Full text: Hessenland (10.1896)

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Des Fürsten Großahn ist's, der sieben Jahr' 
Vor Bonaparte's Heerschaar Flüchtling war. 
Nun ist zu Hans und wieder Herr im Land 
Der Glückliche! — wo seine wiege stand. — — 
Und wieder wechselt rasch der Traum das Bild: 
Ein and'rer Zug durchwallet das Gefild; 
Von keinen: Thurm tönt Gruß und Grabgeläut', 
Und doch gilt einem Todten das Geleit. 
Im Trauerschritt zieht, mit dem Sarg voran, 
Beflort ein Jsabellen-Sechsgespann, 
Zum Stadtthor führt sein weg hinein — — hinaus 
Zun: alten Friedhof — zu dem letzten Haus. 
Entblößten Hauptes steht und lauscht das Volk, 
Die wintersonne birgt sich im Gewölk. — — — 
Der Fürst am Fenster schreckt aus seinem Traum, 
Die Arme streckt er in den leeren Raum: 
„Der Mann bin ich! Der Traum zeigt mir mein Loos! — 
Zum Grab ein Stückchen Hessenerde bloß 
Vom Vater-Erbe auf dem Friedhof drauß' ? 
Brecht auf, Gefährten, denn! — Nach Haus! Nach Haus!! —" 
Entstehung und Ableitung hessischer Ortsnamen. 
Von Di-. L. Armbrust. 
(Fortsetzung.) 
II. 
Als Europa durch die Völkerwanderung (375 bis 
568 u. Chr.) von den deutschen Stammen 
in dauernden Besitz genommen war, und 
überall fester gefugte Staaten entstanden, stcl es 
den Bewohnern Hessens schwerer als bisher, bei 
Nebervölkernng einen Theil ihrer jungen Mann 
schaft in die Fremde zu schicken. Sie sahen sich 
daher aus eine stärkere Ausnutzung ihres Landes 
angewiesen, auf die Ausdehnung des Anbaus von 
den Flußthälern nach den Bergen zu, ans die 
Rodung der Wälder und Trocknung der Sümpfe. 
Dazu hatten wahrscheinlich schon die Römer die 
erste Veranlassung gegeben. Ihre Grenzbefestigung, 
der Pfahlgraben, schnitt nämlich ein gut Theil 
chattischen Gebiets ab und hinderte den Auszug 
in arger Weise. Aber erst als die störenden 
Wanderungen aufhörten, zeigten sich erheblichere 
Fortschritte im Anbaue des Landes. Der Schutz 
des mächtigen Frankenreiches bewies seine heil 
same Wirkung. In der Urzeit war der Wald 
besitz der einzelnen Ansiedlungen so groß, daß in 
deren Gebiete neue Wohnsitze und Dörfer mit 
Leichtigkeit angelegt werden konnten. Nach den 
Fulder Schenkungsverzeichnissen reichte die Mark 
von Morschen bis zur Pfiefe, die eine Stunde 
Weges entfernt sein mag; sehr ausgedehnt war 
die Mark von Fulda und vieler alter Städte. 
Durch Theilung der ursprünglichen Wald- und 
Feldmark sind vornehmlich die gleichnamigen 
Ortsbezeichnungen entstanden, wie Nieder- und 
Oberzwehren, Groß- und Kleinenglis 
(alt Angelgise, wohl Dativ eines Personennamens), 
Alten- und Kirchbauna (von bune, einem 
Uferbaue von Weiden), Kirch- und Rothen 
ditmold (alt Diethmelle = Volksversammlung, 
Volksgericht) und sehr viele ähnliche Benennungen. 
Manche neue Niederlassungen in der Mark einer 
alten Ortschaft erhielten natürlich auch ganz andere 
Namen. Den ehemaligen Zusammenhang erkennt 
man dann in späteren Zeiten noch an gemein 
samen Waldungen und Weidegründen. Mit der 
Stadt Melsungen müssen z. B. die Dörfer Ober- 
melsungen, Schwarzenberg (von der bis zum Fuße 
mit dunkelem Nadelholze bedeckten Haar benannt) 
und Nöhrenfurt (Furt durch's Rohr) ursprünglich 
in derselben Gemarkung gelegen haben, denn die 
Stadt hatte mit ihnen gemeinsame Weiden 
(Koppelhude). — 
Gemeinfreie und Adlige sind die Gründer neuer 
Höfe und Ortschaften. Von nun ab legen sie 
und ihre Nachbarn den neuen Gründungen immer 
häufiger Bezeichnungen bei, die an den Namen 
des Gründers und Besitzers erinnern. 
Zunächst kommen Personennamen im Dativ 
und später auch im Genetiv als Ortsnamen vor. 
Beide Casus sind in vielen Fällen schwer oder 
gar nicht zu unterscheiden. Solche Bildungen 
sind vorhanden in Götzen bei Schotten (von 
Gezo oder Gozo), in Hemmen (von Hemmo, 
vcrgl. das hannoversche Hemmendorf und Salz 
hemmendorf), Gombet bei Borken (von Gunt- 
bot?), Motten bei Gersfeld (von Mot, Muoto). 
Die Stadt Schotten am Vogelsberge könnte
	        

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