Full text: Hessenland (10.1896)

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Erzählungen der drei Männer im Backofen. 
Mitgetheilt von Wilhelm Ben necke. 
(Schluß.) 
„Nun geschah es zu jener Zeit," fuhr der Sohn 
Wildenberg's fort, der mir indessen wahrscheinlich 
Mittheilungen gemacht hatte, die mit jenen nächt 
lichen Vorgängen in gar keinem Zusammenhang 
standen, denn diese waren mir schon lange durch 
eine handschriftliche Ueberlieferung bekannt, „nun 
geschah es zu jener Zeit, daß der hochberühmte 
Kapellmeister Spohr meinem Vater die Partien 
des .Papagenv' und des .Leporello' in den 
Werken des unsterblichen Wolfgang Amadeus, in 
welchen er, wie Sie ja aus eigner Anschauung 
wissen, ganz und gar aufgegangen war, abholen 
ließ und dieselben dem Franz Hauser zutheilte. 
Dies machte meinen Vater rabbiat, obwohl ihm 
seine besten Freunde erklärten, daß Hauser als 
Sänger einen größeren Anspruch auf diese Partien 
habe, als er in seiner Haupteigenschaft als Komiker. 
Alles Zureden half jedoch nichts. Er konnte die 
tödtlichc Beleidigung, die Spohr, wie er behauptete, 
seinem Künstlerstolz zugefügt hatte, nicht vergessen, 
und das Entsetzliche griff Platz. Sowie er Spohr 
erblickte, schwoll ihm die Galle, voll Anmuth und 
Grimm ging er dann herum und versicherte es 
Jedem, der es hören wollte: .Den habe ich im 
Magen!' Dies war zu einer stehendeu Redens 
art bei ihm geworden, zu welcher die Einen nickten, 
die Andern lachten, aber er blieb dabei, und zu 
letzt bildete er sich wirklich ein, er habe Spohr 
verschluckt, und dieser lasse ihm keine Ruhe mehr. 
Es war eine fixe Idee, die ihn Tag und Nacht 
auf das Fürchterlichste peinigte und marterte, 
denn Spohr war ein Riese, und ihn im Leibe 
zu haben, keine Kleinigkeit. Infolgedessen trat 
Gedüchtnißschwäche bei ihm ein, denn seine Idee 
nahm ihn ganz und gar in Besitz, er konnte 
seine Rollen nicht mehr lernen, kam unsicher auf 
die Proben und erregte ärgerliche Störungen. 
Daß er aber bereits wahnsinnig war, vermuthete 
niemand, nur wir zu Hause wußten um das 
Elend. Endlich aber trat es auf der Bühne unge 
schminkt, in scheußlicher Wirklichkeit hervor. Mitten 
in einer Szene, wo er sonst zum fröhlichsten Ge 
lächter hingerissen hatte, stand er plötzlich da mit 
starrem Blicke und offenem Munde und konnte 
nur noch lallend hervorbringen: ,Hm? was? Hm? 
was?', bis er unter den verzerrtesten Grimassen 
abgeführt wurde. Schrecken und Staunen hatte 
während dieses überraschenden Auftritts im 
Publikum geherrscht, die Damen bogen die 
Köpfe zurück und hielten sich die Hände vor 
die Augen, um nicht in das Gesicht sehen 
zu müssen, aus welchem der Wahnsinn glotzte. 
Einige schrieen laut auf intb fielen in Ohnmacht, 
unter ihnen auch die Frau Generaldirektorin, 
deren Gatte den armen Geisteskranken erst vor 
wenigen Tagen wegen seiner Gedüchtnißschwäche 
mit einigen dreißig Thalern in Strafe genommen 
hatte. Seit jenem Abend war sein Leiden offen 
bar geworden, und es geschah alles zu seiner Be 
ruhigung, aber keine Macht der Welt konnte ihm 
den Glauben nehmen, er habe den Louis Spohr 
leibhaftig im Magen. Unter diesen Umstün 
den bekam er den Abschied und aus besonderer 
Gnade, da er Jahre lang ein Liebling des Publi 
kums gewesen war, zur Benefizvorstellung .Die 
sieben Mädchen in Uniform', worin er als letzte 
Rolle den .Sansquartier' gab, mit welchem er 
so oft zur Erheiterung, zur Belustigung der Zu 
schauer beigetragen und dafür den reichsten Bei 
fall empfangen hatte. Es ist wohl eine Selten 
heit zu nennen, daß ein von veritabelem Wahnsinn 
befallener Schauspieler, bevor er in das Irrenhaus 
wandert, noch in seinem Benefiz spielt, um sich 
in aller Form von dem hochgeneigten Publikum 
zu verabschieden ..." 
Der Sohn Wildenberg's schwieg. 
„Und kam Ihr Vater sofort in eine Kranken 
anstalt?" fragte ich. 
„Nein," erwiderte er, „wir wanderten erst noch 
eine Weile umher, dann ging es nicht anders 
in Hameln kam er in's Irrenhaus. . . Er starb 
dort erst nach einigen Jahren. . . Aber nun 
den letzten Schluck, und dann die Anzeige entworfen 
von meinem Eintreffen allhier, und daß ich beit 
.Sansquartier' spielen will, dieselbe Rolle, welche 
mein Vater u. s. w. u. s. w. Das wird, das muß 
Effekt machen! Ihrer Hilfe kann ich doch wohl 
versichert sein?" 
Die Vorstellung war zu Ende, die Zuschauer 
strömten in's Freie, und der Theaterkonditor 
machte Miene, das Zimmer zu schließen. Wir 
gingen hinaus, und ich hatte Mühe, von meinem 
neuen Bekannten loszukommen. Die nächsten 
Tage suchte ich in den Zeitungen nach der von 
ihm in Aussicht gestellten originellen Anzeige, 
fand aber nichts Derartiges vor." 
Der Musiker machte eine Pause 
„Haben Sie den Mann mit dem rothen Hals 
tuch denn nicht wieder gesehen?" fragte der eigen 
sinnige Herr.
	        

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