Full text: Hessenland (10.1896)

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der bleiche Dezembermond sichtbar war. Allent 
halben herrschte schon tiefe Stille. Aus dem 
Fenster einer Parterrewohnung in der Amalien 
straße, der Münze gegenüber, stieg, den Mantel 
über den Arm gehängt, ein schlanker Mann, den 
Hut tief in die Stirn gedrückt, und eilte schnellen 
Schrittes die Karlsstraße hinab über den Friedrichs 
platz in die Altstadt hinein. ... Im Englischen 
Hof erwarteten ihn einige Freunde mit vollen 
Gläsern und den bunten verderblichen Bildern — : 
„Nun mischt die Karten, zieht die Blätter ab, 
Ob schwarz, ob roth, mir ist's egal! Nur zu! 
Der Dame traut' ich, und der König fällt! 
Verdammter Bube, läßt du mich in Stich? 
Fürwahr, 'ne noble Brüderschaft, Ihr Herr'n! 
Wollt Ihr den Beutel ganz und gar mir leeren? 
Die letzten zehn Dublonen werf' ich hin! 
Ich spiel' va bangue! Der Henker hol' die Wirthschaft!"— 
Eben hatte der Nachtwächter in dem nun voller 
leuchtenden Mondschein an der Bildsäule des Land 
grafen Karl die zweite Stunde abgerufen und 
war dröhnenden Schrittes die Straße hinauf dem 
Mcßplatz zu geschritten, als sich aus dem dunkeln 
Schatten, den die „Münze" warf, eine Münner- 
gestalt ablöste und hastig auf das gegenüberliegende 
Haus zuschritt. Das Fenster, welches der nächt 
liche Wanderer vorhin beim Heraussteigen nur 
leicht angezogen hatte, fand er jetzt fest verschlossen. 
Eine Verwünschung kam über seine Lippen. Un 
muthig schritt er eine Weile auf und nieder, — 
dann bequemte er sich zu einem leisen Klopfen. 
Wie durch einen Zauberdruck öffnete sich in diesem 
Augenblick das Fenster, und eine weibliche Kopf 
bedeckung nickte aus demselben heraus. „Ah, sieh 
da, Herr Wildeuberg!" klang es sodann durch die 
stille Nacht. „Sind Sie endlich da? Sich einmal 
an! Wo haben Euer Hochwohlgeboren denn so 
lange verweilt? Wußten Hochdieselben denn nicht, 
daß ich dero Hausschlüssel in sicherem Gewahrsam 
habe und daß nicht alle schlafen, welche die Augen 
schließen?" — „Mach'auf!" herrschte Wildenberg 
die Frau an, indem er ungeduldig mit dem Fuße 
stampfte. „Laß die Narrenspossen und mach' 
auf!" — „Nicht eher, als bis Euer Edeln sich 
ein wenig abgekühlt haben", war die Erwiderung. 
„Aber es ist bitter kalt!" schrie Wildenberg. 
„So denk' doch an meine Stimme!" — „O, es 
ist ja so schön draußen! Der Mond scheint hell, 
und lustig weh'n die Winde! Nur ein klein Weilchen, 
und es blühen die Veilchen!" In dieser Weise 
gingen die Reden hin und her, bis Madame sich 
endlich entschloß, die Thüre zu öffnen. Frau 
Nachbarin Klatsch, die schlaflos hinter den Gar 
dinen gelauscht, erzählte zwar am andern Tag 
im Kaffeekränzchen, die Szene habe sich darauf 
geändert und Madame sei einige Zeit lang die 
Ausgeschlossene gewesen, während der Herr Gemahl 
im Fenster geguckt und ganz melodiös getrillert 
und quinkelirt habe: „Nur ein klein Weilchen, 
und es blühen die Veilchen!", aber das ist eitel 
Phantasie,— ein Traumgebild der frostigen Winter 
nacht. . . . 
(Schluß folgt.» 
Flaßriiffen. 
(Nicdkrhessisch, Schwalm.) 
Än Sattlersch Schorschen Schiere 
De Räffen sing berot. 
Nü summen och de Mähre 
Herbie, es äß en Stovt. 
Den Mortließ singe Rutte J ) 
Die singt do dächtig on. 
De Sattlcrschc rieft mänchrnol: 
„Loßt keenge Knutten dron! 
Der Linn äß itze dhiere. 
Mäh wunn öch Linnfett schloh'n. 
Dann Wänterdoge singet 
Deß Krüppelbacken on." 
Der ahle Sattlerschorsche 
Bängt glich den Flaß mit Stroh, 
Deß hä sich nit verzirrelt 2 ), 
Un röcht un spricht: „Jo, jo, 
Dä nämmt zü dicke Packen. 
Dä wullt nürt fertig wär«. 
Dä kunnt Üch sovt noch dängzen. 
Bann lerrig tvird der Ährn!" 
„Nü sängt mo Eengs, dä Mahre, 
Dann gitts nochmo so gütt! 
Un nämmt Üch meh in vchtc, 
De Knutten ginn kapüt." 
Dobi langt sö den Bäsen 
Un stricht de Knutten wäck. 
De Sattlerschen äß änken^), 
Grod, wie bann Guld do läck. — 
Im Siwwene äß Alles 
Gebongen un gerafft.
	        

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