Full text: Hessenland (10.1896)

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seine Offiziere dort zum Mahl versammele, er 
wirkt, im Verein mit anderen günstigen Umständen, 
die Befreiung. Melander, durch die unfreundliche 
eiserne Tafelspende selbst verwundet, hebt die Be 
lagerung auf. Und Landgraf Georg, der auch 
feste Mann, giebt nach. Verhandlungen werden 
wieder angeknüpft, deren Schwerpunkt bezeichnender 
Weise jetzt in Kassel liegt. Dort wird im 
Frühjahr 1648 unter Vernichtung der Urkunde 
über den Hauptakkord der hessische Einigkeits 
vertrag geschlossen, der nun den fast fünfzigjährigen 
Streit endgiltig beilegt. Hessen-Kassel erhält den 
vierten Theil von Oberhessen mit der Hauptstadt 
Marburg, die Grafschaft Katzenelnbogen und die 
Herrschaft Schmalkalden zurück. 
Aber auch die Gegner im Großen, der Kaiser 
und der bayerische Kurfürst, sind des Kampfes, 
der sich immer mehr zu ihrem Nachtheil wendet, 
müde. Seit 1643 wird in Osnabrück mit 
Schweden, seit 1644 in Münster mit Frankreich, 
an beiden Orten zugleich zwischen dem Kaiser 
und den Reichsständen über den Frieden ver 
handelt. Die Landgräfin erhebt ihre alten 
Forderungen. Am 24. Oktober 1648 werden 
endlich die heiß ersehnten Verträge unterzeichnet. 
Amelia Elisabeth hat nicht alles erreicht, was 
sie verlangte. Die westfälischen Eroberungen 
muß sie, auf den Widerspruch Frankreichs, ihres 
eignen Verbündeten, aus der Hand geben und 
ebenso das ganze Fuldische Land und die mitten 
im Hessischen gelegenen Mainzischen Aemter 
Fritzlar, Naumburg, Neustadt und Amöneburg, 
die ebenfalls während des Krieges eingenommen 
worden waren; statt der geforderten territorialen 
erhält sie nur eine Baarentschädigung für Kriegs 
kosten und Schäden im Betrag von 600 000 
Thalern, immerhin zugleich ein Ehrenerfolg für 
die Erbin des geächteten Friedbrechers. Aber der 
hessische Einigkeitsvertrag wird bestätigt, das 
Stift Hersfeld muß der Kaiser ihr lassen und 
dem Hause Hessen-Kassel als erbliches Fürstcn- 
thum übertragen. Und neben der Bestätigung 
der schaumburgischen Erbschaft, die während 
des Krieges für Kassel sich eröffnet hatte, erlangt 
Amelia Elisabeth, nun im Verein mit ihren 
reformirten Mitständen, Kurbrandenburg an der 
Spitze, die vielnmstrittene Krönung ihres Werkes, 
die reichsrechtliche Gleichberechtigung der 
reformirten mit den beiden anderen 
Konfessionen. 
Doch noch einen anderen Erfolg hat Amelia 
inzwischen erreicht, der uns noch einmal nach 
Hanau zurückführt. Dort war Graf Philipp 
Moritz im Jahr 1638, sein minderjähriger Sohn 
Philipp Ludwig III. 1641 gestorben, das Land 
ging über auf den Vetter Johann Ernst aus der 
Schwarzenfelser Nebenlinie. Aber auch er stirbt 
Anfang 1642, nur wenige Wochen nach seinem 
Regierungsantritt. Mit ihm ist das Hanau- 
Münzenbergische Haus im Maiinesstammc er 
loschen. Der junge Friedrich Kasimir von 
Lichtenberg, vor Kurzem dort zur Regierung ge 
langt, ist zur Nachfolge berufen. Aber sein 
Recht wird ihm heftig bestritten. Kurmainz, das 
das bisher Lichtenbergische Amt Babenhausen 
schon eingenommen hatte, besetzt das Gericht 
Lohrhaupten, Würzburg nimmt Schwarzenfels, 
der Abt von Fulda Steinau, Kursachsen, gestützt 
auf die von den beiden Kaisern Ferdinand ihm 
zugesagte Anwartschaft, beansprucht die erledigten 
Reichslehen: das Land scheint der Zerstückelung 
verfallen. Da greift die hessische Landzräfin ein 
und erhält zum zweiten Male ihr Heimathland 
ihrem Hanse. Den Abt von Fulda zwingt sie 
mit den Waffen. Die übrigen Gegner bestimmt 
sie, gestützt auf das eigne Ansehen, das sie sich 
schon erworben hat, und die Waffen ihrer Ver 
bündeten, durch Verhandlungen itnb geringfügige 
Zugeständnisse zum Nachgeben. Friedrich Kasimir 
nimmt das Land in Besitz. Zum Dank aber 
für die jetzige und die im Jahr 1636 geleistete 
Hilfe, sowie zur Entschädigung wegen der Kriegs 
kosten und jener furchtbaren Schäden, welche die 
Entsetzung Hanaus für das Land Hessen-Kassel 
nach sich gezogen hatte, schließt er 1643 mit 
Amelia den Hessen-Hanauischcn Erbvertrag, 
durch den für den Fall, daß auch das Lichtenbergische 
Haus erlösche, dem Hanse Kassel die Nachfolge 
in die Münzenbergische Hälfte der nun vereinigten 
Hanauer Lande zugesichert wird. Genau hundert 
Jahre nach der Entsetzung Hanaus, im Jahr 1736, 
stirbt mit Johann Reinhard III. der letzte 
Hanauische Graf, und das Münzenbergische Hanau 
geht ans Hessen-Kassel über. 
Amelia Elisabeth stand auf der Höhe ihrer 
Erfolge. Sie hatte wohl Großes erreicht. 
„Wenn Gott es will, werd' ich aus meiner 
Niedrigkeit mich noch erheben", der Wahlspruch 
ihres in seiner tiefsten Erniedrigung, aus dem 
Leben geschiedenen Gemahls, war für sie zur 
Realität geworden. Aber nicht nur in Politik 
und Kriegswesen hatte sie sich um ihr Land ver 
dient gemacht. Noch während des Krieges, von 
Beginn der 1640 er Jahre an, hatte sie zugleich 
der inneren Wiederherstellung ihres Staatswesens 
und der Hebung der Landeswohlfahrt, insbesondere 
dem Wiederanbau des verwüsteten Landes ihre 
Fürsorge und Kraft gewidmet und den Erfolg 
gehabt, daß sic noch während der Kriegsjahre 
ohne Bedrückung des Landes einen Theil der
	        

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