Full text: Hessenland (10.1896)

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lief), dabei des neueren Kriegswesens ganz un 
kundig waren und die man sämmtlich mit 
Pension ausscheiden lassen oder höchstens auf 
Ruheposten setzen mußte. Das hätte aber dem 
Kurfürsten viel Geld gekostet, und somit war 
er kein Freund von Pensionen, von denen auch 
niemand leben konnte. Die Wittwe eines im 
Sturm auf Montmedy erschossenen Lieutenants 
erhielt nur einige Thaler Pension und nichts 
aus der Wittwenkasse und ertränkte sich im Aue 
bassin, weshalb daun die drei Kinder dem 
Armee-Waisenhause zufielen, bis der spätere Kur 
fürst für ihre Erziehung sorgte. 
Groß war der Andrang jüngerer und älterer 
Herren im November 1813 in Kassel, die An 
stellung suchten. Die ersteren fanden beim Kur 
prinzen, die letzteren beim Kurfürsten Anhalt, 
und beide machten sich die Stellen streitig. Der 
Kurprinz wurde hierbei von Preußen unterstützt 
und setzte seinen Willen bezüglich der Anstellung 
in den Feldregimenteru meist durch; auch waren 
wohl viele der alten Petenten nicht sehr auf 
Krieg erpicht. Nur in der Landwehr und in den 
im Lande zurückbleibenden Corps siegte der Kur 
fürst meistentheils. Hütte dieser nicht stets aus 
gesprochen, daß er jeden seiner Offiziere von 1806 
in seinem früheren Dienstverhältnisse anstellen 
wolle, so würden ssth tüchtige Offiziere zu jeder 
Charge hinreichend gefunden haben, die es aber 
hierauf so nicht wagen mochten einzutreten. 
Tüchtige Offiziere waren damals ein gesuchter 
Artikel. So wurde bei einer Vorstellung west 
fälischer Offiziere auch der Major Graf von der 
Lippe genannt, worauf der Kurfürst erwiderte: 
„Ich kenne nur einen Lieutenant von der Lippe." 
Der Herr Graf machte aus der Stelle kehrt, 
verließ den Saal lind ging nach Württemberg, 
wo er Anstellung fand. 
In den unteren Stellen war anfangs einiger 
Mangel an gedienten Leuten, und es fand sich auch 
viel landsknechtartiges Volk ein, das später sich wieder 
verlor. So fanden sich unter den Stabsoffizieren 
und Kapitäns zwei Kategorieen: solche, die 
seit 1807 gedient, und solche, die nicht gedient 
hatten, vor 1807 aber beinahe sämmtlich in der 
kurhessischen Armee gewesen waren. In General 
stellen rückten keine westfälischen Offiziere ein. 
Der langjährige Begleiter und Schwager des 
Kurfürsten, General von Thümmel, blieb sein 
Generaladjutant, der General von Müller, der 
ihn ebenfalls begleitet und 1809 in Böhmen das 
kleine hessische Corps kommandirt hatte, erhielt 
eine Brigade der marschirendcn Truppen, der 
General Prinz von Solms-Braunfels, der zu 
Hause geblieben war, erhielt die andere; der 
Kurprinz kommandirte das ganze Corps. Von 
früheren hessischen Offizieren, die in Westfalen 
zu Generalen avancirt waren, ging General 
von Füllgraf nach Triest zum Könige, General 
von Ochs supplizirte mehrere Jahre vergebens 
um Anstellung, General von Langenschwarz nahm 
mit einer Oberstlieutenantsstelle in der Garde 
vorlieb. Einen kleinen Theil der alten Herrn 
aus vorhessischer Zeit, die nicht in der west 
fälischen aktiven Armee gedient hatten, brachte 
man in den Feldregimentern an, der größte 
Theil fand Verwendung in der Kriegsverwaltung, 
manche im Zivil, alle diese mit geringen Ge 
halten. Sie waren meist alle unzufrieden, be 
schuldigten den Kurfürsten des Undankes, wären 
indessen in großer Verlegenheit gewesen, wenn 
man sie in die Feldregimentcr gesetzt hätte, da 
sich die meisten körperlich schwach fühlten. Nach 
den Feldzügen blieben noch wenige alte Stabs 
offiziere im aktiven Dienste, bis 1821 war der 
größte Theil in Ruhe. Damals aber fand sich 
noch eine ganze alte kurhessische Generalität zu 
sammen, lauter Herren, die theils 1806 schon 
diesen Rang hatten, theils dazu aufrückten, zum 
Theil sehr alt, jedenfalls aber, mit wenigen Aus 
nahmen, des Dienstes ganz entwöhnt, schwach 
und krank und unfähig. Außer den schon ge 
nannten Generalen von Thümmel, von Müller 
und Prinz von Solms noch der 90 jährige 
von Biesenroth, von Urff, von Gräffendorf, 
von Dalwigk, von Donop, von Westernhagen, 
von Diemar, Engelhardt, Spiegel, dazu eine 
entsprechende Anzahl von Obersten, Oberstlieute 
nants und Majors, von denen gewiß wenige im 
Stande waren, eine Nacht außer dem Bette zu 
zubringen. 
Die alten Subalternoffiziere, die sieben 
Jahre nicht gedient hatten, waren ebenso unbrauch 
bar. Da man alle gesunden und jüngeren Offi 
ziere in den Feldregimentern nöthig hatte und der 
Kurfürst zugleich auch für sich seine Haustruppen 
ganz aus dem Fuß von 1806 errichtete, so fand 
sich in diesen letzteren ein Offiziercorps von voll 
kommenen Invaliden zusammen, zu denen man 
einige wenige ganz junge Leute als Lieutenants 
beifügte, um die Wachen beziehen zu können. 
Der Feldzug von 1814 dauerte nur einige 
Monate und schon unmittelbar nach der Rückkehr 
des mobilen Armcccorps sah sich der Kurfürst 
genöthigt, viele der alten Herren aus den zurück 
gebliebenen Corps durch andere zu ersetzen; man 
pensionirte sie mit einigen Thalern und überließ 
es dem Mangel und dem Branntwein, sie ganz 
zu beseitigen. Da der Kurfürst sich sogleich nach 
dem Frieden beeilte zu demobilisiren, d. h. die
	        

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