Full text: Hessenland (10.1896)

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Frühjahr der schwedische General Lesly siegreich 
in Westfalen vordringt, da entschließt sich Landgraf 
Wilhelm, bisher noch schwankend, noch mit dem 
Kaiser unterhandelnd, hier ohne Zweifel bestimmt 
durch Amelia, die bis dahin die Verhandlungen 
geführt hatte, mit den Waffen für Hanau ein 
zutreten. Er vereinigt sich auf's Neue mit den 
Schweden, das vereinigte Heer zieht nach Süden, 
und am 13. und 14. Juni des alten Kalenders 
nimmt Landgraf Wilhelm, seine größte und 
rühmlichste eigne Waffenthat, nicht ohne schwere 
Verluste auf hessischer Seite, die Lamboy'schen 
Schanzen mit stürmender Hand. Hanau ist frei 
und bleibt der protestantischen Sache, das Land, 
dessen Selbstständigkeit bei der angedrohten kaiser 
lichen Bestrafung wohl in Frage stand, bleibt 
seinen! Grasenhaus erhalten. 
Die Entsetzung Hanaus war durch politische 
oder strategische Interessen Hessen-Kassels nicht 
bedingt. Umgekehrt erwies sich die kecke That, 
die so gänzlich aus dem Rahmen der bisher ge 
führten Friedensverhandlungen heraussprang und 
in ihrem schnellen Erfolg völlig überraschend und 
erbitternd aus den Kaiser wirken mußte, wenigstens 
auf die nächsten Folgen für Hessen gesehen, als 
einen schweren politischen Fehler. Der Entsatz 
Hanaus ist in den Augen der kaiserlichen Partei 
eine schwere Verschuldung des Landgrafen, die 
noch nach Jahren in den Friedensverhandlungen 
immer wieder in Anrechnung gebracht wird. 
Aber die nächsten Folgen sind die schlimmsten. 
Dem hessisch-schwedischen Heer, das seinen Rück 
marsch nach Paderborn nimmt, folgt der kaiser 
liche General Götz mit fünfundzwanzig Re 
gimentern auf dem Fuße. Ganz Hessen über 
Homberg hinaus, das sich nach rühmlicher Ver 
theidigung ergeben muß, wird besetzt und schonungs 
los behandelt; nur das feste Ziegenhain wider 
steht. Landgraf Wilhelm bietet Götz Fortsetzung 
der Friedensverhandlungen an, Götz erwidert, 
„die Friedenstractaten, deren Ihre Fürstliche 
Gnaden Erwähnung thuen lassen, seien durch den 
Hanauischen Entsatz uffgehoben". Gleichzeitig 
fallen die Eroberungen in Westfalen bis auf einen 
kleinen Rest in die Hände der Kaiserlichen. 
So von allen Seiten umdrängt, der Rache des 
Kaisers, wie es scheint, unrettbar verfallen, zeigt 
Landgraf Wilhelm sich nun wieder als den stand 
haften Mann, der in äußerster Noth, auf Gott 
vertrauend und sein Schwert, zum äußersten 
Widerstand entschlossen ist. Nur im Kriege noch 
kann er sein Heil suchen. Er schließt, Herbst 1636, 
in Wesel ein neues Schutz- und Trutzbündniß 
mit Schweden und Frankreich. In Hessen und 
Westfalen vermag er sich nicht mehr zu halten, 
er geleitet seine Familie zuerst nach Rinteln, 
dann nach Bremen und wendet sich selbst mit 
seinem kleinen Heer nach dem fernsten Nord 
westen Deutschlands, Ostfriesland. Dort, in dem 
reichen, vom Krieg noch wenig berührten Land, 
wo er zugleich an den benachbarten Generalstaaten 
und ihrem Statthalter Friedrich Heinrich, Amelia's 
Oheim, einen Rückhalt findet, hofft er seine 
Truppen für bessere Zeiten zu erhalten. 
Unterdessen wird sein Land auf das Grauen 
hafteste verwüstet. „Hessenland leydet Noth" 
lautet ein damaliger Bericht, wie ein verhallender 
Angstschrei, in erschütternder Kürze. Es ist das 
Jahr 1637, das furchtbarste Nothjahr, das je 
über Hessen gekommen ist, das Jahr des Raubens, 
Sengens und Mordens, in dem achtzehn Städte, 
mehrere hundert Dörfer und wohl unzählige 
adelige Häuser und Höfe in Asche sanken, wo 
der dem Schwert, den Piken und Kugeln und teuf 
lischen Foltermitteln der zügellosen, unmenschlichen 
Feinde entronnene Theil der Bevölkerung in ent 
legenen Berg- und Waldwinkeln, oft für lange 
Monate, seine angst- und kummervolle Zuflucht 
suchte. Aber den vertriebenen Fürsten trifft nun auch 
die förmliche Strafe des Kaisers. Ferdinand III., 
im Februar 1637 zur Regierung gelangt, ver 
kündigt im April das schon von seinem Vater 
erlassene Patent, durch welches Landgraf Wilhelm 
für einen öffentlichen Friedbrecher und Feind des 
Heiligen Römischen Reiches und aller seiner Lande 
und Leute verlustig erklärt wird: der Sache 
nach die Reichsacht, nur in der Form umschrieben. 
Georg von Darmstadt wird zum Administrator 
des Landes ernannt. Er fordert die Stände zur 
Huldigung auf, findet freilich zähen, niederhessischen 
Widerstand. 
Und mitten unter diesen äußersten Bedräng 
nissen stirbt der unglückliche Fürst, am 21. Sep 
tember 1637, selbst noch in Kriegshandlungen 
begriffen, denn Ostfriesland wehrt sich gegen die 
hessische Einlagerung. Er ist nur einige Tage 
krank, seine Gemahlin mit den Kindern kann 
noch von Bremen herbeieilen, um ihm die letzte 
Pflege angedeihen zu lassen. „Ihre Fürstliche 
Gnaden", wird berichtet und es gewährt einen 
Rückblick auf die Kraft des Willens, mit der der 
standhafte Mann bis hierher sich aufrecht erhalten 
hat, „feynd gar wenig Tag gelegen, denn sie bey 
großer Unpäßlichkeit und Leibsunvermögen viel 
Jahr gelebt, aber sich gleich über Vermögen starck 
gehalten, denn die inwendige Glieder sehr ver 
zehret und alle natürliche Kläfften vergangen, daß 
sie gleich wie ein ausgebrand Licht verloschen." 
Amelia Elisabeth war in dem Testament ihres 
Gemahls zur Vormünderin ihres achtjährigen
	        

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