Full text: Hessenland (10.1896)

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Der Kurfürst hatte mit den österreichischen Verwaltern 
seiner neu erworbenen früher gräflich Lörbna'schen Güter 
in Böhmen übele Erfahrungen gemacht und suchte deshalb 
einen hessischen Beamten als Leiter dieser Verwaltung. 
Einflußreiche Persönlichkeiten machten nun den Kurfürsten 
auf von Starck aufmerksam, woraufhin der hohe Herr 
beschloß, die gedachte Stellung diesem anzubieten. Er 
blieb auch bei seinem Entschluß, obgleich der damals 
noch allmächtige Premierminister Hassen pflüg ihn vor 
von Starck warnte, da dieser ja ein „Neuhesse" sei, 
worauf der Kurfürst erwidert haben soll: „Einerlei, 
ehrlicher Mann sein." (Obgleich also der ganz unberufene 
Einspruch des Premiers gottlob meinem freunde nichts 
geschadet hat, so ist doch derselbe insofern interessant, als 
er einen Beleg dafür liefert, zu welchen alles menschliche 
Gefühl verleugnenden Schritten sich der Vertreter einer 
rücksichtslosen Reaktion hinreißen ließ.) 
Da von Starck bei dem Mangel zusagender Thätigkeit und 
der dringenden Nothwendigkeit, sich pekuniär zu verbessern, 
das Anerbieten des Kurfürsten nicht wohl von der Hand 
weisen konnte, wurde derselbe am 26. März 1853 zum 
Kammerrath — vier Jahre später zum Geheimen Kammer 
rath — und Dirigenten der kurfürstlichen Güter zu 
Horzowitz und Ginetz ernannt, ihm jedoch der Rücktritt 
in den kurhessischen Staatsdienst vorbehalten. Selbstredend 
konnte es von Starck nicht leicht werden, sich in einer 
solchen ihm ganz fremden Verwaltungsthätigkeit in einem 
von Tschechen bewohnten Gebietstheile Böhmens zurecht 
zufinden, da er dessen Sprache nicht verstand, seine Ge 
setze nicht kannte und dessen Religion nicht die seine 
war. Trotzdem gelang es ihm. Vieles in der Ver 
waltung zu verbessern und Neues zu schaffen. Da in 
dessen seine Einkommensverhältnisse bei der österreichi 
schen Papierwirthschaft recht wenig günstig waren, für 
ihn die Erziehung und Schulbildung seiner Kinder in 
dem tschechischen Lande ein Ding der Unmöglichkeit war, 
dazu noch meinen lieben Freund, wie so manchen guten 
Hessen in der Fremde, die Sehnsucht nach der Heimath, 
das so böse Heimweh, immer mehr ergriff und an seiner 
Gesundheit zehrte, so bat er wiederholt um Wiederauf 
nahme in den kurhessischen Staatsdienst. Diese Bitte 
wurde jedoch erst im September 1862 erhört, wo er nach 
fast zehnjähriger Thätigkeit in Horzowitz mit einem Ge 
halt von 800 Thalern zum Obergerichtsrath in Kassel 
ernannt wurde. Im Dezember 1863 wurde von Starck 
an das wieder errichtete Obergericht in Marburg in 
gleicher Eigenschaft versetzt. 
Dieser Wechsel war meinem Freunde bei seiner Vorliebe 
für die Alma Philippina und deren schöne Umgebung 
sehr angenehm. Doch machte ihn die lange Unterbrechung 
seiner juristischen Thätigkeit in Hessen und die immittelst 
vielfach veränderte kurhessische Gesetzgebung mancherlei 
Schwierigkeiten bei dem Wiedereinarbeiten in die sämmt 
lichen Geschäftszweige. Er wurde daher, da sich iu Straf 
sachen weniger verändert, vorzugsweise im Kriminalsenate 
beschäftigt. Nach der Annexion Hessens wurde von Starck 
zum Vorstand der Kriminalkammer des Kreisgerichts in 
Marburg bestellt. In dieser Eigenschaft verblieb er bis 
zu der im Oktober 1879 in's Leben tretenden neuen 
Gerichtsorganisation, in Folge deren er zunächst zur Dis 
position gestellt und vom 1. Oktober 1882 ab in den Ruhe 
stand versetzt wurde. Sein bisheriges Diensteinkommen, 
welches die im kurhessischen Dienst nur bezogenen 800 Thaler 
namhaft überstieg, behielt von Starck auf Grund der 
in den 88 100 und 101 des Ausführungsgesetzes vom 
24. April 1878 getroffenen besonderen Bestimmungen 
auch im Ruhestand, eine unerhebliche Beschränkung ab 
gerechnet, vollständig bei. 
