Full text: Hessenland (10.1896)

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Geburtstag Kurfürst Friedrich Wil 
helm's I. Zum 20. August, dem Geburtstage 
Kurfürst Friedrich Wilhelm's I. von Hessen, 
war dessen Grabstätte auf dem alten Friedhose zu 
Kassel auch in diesem Jahre wieder reich geschmückt 
worden. 
Möbel aus den Schlössern 5 u Kassel 
und Wilhelmshöhe dem C z a r e n b e s u ch e 
zur Verfügung gestellt. Aus Befehl des Kaisers 
werden aus dem Kasseler unb Wilhelms- 
höher Schloß Möbel nach Görlitz geschafft, um 
damit für die Dauer der bevorstehenden Anwesenheit 
des Czaren die demselben zur Verfügung gestellten 
Räume auszustatten. Der Kaiser von Rußland 
hegt für den Empirestil, der nirgends so schön 
und rau ausgeprägt ist als in den genannten 
beiden Schlössern, besondere Vorliebe. 
Tausendjahrfeier. Das KlosterM öllenbeck 
bei Rinteln, dessen Geschichte mit der Entwickelung 
christlicher Kultur im Weserthale und in den benach 
barten Gebieten auf's engste verknüpft ist, beging 
nach den ausführlichen Berichten der Tageszeitungen 
am 13. August die Feier seines 1000 jährigen 
Bestehens, 51t welcher sich neben einer zahlreichen 
Volksmenge u. a. Vertreter der weltlichen und 
geistlichen Behörden wie der Universität Marburg, 
die Mitglieder der Kreisvertretung, des Magistrats 
zu Rinteln, die Geistlichkeit der Grafschaft Schaum- 
burg und Lehrer und Schüler des Gymnasiums 
zu Rinteln eingefunden hatten. Für die Be 
arbeitung einer Denkschrift über das Kloster 
Möllenbeck war der gleichfalls zur Feier erschienene, 
unsern Lesern als geschätzter Mitarbeiter bereits 
bekannte fruchtbare Geschichts- und Alterthums- 
sorscher Pfarrer August Heldmann (Michelbach) 
gewonnen worden, dessen nunmehr vollendet vor 
liegenden Werkes im Lause des Tages mehrfach 
mit großer Anerkennung gedacht wurde. Die unter 
dem Titel „Das Kl0ster Möllenbeck in der 
Grafschaft Schaumburg, ein Gedenkblatt 
zur Tausendjahrfeier seiner Stiftung" 
soeben im Verlage von C. Bösendahl in Rinteln 
erschienene Schrift behandelt ihren Stoff in vier 
Abschnitten 1) Das Kanonissenhaus 896—1441; 
2) Das Augustiner Chorherrnstift 1441—1563; 
3) Das Kanonikatstift und die Schule 1563—1648; 
4) Die Klostergüter und die Verwendung ihrer 
Einkünfte seit 1648. Dieser vierte Abschnitt ist 
für die Gegenwart von besonderer Wichtigkeit, 
denn er giebt eine aus Urkunden beruhende Dar- 
steüung des Verhältnisses der Klostereinkünfte zur 
ehemaligen Universität Rinteln und zn der Uni 
versität Marburg, namentlich der bei dieser befind 
lichen Rintelner Freitische und der sog. Möllen- 
becker Benefizien. 
Aus der Geschichte des Klosters sei hier auf 
Grund eines Berichts, den Pfarrer Heldmann 
am 21. August in der Sitzllng des Marburger 
Geschichtsvereins erstattete, folgendes mitgetheilt: 
Kloster Möllenbeck ist wohl nicht die älteste Kirche 
in Hessen, welche eine Tausendjahrfeier hätte be 
gehen können, jedoch ist in diesem Falle die vom 
Kaiser Arnulf ausgestellte Stiftnngsurknnde noch 
heute vorhanden. Die meisten anderen Stifte, deren 
besonders in Westfalen eine große Reihe vor 
diesem erstanden, sind durch die Ungarn verwüstet 
unb ihrer Insassen beraubt worden. Im Jahre 
1297 kam Möllenbeck unter die Herrschaft der 
Grasen von Schaumburg, woraus auch sogleich eine 
Gräfin von Schaumburg als Aebtissin erscheint. 
Mit dem Stift war dem Gebrauch entsprechend 
eine Schule verbunden. Im 12. Jahrhundert war 
infolge des großen Gutsbesitzes die Verwaltung so 
umfangreich geworden, daß die Domsrauen oder 
Kanonissinen sie nicht mehr zu versehen vermochten. 
Dies war die Ursache der Verarmung des Klosters, 
das schließlich nur noch drei Stiftsdamen noth- 
dürstig Aufnahme gewähren konnte. Infolge 
dessen wurde das Kloster dem Augnstinerorden 
unterstellt, der eine neue Glanzzeit für dasselbe 
herbeiführte. Das Stift wurde von ihnen, weil 
es abgebrannt war, neu erbaut, auch errichteten sie 
eine große Hallenkirche. 1563, als die Reformation 
im Schaumburg'schen zur Annahme gelangt, wurde 
das Stift dafür gewonnen, das fortan als eine 
Stätte der Bildung diente, und dessen Einkünfte 
nach Gründung der Universität Rinteln (1723) 
zu deren Benefizien gehörten. An Hessen kam 
das Kloster mit Rinteln durch Vertrag vom Jahre 
1665, nachdem es im dreißigjährigen Kriege 
mancherlei Schicksale durchgemacht hatte. Während 
die Fürsten das Stift als ihr Eigenthum be 
trachteten, nahm es die Bevölkerung andererseits 
ebenso für sich in Anspruch, bis das Stift im 
Landtagsabschied von 1831 der Bevölkerung als 
Eigenthum zugesprochen wurde. Im Jahre 1809 
war es von Napoleon, der sich die Hälfte der 
Domainen des Königreichs Westfalen für seine 
Generäle vorbehalten hatte, seiner Schwester Fürstin 
Pauline Borghese zugewiesen worden. Im Jahre 
1661 wurde das frühere Konvikt wieder hergestellt, 
und es wurden von den Einkünften des Stifts
	        

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