Full text: Hessenland (10.1896)

*) Aus dem „Hessischen Jahrbuch für *855" (Kassel, Verlag von (Oswald Bertram). 
Bewegtes Leben. 
Zwei Sonette von Julius Rodend erg.*) 
I. 
Wenn Leben Lernen heißt, so lern' ich Vieles, 
Denn bunt und voller Wechsel ist mein Treiben; 
Und Herz und Auge können kalt nicht bleiben 
Beim Anschau'n dieses reichbewegten Spieles. 
Längst gab ich hin den Frieden des Exiles, 
Nicht seh' ich mehr die Welt durch trübe 
Scheiben — — 
Das echte Leben läßt sich nicht beschreiben, 
Es rinnt sein Strom nicht durch den Spalt des 
Kieles. 
Nein, frisch von seiner Quelle mußt Du's schlürfen, 
Eh' es sein duftiges Arom verloren. 
Denn nur die Kraft kann Kraft in Dir erzeugen. 
fürwahr, das find die Schwächlichen, die Thoren, 
Die erst sich ängstlich fragen, ob sie dürfen, 
Und dann sich nach dem trocknen Sande beugen. 
II. 
Wie soll ich dies unstäte Drängen nennen, 
Dies Schwanken in Genießen und Entsagen? 
Bald fühl' ich's in der Brust beruhigt schlagen 
Und bald mein Herz zu wildem Wunsch ent 
brennen. 
Was geistig ist, soll Raum und Zeit nicht 
trennen, 
Und doch kann ich dies Sehnen nicht ertragen; 
In diesem Uebermaß von Lust und Klagen 
Vermag ich kaum das Wesen recht zu kennen. 
(!) Herz, sei still und trag' die süße Bürde! 
Es ist das schönste Räthsel; und wo bliebe 
Der Reiz des Lebens, wenn gelöst dies würde? 
Nein, freue Dich der Lust, freu' Dich des Leides; 
Denn der nur weiß, der schon erfahren Beides, 
Daß Liebe Leben ist und Leben Liebe!
	        

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