Full text: Hessenland (10.1896)

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mußte, so lange er diensttauglich war, so konnte 
später nur Ueberfluß an Rekruten sein, und man 
hatte die Auswahl. 
Kurhessen zeigte bis zum Jahre 1821, zum 
Todestage des Kurfürsten, ein eigenthümliches 
Bild. Aeußerlich konnte man den Menschen im 
allgemeinen nicht ansehen, was sie bedrückte, sie 
sahen aus wie Leute aus anderen Ländern, man 
bemerkte so nicht, wie alles in der Regierung 
einen Weg ging, den niemand begreifen konnte. 
Da der Kurfürst 77 Jahre alt starb, so hatte 
man auch schon einige Jahre früher Grund, auf 
seinen Tod zu rechnen. Der kleine Krieg im 
Lande gegen ihn hatte ziemlich aufgehört. Auch 
im Offiziercorps war dies der Fall, nachdem 
der Kurfürst die Gehalte der Subalternosfiziere 
im Jahre 1817 um einige Thaler erhöht hatte, 
weil diese sämmtlich, mit alleiniger Ausnahme 
von dreien, den Abschied eingereicht hatten. Aber 
die Armuth im Offiziercorps war arg. Reiche 
Leute waren im Lande überhaupt selten, und 
wer Vermögen hatte, bestimmte seine Kinder 
nicht für das Militär. Der Adel war meist 
arm, die wenigsten Familien hatten Grundbesitz, 
und dieser warf sehr wenig ab. Zudem war 
in der westfälischen Zeit ein großer Theil der 
Subalternoffiziere aus dem Unteroffiziersstande 
emporgerückt, da viele junge Leute ohne Ver 
mögen, mit der Hoffnung, rasch zu avauciren, 
eintraten. Jetzt heiratheten gar noch viele der 
selben und ein großer Theil ging im Trinken 
unter. Man verlor allmählich die Hoffnung, 
sah den elendesten Zivildienst als Gewinn an, 
ja, sogar ein tüchtiger Hauptmann der Landwehr, 
der früher vom gemeinen Soldaten sich empor 
gearbeitet hatte, jetzt aber ein geringes Warte 
geld genoß, ging wieder auf sein kleines Ackergut, 
legte die Uniform ab und zog mit den Ochsen 
an den Acker. Ein anderer wurde Wirth bei 
Bettenhauseu, und man konnte täglich hören wie 
die Bauern riefen: „Herr Leutnant, ein halb 
Kännchen!" Das Militär sah bald, im Dienste 
wenigstens, aus wie zur Zeit des siebenjährigen 
Krieges, und dabei erstaunlich ärmlich und 
lumpig. Den Zopf trugen außer Dienst nur 
wenige Offiziere, die Vorgesetzten sahen es nach. 
Auf Urlaub gingen wenige, gewiß nur sehr selten 
in's Ansland und dann gewiß nicht in Uniform. 
(Schluß folgt.» 
Prinz Wilhelm von Oranien und Landgraf Wilhelm IV. von Dessen. 
Nach Aufzeichnungen des vormaligen kurhessischen Staatsarchivars Ludwig Keßler 
von 
Heinrich Keßler. 
>ei dem Herannahen Alba's war Prinz 
Wilhelm von Oranien bekanntlich nach 
Deutschland entflohen, wo er sich im Früh 
jahr 1568 auf die Kunde von der Vergeblichkeit 
aller für seine bedrängten Glaubensgenossen unter 
nommenen Vermittelungsversuche und entrüstet 
über die Hinrichtung Egmont's und Horn's als 
bald entschloß, gegen die Spanier zu Felde zu 
ziehen. Weil er aber nicht im Stande war, die 
für das angeworbene Söldnerheer erforderlichen 
Geldmittel aus eigenem Vermögen aufzubringen, 
so mußte er versuchen diese durch Anlehen und 
fremde Unterstützungen zu beschaffen. Zu dem 
Ende beabsichtigte er sich außer an mehrere ver 
mögende Privatpersonen an die bedeutenderen 
damaligen evangelischen Fürsten Deutschlands, 
den Kurfürst Friedrich von der Pfalz, Kur 
fürst August von Sachsen, Herzog Christoph 
von Württemberg, Herzog Wilhelm von Sachsen- 
Weimar, Herzog Julius von Brauuschweig- 
Wolfenbüttel, Markgraf Hans von Brandenburg 
und Landgraf Wilhelm IV. von Hessen, 
zu wenden. Er glaubte bei ihnen Anklang mit 
dem Gesuch nicht nur wegen der Sympathie zu 
finden, die sie an die bedrängten niederländischen 
Glaubensgenossen band, sondern hauptsächlich auch 
wegen des realen Interesses, das sie augenfällig 
an dem glücklichen Ausgang seines Unternehmens 
haben mußten, ein Land wie die Niederlande 
dauernd für die Sache des neuen Kirchenthums 
zu gewinnen und der spanisch-katholischen Herr 
schaft zu entreißen. 
Bei Kurfürst August von Sachsen und Land 
graf Wilhelm von Hessen zog der Prinz überdies 
weiter die verwandtschaftlichen Verhältnisse in 
Betracht, welche seit seiner Verheirathung mit 
Anna, der einzigen Tochter des Kurfürsten 
Moritz von Sachsen und dessen Gemahlin Agnes,
	        

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