Full text: Hessenland (10.1896)

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Aus den Aufzeichnungen eines althessischen Offiziers. 
(Schluß.) 
II. 
Aas Jahr 1821. 
cr^ohl selten ist ein Thronwechsel mehr er 
sehnt worden, als der im Januar 1821 in 
Kurhessen stattgehabte. Die Wünsche waren 
zwar sehr zahlreich, indessen waren die Hoff 
nungen schon sehr herabgestimmt. Daß es anders 
werden würde und müsse, sah man ein, und es 
wurde auch alles anders und um so plötzlicher 
und rapider, als der Stillstand ein sehr tanger 
gewesen war, und man sich mit der andern Welt 
in's Niveau bringen wollte. 
Daß sich in den inneren politischen Zuständen, 
in Bezug auf Einführung einer landständischen 
Verfassung, nichts ändern würde, war voraus 
zusehen, der neue Kurfürst hatte hierfür durchaus 
kein Verständniß und noch weniger Neigung, 
und man war in allen Ländern Europas gerade 
recht thätig damit beschäftigt, das etwa früher 
hierin Gethane ungeschehen zu machen. 
Aber in der Verwaltung des ganzen Landes 
mußte ein neuer Weg betreten werden, wie er 
gerade Mode geworden war. Es war die Zen 
tralisation, die Vielregiererei an der Herrschaft, 
und es war doch auch zu anstößig, wenn ein 
ganzes Land sich in so häßlichem Kostüm zeigte, 
wie Kurhessen. Es war also unerläßlich, all^s 
neu zu gestalten, dabei aber auch vieles Alte, bisher 
noch Berücksichtigte, in Herkommen, Rechten re., 
mit dem Zentralisationssystem Unverträgliche, zu 
beseitigen. Die alten Minister blieben; indeß 
besorgten Andere die Umgestaltung der Ein 
richtungen, und man mußte diesen das Zeugniß 
geben, daß sie fleißig und gewissenhaft sich des 
Auftrags entledigten. Wenige Monate reichten 
hin, mehr ein- und auszuführen, einzureißcn und 
aufzubauen, als in einem halben Jahrhundert 
möglich gewesen war. Der Kurfürst hatte un 
bedingtes Vertrauen in die Fähigkeit und Red 
lichkeit seiner Gehilfen, und so machte es sich 
leichter, als man glaubte. Der 1. Mai sah ein 
neues Land, und zwar nicht allein in der Uniform 
und Livree, sondern mit neuem Haushalte. 
In etwas hatte man sich wohl versehen: der 
Maßstab, nach dem man arbeitete, war etwas 
groß gegriffen, ein Irrthum, der in kleinen 
Staaten leicht vorkommt. Man war, den Um 
stünden und der durchlebten Misere nach zu 
frieden. 
Im Militär war die Sache am äußerlich 
auffallendsten. Die Lumperei verwandelte sich in 
Glanz; die Bettelhaftigkeit in Anstand; das 
kindische Alter und die notorische Unfähigkeit 
wurden mit Rücksicht beseitigt; die Zahl der 
Corps und höheren Stellen eingeschränkt; statt 
der ungemessenen eine zwölfjährige Dienstzeit 
festgesetzt re. Eine außerordentliche Menge von 
Gesetzen, Reglements, Instruktionen und Regu 
lativen änderten das Veraltete und führten 
Neues und Besseres ein. Jedermann war zu 
frieden, der Kurfürst wie der Soldat. Eins 
konnte in der Eile noch nicht geliefert werden: 
ein allgemeines Dienstreglement, man mußte sich 
mit den: alten, in seinen Grundzügen sehr guten, 
aber doch veralteten Reglement behelfen. Die 
Zeit wurde baldigst eine üble, einer solchen Arbeit 
ungünstige, und sie unterblieb später ganz bis 
zum Ende des Staates. Rechte und Pflichten 
nach oben und unten fest zu bestimmen, wurde 
als unbequem erkannt. Für die Rechte in den 
oberen und die Pflichten in den unteren Sphären 
wurde das alte Reglement, das nur noch in 
wenigen Exemplaren existirte und selten zugänglich 
war, wohl angeführt, umgekehrt wohl selten. 
Die Armee erhielt eine vollkommene Um 
bildung, Uniformirung und Einrichtung nach 
preußischem Muster. Von den im Jahr 1813 
errichteten Corps waren die drei Landwehr 
regimenter, die beiden Freiwilligenregimenter zu 
Fuß und zu Pferd baldigst wieder aufgelöst 
worden, das Infanterieregiment Bieseuroth war 
später im Gardegrenadierregimcnt aufgegangen. 
Bei der neuen Formation bildeten die vier Garde 
bataillone ein Regiment von zwei Bataillonen, 
wozu das Jägerbataillon als ein drittes gerechnet 
wurde. Die Grenadierbataillone der vier Jn- 
fanterieregimenter Kurfürst, Kurprinz. Landgraf 
Karl und Prinz Solms gaben jetzt das Material 
für die neuen drei Linienregimenter zu 
je zwei Musketier- und einem Füsilierbataillon. 
Die Gardehusaren-Escadron ging ein und es 
blieb eine Escadron Garde-du-Corps 
und zwei Husarenregimenter zu je vier 
Escadrons, die Artillerie bildete eine reitende 
und drei Fußbatterien zu je acht Geschützen und 
einer Handwerkerkompagnie. Doch wurden diese
	        

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