So konnte von Starck, welcher durch seine ehrwürdige 
Gestalt, seine Anspruchslosigkeit und Leutseligkeit in 
Marburg viel Liebe erworben hatte, einem sorgenfreien 
heiteren Lebensabend entgegensehen, umsomehr als sein 
Familienleben bis zum Jahre 1879 ein sehr glückliches 
und ungetrübtes war. Von seinen vier Töchtern hatten 
sich drei mit Offizieren der deutschen Armee vom Adel, 
welche sämmtlich in höhere Chargen vorrückten, sehr 
glücklich verheirathet. Von seinen beiden Söhnen war 
der ältere Professor der Medizin in Kiel geworden, der 
jüngere, welcher in das Kadettencorps eingetreten war, 
schied dagegen schon im blühendsten Alter als Portepee- 
Unteroffizier aus dem Leben. Ein zweiter Schlag reihte 
sich tut Jahre 1884 daran, in welchem die dritte ver 
heiratete Tochter ihrem Bruder nachfolgte. Der schwerste 
traf jedoch den mit asthmatischen Beschwerden geplag 
ten Mann in dem vorgerückten Alter von 76 Jahren 
durch den ganz plötzlichen Tod seiner vielgeliebten treuen 
Lebensgefährtin. Von diesem Verlust konnte er sich nicht 
wieder erholen. Seine bei den Eltern verbliebene vierte 
Tochter betrachtete es als eine überaus schöne Aufgabe, 
ihren vielgeliebten Vater, mit welchem sie zuletzt das 
Haus geführt und gemeinsam den tiefen Schmerz über 
den Heimgang der treuen Gattin und Mutter getragen 
hatte, während seiner letzten Leidenszeit zu pflegen, und 
erfüllte diese Aufgabe mit um so größerer Hingebung, 
als der nun Verewigte seine Beschwerden mit großer 
Geduld ertrug und sie für jede kleine Liebesthat mit 
einem herzlichen dankbaren Blick und Händedruck erfreute. 
Alle die, welche dem Obergerichtsrath von Starck 
näher standen, werden dem nun Dahingegangenen 
wegen seiner vortrefflichen Charaktereigenschaften, ins 
besondere wegen seiner unter den schwierigsten Umstünden 
bewiesenen unbeugsamen Charakterfestigkeit, sowie wegen 
der damit verbundenen Anspruchslosigkeit, Milde lind 
Herzensgüte ein unauslöschliches Andenken bewahren. 
Erzählungen der drei Männer im Maärofen. 
Mitgetheilt von Wilhelm Ben necke. 
lFortsetzung.) 
Fj^ünktlich leistete ich Wildenberg's Aufforderung spielte mit ihm herum, daß der Kleine laut jauchzte 
M Folge und fand ihn in der heitersten Laune, und krähte. „Mein Mann ist ganz aus Rand 
wenn fein Aussehen gleich etwas Ueber- und Band," sagte Madame Wildenberg, eine 
nächtiges hatte, mit seiner Frau und seinem Knaben schlanke, hagere, aber sehr interessante Brünette, 
meiner harrend. Das Kind, wie ein Page gekleidet, „denken Sic nur: ein entfernter Verwandter von 
war ein reizender Lockenkops, und sein Vater mir, der Organist Pichler in Halberstadt, welcher
	        

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