Full text: Hessenland (10.1896)

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Sohnes Wilhelm mnb Regentin ernannt, als 
Beirath waren ihr fünf dem Fürstenhaus er 
gebene Männer zugeordnet worden. Das Land, 
das sie regieren sollte, befand sich in Feindeshand, 
der Rechte, die sie ausüben sollte, war ihr Ge 
mahl förmlich und feierlich entsetzt worden. 
Amelia hatte nichts als ihr kleines Heer, an 
dessen Spitze freilich einen bewährten Führer, 
Melau der, den späteren Reichsgrafen von Holz 
appel, der schon seit Jahren dem Hause Hessen 
diente. Doch auch die Treue des hessischen Volkes 
hielt Stand in dieser Zeit des tiefsten Nieder 
ganges. 
Und nun sehen wir, was die Frau wohl ver 
mag, wenn ihr durch harte Nothwendigkeiten die 
Pflichten des Mannes auferlegt sind. Amelia 
begiebt sich mit den Ihrigen nach Groningen in 
den Schutz ihres oranischen Oheims. Durch ihre 
Räthe tritt sie in Unterhandlungen mit dem 
General Götz und dem Darmstädtischen Land 
grafen. Inzwischen hat ganz Niederhessen dem 
jungen Landgrafen den Huldigungseid geleistet. 
Statthalter und Räthe zu Kassel setzen den 
furchtbaren Drohungen Götzens und den be 
schwichtigenden Mahnungen des Landgrafen Georg 
entschlossenen Widerstand entgegen. Aber auch 
sie rathen ihrer Fürstin zur Nachgiebigkeit. 
Amelia erlangt einen dreimonatigen Waffen 
stillstand, da die Unterhandlungen einen günstigen 
Fortgang zu nehmen scheinen. Als ihr aber die 
vom Landgrafen Georg, der die Vermittelung 
mit dem Kaiser übernimmt, mit ihren Räthen 
zu Marburg vereinbarten Traktate vorgelegt 
werden, nach denen sie sich dem Prager Frieden 
unterwerfen, den Darmstädter Hauptakkord noch 
mals feierlich bestätigen und neben anderen Lasten 
nun auch noch Schmalkalden für die Dauer von 
fünfzig Jahren an Darmstadt abtreten und den 
Landgrafen Georg in allen wichtigen Reichs- und 
Hausangelegenheiten zum Mitvormund annehmen 
soll: da lehnt sie diese Vorschläge trotz deren 
Empfehlung durch ihre eignen Stände und die 
Glieder ihres Hauses ab, doch in vorsichtiger 
Form und zu weiteren Verhandlungen sich er 
bietend. Die Unterhandlungen werden, jetzt unter 
Vermittelung von Kurmainz, wieder aufgenommen 
und ziehen sich im Ganzen zwei Jahre, bis zum 
Herbst 1639, hin; es gelingt Amelia, und das 
ist die erste Wohlthat, die sie ihrem unglücklichen 
Land verschaffte, den Waffenstillstand auf dieselbe 
Zeit zu erstrecken. In diesen Verhandlungen aber 
stellt nunmehr die Landgräfin gleich jetzt bestimmt 
und klar diejenige Bedingung auf, die ihr Ge 
mahl zu fordern noch nicht gewagt hatte: Nicht 
Partikular-, sondern Universalfrieden und dem 
zufolge und vor allem nicht partikulare Duldung 
der reformirten Konfession „in Kirchen und 
Schulen", wie sie Brandenburg und Anhalt bei 
Annahme des Prager Friedens — „tolerando 
et concedendo“ — zugesagt war, sondern reichs 
rechtliche Anerkennung, nicht nur für sich und 
ihr Land, sondern, wie sie sagt, hier auch Hanaus 
wieder gedenkend, für ihre „Bluts-und Konsessions 
verwandten", für alle reformirten Stünde des 
Reiches. „Die Exempel", so spricht sich Amelia 
einige Zeit später aus, „schweben uns vor Augen, 
was vor Ruhe und Glück diejenigen bishero 
gehabt, welche dem Partikulier-Frieden nach- 
geeylet, denselben auch erlanget, ehe die rechte 
Brunnquell des entsprungenen und durch unser 
gantzes vatterland teutscher Nation so tieffergossenen 
Krieges gestopffet worden." 
(Schluß folgt.) 
-kxsr-Hbr-- 
Kbrrgrrichtsrath u. D. Friedrich von 8tarck in Marburg f. 
Von Generalpostdirektionsrath a. D. Schmidt, 
zuvor kurhessischem Lbergerichtsassessor. 
(Schluß.) 
Fürwahr, die Lage des jungen vor kurzem so glück 
lichen Paares war eine recht bedenkliche geworden ! Es 
verlor jedoch in der peinlichen Lage, in welche es ohne eigenes 
Verschulden gerathen, nicht den Muth. Werden doch die 
Tücken des Schicksals, wenn noch volle Jugendkraft die 
Adern schwellt, leichter ertragen. Außerdem thaten ihm die 
Beweise aufrichtiger Theilnahme, welche ihm von vielen 
Seiten gegeben wurden, wohl. Tas allgemeine Mitgefühl 
zeigte sich in ergreifender Weise, als das junge Paar, je 
ein Kindchen auf dem Arm, um Rotenburg zu verlassen, 
sich nach^dem Bahnhof begab. 
von Starck ging nun, da eine selbstständige Existenz 
möglichkeit einstweilen ausgeschlossen war, im November 
1851 mit seiner Familie zunächst zu seinen Eltern nach 
Moischeid, welche dort auf ihrem Familiengütchen wohnten. 
Die Vereinsamung an diesem Orte und der Wunsch, sich 
mit seinem Beruf entsprechenden Arbeiten wieder zu be 
schäftigen, ließen ihn dann im Herbst 1852 nach Kassel 
in das Haus seines Schwiegervaters übersiedeln, von wo 
er jedoch im Jahre 1853 nach Rotenburg zurückkehrte. 
Nachdem Freund von Starck so das Prekäre seiner 
Lage hinlänglich gekostet, da sollte sich ihm gegenüber bald 
der alte Spruch bewähren: „Wenn die Noth am größten 
ist, so ist die Hülfe am nächsten". Diese Hülfe kam von 
einer Seite, von welcher man sie kaum hätte erwarten 
können.
	        

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