter die Füße 
gewannen. Da aber die Mutter ohne meinen 
Beistand Franz nicht hätte weiter studiren lassen 
können und nach einem harten Leben noch tief 
unglücklich dadurch geworden wäre, so blieb mir 
schon um ihretwillen keine andere Wahl, als zu 
verzichten. Es ist mir damals nicht leicht ge 
worden, allein ich hatte doch stets das Gefühl, 
das Richtige gethan zu haben." 
„Das glaube ich jetzt selbst, Fräulein Linchen," 
meinte die Doktorin. „Die Zeit hat ja Ihr 
Opfer gerechtfertigt und auch gezeigt, daß Ihr 
Herr Bruder nicht nur ein berühmter Mann 
wurde, sondern auch ein dankbarer Mensch blieb. 
Er ist doch noch unverheirathet, nicht wahr?" 
„Bitte, aber nicht meinetwegen", schaltete die 
Andere lächelnd ein. „Früher habe ich ihn sehr 
oft gebeten, sich eine hübsche junge Frau zu nehmen 
und ihm sogar dann und wann einmal ein 
passendes Mädchen vorgeschlagen, allein er hat 
niemals einen Entschluß fassen können. Heute 
freilich, wo er schon vierzig Jahre alt ist, halte 
ich es bei seinen starken wissenschaftlichen Neigungen 
für besser, wenn er ledig bleibt. Wir sind so 
zusammen eingelebt, daß er gar nicht mehr an's 
Heirathen denkt. Auch ich könnte jetzt das Da 
zwischentreten einer Dritten nicht mehr ertragen." 
„Das begreife ich", stimmte die Doktorin bei. 
Sie unterdrückte jedoch die Bemerkung, bei einem 
kaum vierzigjährigen Manne sei man freilich vor 
dem Heirathen noch nicht ganz sicher. Dann er 
kundigte sie sich nach dem Leben und Streben 
des Herrn Professors. 
Fräulein Linchen erzählte, wie glücklich sie zu 
sammen seien und berichtete dann von den großen 
wissenschaftlichen Erfolgen des Bruders und seinen 
neuen Plänen. Ganz beiläufig bemerkte sie auch, 
er lebe seit einiger Zeit nicht mehr so zurück 
gezogen als früher und besuche jetzt sogar die ge 
sellschaftlichen Zusammenkünfte der „Harmonie", 
wohin er auch heute wieder gegangen sei. Dann 
lenkte sie schnell das Gespräch von sich und ihrem 
Bruder ab und ließ sich mittheilen, ans welchem 
Grunde Frau Doktor Braun eine Reise nach hier 
unternahm. Als sie erfahren hatte, daß dies um 
deren ältester Tochter willen geschah, die in den 
nächsten Tagen von dem bedeutenden Chirurgen 
der Universität operirt werden sollte, floß noch 
manch' warmes, theilnehmendes Wort von Fräulein 
Linchens Lippen, richtete sie die Gebeugte durch 
ihren herzlichen Zuspruch vollständig wieder aus 
tiefem Kummer auf. Getröstet und mit neuem 
Muthe ausgerüstet, verließ die Frau in der 
Dämmerung das Haus und dachte noch lange 
über Fräulein Linchen nach. Was war diese 
doch für ein vorzügliches Wesen! Ihr ganzes 
Leben bildete eine Kette edler, selbstaufopfernder 
Handlungen! Wie sorgsam hatte sie einst die 
kränkliche Mutter gepflegt, wie sich als Lehrerin 
in dem kleinen Städtchen geplagt, damit der 
hochbegabte Junge in's Gymnasium gehen konnte! 
Und so war's fortgegangen bis zu dessen Selbständig 
keit. Wenn's nur auch so zwischen beiden blieb, 
wie cs jetzt war, und Fräulein Linchen nicht am 
Ende doch noch das bekannte Schwersternschicksal 
ertragen lernen mußte: schließlich einer Mächtigeren 
weichen zu müssen. 
II. 
Professor Dernholz kam ziemlich spät nach 
Hause; die Schwester hatte schon lange mit dem 
Thee auf ihn gewartet. Damit er diesen nicht 
allzu lang nach der gewohnten Zeit einnehmen 
möge, begann Fräulein Linchen einstweilen keine 
Unterhaltung und rückte dem Bruder nur alles 
schön zurecht, damit er tüchtig zufassen möge. 
Sie freute sich denn auch an seinem guten Appetit, 
bemerkte aber in der Sorge um sein leibliches 
Wohl nicht, wie erregt er aussah, welche Unruhe 
sein sonst so gemessenes Wesen beherrschte. 
„Du hast Dich heute wieder gut unterhalten, 
Franz?" begann endlich Fräulein Linchen, nach 
dem er die Serviette zusammengewickelt und in 
den silbernen Reif gesteckt hatte. 
„Sehr gut, sehr gut", entgegnete der Angeredete 
etwas zerstreut und putzte sich die goldene Brille. 
Dann ließ er den langen bräunlichen Vollbart 
ein paar Mal durch die Finger gleiten und setzte 
noch hinzu: „Es ist recht schade, Linchen, daß 
Du nicht da warst." 
„Ach, Du weißt ja, ich bleibe mit meinen 
zweiundfünfzig Lenzen lieber zu Hause. Und nun 
gar jetzt, wo ich doch jeden Augenblick benutze, 
um Dein Manuskript zu lesen." Fräulein Linchen 
erzählte noch, daß sie gerade damit fertig geworden 
sei, als Frau Doktor Braun gekommen wäre. 
Dann beantwortete sie einige kurze Fragen des 
Bruders, der sich nach dem Ergehen von deren 
Familie erkundigte, und fuhr begeistert fort: 
„Laß uns jetzt auf Dein Werk zurückkommen, 
lieber Franz! Du hast wirklich die Aufgabe, den 
schwierigen Stoff in populärer Form zu fassen, 
in vollkommenster Weise gelöst. Welche Ansprüche
	        

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