Full text: Hessenland (10.1896)

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Dienste. Die übrigen verwiesenen Herrn wurden 
baldigst wieder begnadigt. 
Durch den Generaladjutanten wurde zwar die 
minutiöseste Bewachung des Kurfürsten in Wil 
helmshöhe angeordnet, und eine Wache zu Wil 
helmshöhe war für Offiziere und Soldaten eine 
gute Vorschule für den Krieg, der Kurfürst aber 
zeigte allein gegen die Soldaten kein Mißtrauen 
und kam, in seiner Art sich zu geben, bald auf 
einen gewissen kordialen Fuß mit ihnen; sie 
nannten ihn unter sich: Unse Willäm. Im 
Aeußeren und Allgemeinen blieb der Zustand 
des Militärs ein guter; wer genauer hinsah, 
der bemerkte wohl, daß der frühere Eifer vorüber 
sei und die persönlichen Rücksichten mehr Raum 
bekamen als die militärischen und für die gerade 
begünstigten Herrn und deren Corps mehr Gnade 
abfiel als für die andern. Besonderen Eifer 
hatte niemand mehr, man duselte im gewohnten 
Gleise fort, bis das Jahr 1830 der Sache vorläufig 
ein Ende machte und eine neue Periode einleitete. 
Der Kurfürst war von Natur nicht argwöhnisch 
und hatte viel Anhänglichkeit an seine alten 
Diener und Umgebungen, suchte auch gern ein be 
gangenes Unrecht wieder auszugleichen. Er wurde 
aber täglich jähzorniger und erlag mehr als bisher 
dem Einflüsse seiner Maitresse. Es war täglich 
Krieg im Palais, und die Soldaten, die auf 
Posten gestanden hatten, wußten die spaßhaftesten 
Geschichten zu erzählen, freilich wohl auch 
tragische. In der Hvfdienerschaft schien er mili 
tärisches Strafverfahren einführen zu wollen, 
kam doch der Hofbaumeister in Arrest auf die 
Hauptwache, und Sergeant Möbes, ein riesen 
hafter Unteroffizier der Leibgarde, wurde mit 
dem Posten eines Hofknutenmeisters betraut. 
In die Untersuchung wegen der Drohbriefe wurde 
nur ein Offizier und zwar ohne allen Grund 
verwickelt. Er wurde im Gefängniß wahnsinnig, 
dann freigesprochen und zu dem Festungskommando 
nach Ziegenhain versetzt, wo er sich entleibte. 
Das Militär nahm weder im Ganzen noch 
einzeln Partei und handelte stets auf Befehl 
des Kurfürsten und der Vorgesetzten. Mit dem 
Januar 1831 trat aber Kurhessen in die Reihe 
der konstitutionellen Staaten, und wie diese Um 
wälzung auszuführen sein würde, das war jedem 
sehr unklar. Die Offiziere befürchteten in üble 
Lage kommen zu können und hatten hierin nicht 
Unrecht. Man theilte sich seine Befürchtungen 
mit, wie der gebräuchliche Diensteid mit dem 
Verfassungseid zu vereinigen sei und sprach sein 
Bedenken gegen die Vorgesetzten aus. Da erklärte 
einer der dem Kurfürsten nahestehenden Kom 
mandeure seinen Offizieren, daß er den Kurfürsten 
von den Bedenken der Offiziere in Kenntniß ge 
setzt habe, daß dieser ihre Gesinnungen anerkenne, 
ihre Bedenken aber nicht theile, da in dem Eide 
auf die Verfassung auch der Eid zur Treue gegen 
ihn enthalten sei. Somit beruhigte man sich 
und schwur und hat diesen Schwur redlich bis 
an's Ende gehalten. 
Prin; Wilhelm von Oranien und Landgraf Wilhelm IV. von Hessen. 
Nach Aufzeichnungen des vormaligen kurhessischen Staatsarchivars Georg Ludwig Keßler 
von 
Heinrich Keßler. 
(Schluß.) 
Wechsler zu Leipzig diese Summe in seinem 
Auftrage dem Grafen Günther von Schwarzburg 
gegen Kaution zustellen sollten, welcher hiernächst 
solche dem Prinzen von Oranien einhändigen und 
sich von diesem genügende Rückbürgschaft ertheilen 
lassen könne. Der Graf habe, so äußerte der 
Kurfürst mündlich dem Gesandten, bereits sich 
dahin vernehmen lassen, er wolle dem Prinzen 
zum Besten Land und Leute weggeben; es würde 
also wohl die erwähnte Kautionsleistung keine 
Schwierigkeit finden. Wenig unterrichtet, wie es 
scheint, von des Grafen Günther Vermögens- 
Verhältnissen nahm Bing ohne Widerrede diese 
<-4Ming langte nun am 21. Juli, dem verhängniß- 
vollen Tage, an welchem Alba des Grafen 
Ludwig von Nassall Heer bei Jemgum 
(zwischen Emden und Leer) schlug und zersprengte, 
zu Gohlis ohnweit Leipzig, dem Orte, wo damals 
der Kurfürst sich aufhielt, an und erhielt anr 
folgenden Tage von demselben nach seinem Vor 
trag die Antwort, daß er bei dem in Erfahrung 
Gebrachten nunmehr fortdauernd zur Aussöhnung 
und zum Abwarten der einzuleitenden Ver 
mittelungsversuche rathe, danach aber 100 000 fl. 
unter der Bedingung höchster Verschwiegenheit 
auf drei Jahre in der Art herleihen wolle, daß
	        

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