Full text: Hessenland (10.1896)

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auf dem Hofe erschien. Er schreibt händeringend 
an Schmerfeld: 
„Heute Abend gegen 5 Uhr kam Herr Haupt 
mann Mensing mit vier Fuder Hausgeräth hier 
an und sagte mir, daß er das Gut Stölzingen 
in Pacht erstanden hätte, nebst einem schriftlichen 
Befehl von Ew. Wohlgeboren kraft Auftrages, 
daß ich ihm sofort das Gut auf morgen räumen 
solle und daß er nicht ehender sein Hausgeräth 
wolle abladen lassen, bis ich den Hof geräumt 
habe. Ich ersuche Ew. Wohlgeboren dieserhalb 
inständigst, mir doch durch den Ueberbringer von 
der Kammer den Befehl zugehen zu lassen, weil 
Herr Hauptmann Mensing durchaus darauf be 
stehet, daß ich morgen Abend den Hof geräumet 
haben solle. Er hat mir im Namen Sr. Excellenz 
des Herrn Ministers von Waitz den Befehl ertheilt. 
Ich sehe mich also genöthiget, dem Worte eines 
Offiziers Folge zu leisten, und werde deshalb 
morgen früh mit Tagesanbruch, wie der Herr 
Hauptmann verlangt, mein Hausgeräth wegfahren 
lassen, aber für meine Person den Hof nicht 
ehender verlassen, bis ich den bestimmten Befehl 
von der Kammer erhalten werde, von der der 
Herr Hauptmann Mensing den Pachtbrief wird 
erhalten haben." 
Das Patent als Förster beruhigte den Mann, 
und Mensing schickte ihn am nächsten Tage sofort 
nach Kassel, um sich dafür zu bedanken; so war 
er ihn los. 
„Meine Kreuz- und Ouerzüge zu beschreiben, 
sagt er in einem gleichzeitigen Brief an Schmerfeld, 
wollen Sie nicht, sondern nur wissen, ob alles 
bei mir ist. Ja, ich kann Ihnen und mir zur 
Beruhigung sagen, daß die Wagen hier in der 
Scheuer sind, und hoffe, in zweimal vierund 
zwanzig Stunden Ihnen zu melden, daß alles 
unsichtbar sein soll, wo kein Wind und Wetter 
das Geringste beschädigen soll." 
Nur einen Menschen zog der Hauptmann 
in's Vertrauen, einen „Kontorbedienten" Namens 
Bartels, von dessen treuer Denkungsart er 
überzeugt war. Der junge Mann weilte in 
Morschen zu Besuch bei einem Schwager, und 
Mensing ließ ihn von hier aus kommen. Er 
ließ ihn einen in den stärksten Ausdrücken ge 
haltenen Eid schwören, daß er das ihm anver 
traute Geheimniß i>i§' in's Grab verschweigen 
wolle, und daß keine noch so gewaltsame und 
fürchterliche Todesstrafe vermögend sein solle, ihn 
zum Bekenntniß zu bringen. Wenn er diesen 
Eid nicht leiste, so drohte Mensing ihn sofort zu 
erschießen, worauf Bartels schwur und nun Tag 
und Nacht nicht von seiner Seite kam. 
Die fünf Knechte, welche die Wagen gefahreil 
hatten, mußten ebenfalls einen Eid ablegen, und 
Mensing sicherte einem jeden eine lebenslängliche 
Pension von vier Thalern monatlich zu, dann 
gab er jedem noch eine Hessenpistole mit bem 
hessischen Wappen zum Andenken und einen 
Thaler Trinkgeld, worauf sie auf andern Wegen, 
als wie sie gekommen , nach einander abzogen, 
mit der Weisung noch selbige Nacht in W. ein 
zutreffen?) 
Nachdem die Werthsachen nun alle versteckt 
waren, wurden die Wagen scheinbar wieder be 
laden und abgefahren; dem Großknecht wurde 
für Rechnung Mensing's die Besorgung der Land 
wirthschaft und der Schwester des Hauptmanns 
die innere Wirthschaft übertragen. Da erschienen 
zu seiner Bestürzung zwei Bauern, der eine aus 
Dittershausen, der andere aus Eiterhagen, welche 
ihin die geheiinen Wege durch die Wälder gezeigt 
hatten, jammernd und klagend ans dem Hofe. 
Der eine sagte, er sei gerade in der Schmiede 
gewesen, als man ihn benachrichtigt habe, ein 
hessischer Offizier sei mit zwei Franzosen da, um 
ihn zu arretiren. „Rettet Euch, habe inan ihm 
zugerufen, sie wollen Euch zwingen zu sagen, wo 
Ihr den Herrn mit den Sachen von Wsilhelms- s 
hsöhej 2 ) hingebracht habt." Der Bauer entspringt 
und trifft unterwegs glücklicherweise den von 
Eiterhagen, auf den man auch gefahndet hatte. 
Beide kommen über Rotenburg und Spangenberg 
nach Stölzingen und mußten nun einstweilen 
dabehalten werden. Mensing räth, falls der 
Gouverneur bereits um die Sache wissen sollte, 
diesen um eine Sauvegarde für den einzeln ge 
legenen Hof anzugehen und so die französischen 
Spione mit ihren eigenen Mitteln fernzuhalten. 
Aber drei Wochen blieben die Sachen ruhig 
und unangefochten auf dem fernen Hofe; dann 
schien alles genügend sicher, um an ihre weitere 
Fortschaffung zu gehen. Zunächst wurden zehn 
Kisten weg- und, wie es scheint, über Witzen- 
hausen nach Münden geschickt. Hier sind die Auf 
schlüsse, welche die vorhandenen Schriftstücke geben, 
ziemlich ungenügend; doch läßt sich Vieles kom- 
biniren. — 
(Schluß folgt.) 
') Vielleicht Wilhemshöhe? 
°) Sctm so sind doch wohl die Buchstaben Wh zu 
ergänzen.
	        

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