Full text: Hessenland (10.1896)

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unlängst gestorben, hat mir fünfhundert Thaler 
vermacht. Heute morgen wurde Wildenberg auf 
das Amt beschieden und ihm die Summe gleich 
bei Heller und Pfennig ausgezahlt. Nun find 
wir für die Zukunft geborgen und brauchen nicht 
jedes Bettelengagement anzunehmen. Der gute 
Vetter, ich habe ihn kaum gekannt . . . und 
beschenkt uns mit einem solchen Nothgroschen! 
Nun können wir auch ohne Schulden von hier 
fortgehen —" „Und uns das Leben noch ein 
bischen gemüthlich machen!" lachte der Sänger 
dazu. „Kommen Sie her! der todte Organist 
Pichler soll leben!" „Aber Wildenberg!" mahnte 
die Frau. „Das ist ja ein fündiges Gebühren! 
So mäßige Dich doch, was soll der fremde Herr 
hier von Dir denken!" „Der fremde Herr hier?" 
rief Wildenberg: 
„Der fremde Herr hier, sei es ein Signor, 
Ein edler Don, ein Messer, ein Mynheer, — 
Gleichviel, er ist willkommen! Tisch' ihm auf 
Italiens Goldorangen, nordisch' Eis, 
Englischen Pudding, Leipz'ger Lerchen! Flink! 
Goldwasser Danzigs schenk' dazu und Pontac 
Und zu vergessen nicht den Maraschino, 
Denn eine feine Jung' hat unser Lord!" 
„Ja, in Pyrmont — das waren schöne Tage, 
mein werther Herr, die mir noch immer unver 
geßlich im schlottrigen Gedächtniß fortleben. Aber 
wie wäre es nun mit einem weiteren Glas 
Grog, Verehrtester?" Wildenberg's Stimme war 
während dieser Rede immer klangloser und heiserer 
geworden, und zuletzt tönte sie so häßlich ver 
ändert, daß ich den Kopf erhob und mit dieser 
Bewegung das ganze Traumbild verscheuchte. 
Ich faß wieder in der Kasseler Hoftheater 
konditorei und mir gegenüber der Mann mit 
dem rothen Halstuch, der Sohn Wildenberg's, 
den ich soeben noch, fünfzig Jahre früher, ein 
glückliches Kind, seine Eltern umspielen sah. — 
„In Kassel," fuhr der Sohn Wildenberg's 
fort, „wo mein Vater ein glänzendes Engagement 
bekam, begann unser Elend. Da fand sich lustige 
Compagnie, und der Raptus erfaßte ihn. Un 
vergeßlich ist mir der Tag, wo meine Mutter 
die Königin im .Don Carlos' in's Leben über-' 
trug: 
Meiue Schatulle ist erbrochen — und Sachen 
Von großem Werth daraus verschwunden! 
,Jst Ihre Geldschatulle nicht etwa auch die 
meinige?' sagte darauf mein herrlicher Vater, 
ganz im Tone des Don Philipp. ,Und kann ich 
mit deren Inhalt nicht nach Belieben handeln?' 
Meine Mutter zerfloß in Thränen. Ich', 
schluchzte sie, .die fünfhundert Thaler hatte ich 
doch geerbt, und sie sollten uns als Nothpfennig 
dienen? ,Geerbt?' lachte daraus mein Vater 
und stellte sich hochaufgerichtet vor sie hin. ,Ge 
erbt? Haben Sie wirklich an das Ammenmärchen 
geglaubt, Madame? Haben Sie wirklich geglaubt, 
daß der armselige Halberstadter Musikant Ihnen 
die fünfhundert Thaler hinterlassen hat? O der 
Einfalt! Am grünen Tisch in Pyrmont hab' ich 
sie in einer Nacht dem grünen Herrn abgenommen, 
der immer phantasirte: Setz' Dich, liebe Emme- 
line!—, und in einer großmüthigen Anwandlung 
warf ich sie Dir in den Schooß, indem ich die 
alberne Geschichte von jenem Pichler erfand. Aber 
nun kein Wort mehr davon, denn der grüne 
Hexenmeister hat sein Theil wieder erhalten! Addio, 
ich muß in die Probe!' . . . ,Die Mutter weint, 
mein schöner Vater zürnt!' hätte ich wohl sagen 
können, wenn ich damals schon die klassische Bildung 
gehabt hätte wie jetzt. Seit jenem Tag aber 
standen mein Vater und meine Mutter sich in 
feindseliger Haltung gegenüber. Sie überwachte 
alle seine Schritte, um ihn, soviel es in ihren 
Kräften lag, vom Spieltisch zurückzuhalten, für 
welchen ihn eine verderbliche Leidenschaft erfaßt 
hatte. Als ich vorhin mit Ihnen in dies Zimmer 
trat, umwehten mich schreckliche Erinnerungen, und 
ich rief: ,Das ist die wahre Spükezeit der Nacht, 
wo Geister geh'n, ihr Grab Gespenster sprengen!' 
Aber es ist wirklich so, denn hier in diesem Raume, 
der jetzt ein so friedliches Aussehen hat, mit seinen 
weißen Tellern voll harmloser Süßigkeiten, tobte 
damals, wenn die großen Theatermaskenbälle ab 
gehalten wurden, der wilde Kampf um das Gold 
in aller Stille und Formvollendung. Hier stand 
der Farotisch, hier, auf derselben Stelle vielleicht, 
wo ich jetzt sitze, saß mein Vater, die Goldstücke 
vor sich, sie mit zitternden Fingern dem grünen 
Teufel opfernd, der ihn verlockt hatte. Ach, es 
war eine schreckliche Nacht, als meine Mutter mich 
aus dem Bette riß und mit hierher schleppte, 
um durch meinen Anblick den Gatten zur Vernunft 
zu bringen. Sehen Sie nicht in diesem Augen 
blicke wieder aus dem Boden aufsteigen die Cha 
raktermasken von damals und lautlos rings Platz 
nehmen, die Blicke unter den Larven hervor nur 
stechend gerichtet nach dem Golde des Banquiers? — 
Ha, und dazwischen plötzlich steht als drohendes 
Gespenst Madame Wildenberg mit ihrem in mitter 
nächtigem Froste bebenden Kinde. ... Es war 
eine häßliche Szene, aber noch viel häßlichere 
folgten ihr. ..." 
Aus dem stark duftenden Glas vor mir stieg 
ein anderes nächtliches Bild herauf. Von der 
Bellevue her zog ein scharfer Wind durch die Ober 
neustadt. Hin und wieder steten flimmernde Eis 
körner aus den lichten Wolken herab, hinter welchen
	        

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