Full text: Hessenland (10.1896)

M19 
X. Jahrgang. 
Kassel, 1. Oktober 1896 
Hessen-Heimweh. 
Ballade von Ludwig WoHrr. 
S u Prag in seinem Schloß am Fenster stand 
Der letzte Kurfürst von Althessenland. 
Im West lag's glüh, als wie ein Feuermeer, 
Und sandte seine letzten Strahlen her. 
Da zog mit seinem Schmerz und seiner Pein 
Das Hessen-Heimweh in die Brust ihm ein, 
Und zwiefach fühlt er, was es heißt, verbannt 
Und ganz verlassen sein in fremdem Tand. — 
„Nicht immer that, was recht, mein heißes Blut; 
Nicht immer meintest du, mein Volk, es gut!" 
So seufzt er, und in tiefem Schmerz und weh' 
Sieht er im Geist sich auf der wilhelmshöh'. 
Aus dunklen Tannen klagt der Abendhauch, 
Lin traulich Reh äugt aus dem Taxusstrauch, 
Der Mond scheint blaß aus dem Gewölk, indes 
Lin Nebelstreif' umflort den Herkules. 
Da wechselt rasch im Traum das traute Bild: 
Lin Fürstenzug durchreitet das Gefild; 
Lr reitet längs dem blauen Fuldastrom 
Zu dem Portale von St. Martins Dom. 
Lr reitet schnell, vom Volk — das sich anschließt —- 
Mit freudenfeuchten Augen rings begrüßt, 
Und bei der Glocken hellem Feierklang 
wird schnell der Zug zum ernsten Kirchengang. 
In's Heiligthum eintritt ein würd'ger Greis, 
wirft auf die Kniee sich und betet heiß; 
Lr kniet und fleht, bis in dem Gotteshaus 
Das Lied „Herr Gott, Dich loben wir!" klingt aus. 
Herr Philipp ist's — fein Ahn! In Acht und Bann 
Fünf Jahr' im Kerker schmachtete der Mann; 
Nun ist er wieder frei und Herr im Land — 
Der Glückliche! — wo seine wiege stand. 
Da wechselt in dem Traume rasch das Bild: 
Lin and'rer Zug durcheilet das Gefild; 
Lin Zug, als kehrte im Triumph ein Held 
Auf Siegeswagen aus dem Schlachtenfeld. 
Das Volk ist außer sich — aus Rand und Band, 
Die Pferde werden von ihm ausgespannt, 
Die Deichsel wird ergriffen, und hinein 
Zur Fuldastadt geht's unter Hurraschrei'n.
	        

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