Full text: Hessenland (10.1896)

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Landwehren nach Hause zu schicken, den Offizieren 
elende Wartegelder zu geben, Zöpfe und Puder 
einzuführen rc., so gingen damals viele jüngere 
Offiziere, besonders von der Artillerie, in fremde 
Dienste, auch nach Nord- und Süd-Amerika, 
Haiti rc. 
Im Anfange war das Verhältniß etwas 
gespannt; die westfälischen Offiziere und die 
alten Herrn standen sich wechselweise im Wege. 
Später glich sich das mehr aus; man kannte 
sich vor 1806 und wurde wieder bekannt. Die 
ersteren legten ihre hochfliegenden Hoffnungen 
aus der westfälischen Periode bei Seite, die 
anderen beschicken sich, daß ihre Zeit vorüber sei. 
Spezifische und allgemeine deutsche Ideen waren 
wenig bemerkbar, so sehr man auf den Franzosen 
schimpfte, aber eine allgemeine kurhessische Miß 
stimmung nahm bald Platz, und wer fortgehen 
konnte, der ging, als der Zopf von 1806 in 
seiner ganzen Länge und Breite sich ausdehnte. 
Täglich fragte man sich nur: wie lange kann 
denn der Kurfürst noch leben? 
Was den moralischen Zustand der Offiziere an 
betraf, so war derselbe in den höheren Chargen, mit 
wenigen Ausnahmen, gut. Es waren viele arge 
Genußmenschen darunter, aber es fehlte an Geld, 
man blieb zu Hause, und so wurde man ordentlich. 
Von den Kapitänen und Lieutenants ließ sich 
nicht allgcinein dasselbe behaupten. Acht bis 
neun Jahre des Krieges und die furchtbaren 
Schicksale in Spanien und Rußland hatten viele 
gänzlich verwildert. Jetzt sollten sie nur exerziren 
und auf Wache ziehen und Hunger leiden; sie 
wußten mit der Zeit nichts anzufangen und 
viele versuchten den Kummer und die Lange 
weile durch Trinken zu vertreiben. Es bildete 
sich, wie überall, erst eine anständigere Art von 
Friedenssoldaten heran, die eben freilich den Krieg 
wenig oder gar nicht kannten. 
Der Kurfürst starb, trotz aller Gebete und 
Flüche, nicht bald, sondern lebte noch ganze sieben 
Jahre, im Kampfe des Alten gegen das Nene 
unbesiegt. Anfangs verhöhnte und verlachte ihn 
alle Welt, später ließ man ihn ruhig gewähren. — 
Die Forderung der Verbündeten an den Kur 
fürsten , binnen zwei Monaten 24 000 Mann 
in's Feld zu stellen, wäre für die Kasse des 
Kurfürsten nicht zu hoch gewesen, für das an 
Material und Mannschaft ansgesogene Ländchen 
war sie es aber. Kredit war da, aber der Kur 
fürst, der gewohnt war, nur für Subsidien zu 
rüsten, erfuhr zu seinem Mißvergnügen, daß 
diese Zeiten vorüber seien und er nichts von Eng 
land erhalten werde. Alles Kriegsmaterial, 
was sich noch vorfand, hatten die Russen schon 
entführt; es war nicht viel dagewesen, nachdem 
der russische Feldzug alles verschlungen hatte 
und der Rest in Sachsen verloren ging. Gewehre 
lieferten die Schlachtfelder von Leipzig und Hanau; 
man nahm, was sich anbot. Die im Januar 
1814 marschirende erste Kolonne ging in Bauern 
kitteln ab und erhielt zum Theil erst in Koblenz 
Gewehre. Bei der Ausrüstung wirkte es sehr 
hinderlich, daß der Kurfürst zugleich seine alten 
Haustruppen organisirte. An wirklich kriegs 
tüchtiger Mannschaft war Mangel, wenn auch 
alle alten Soldaten von 1806, alles von 17 
bis 40 Jahren aufgeboten wurde. In Spanien 
und Rußland war beinahe alles umgekommen, 
in Sachsen auseinander gesprengt worden. Die 
beiden westfälischen Husarenregimenter waren mit 
Roß und Mann in der österreichischen Armee, 
während nach der Schlacht von Leipzig Vieles 
in die preußischen neuen Regimenter eintrat, auch 
die russisch-deutsche Legion viel absorbirt hatte 
(1849 im badischen Feldzuge waren vier preußische 
Brigadekvmmandeure: Webern, Brunn, Cölln 
und Rommel geborene Hessen, früher westfälische 
Offiziere). Man zog alles ein, was dienen konnte. 
So z. B. erhielt der Grenadier Johannes Reuber 
aus Niedervelmar, der 15 Jahre alt im Jahre 
1776 mit nach Amerika mußte, erst 1816 seine 
Entlassung.*) Die Leute kamen mit gutem 
Willen, da sie aber zum Theil halbe Kinder, 
schlecht und dünn gekleidet, mitten im Winter 
hinansgetrieben wurden, so füllten sie die Lazarethc, 
wo die meisten starben. Liegt doch der Rapport 
eines hessischen Chirurgen vor, wonach im Lazareth 
zu Koblenz, wohin man Kranke auf der Mosel 
hinabgebracht hatte, allein 100 Mann, mit 
wenigen Ausnahmen vom Regiment „Kurprinz", 
dort starben. Nach dem ersten Feldzuge, wo 
man die Landwehrregimenter reduzirte und die 
Leute Soldaten geworden waren, waren auch die 
Regimenter tüchtig und zeigten das im zweiten 
Feldzuge. 
Sehr übel war es, daß nach dem alten hes 
sischen Rekrutirungsgesetz die Söhne der schrift- 
süssigen Familien, des Adels und der Bürger 
aus den Städten Kassel, Marburg, Hanau, 
Ziegenhain, Schmalkalden, Karlshafen und Rinteln 
militärfrei waren; es fehlte dadurch der Stamm für 
gute Unteroffiziere, und es war wenig Ersatz, 
daß sie in die beiden freiwilligen Jägerregimenter 
zu Fuß und zu Pferd eintraten, wo man sie 
als halbe Soldaten behandelte. — Da nach dem 
Dienstgcsetze bis zum Jahre 1821 jeder dienen 
*) Vgl. „Hessenland" 1893, Nr. 16, 17; 1894, Nr. 12 
bis 14, 24.
	        

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