Full text: Hessenland (10.1896)

18 
Nie Okkupation Hessen-KaMs durch die Franzosen im Jahre 
1806 und die Schicksale des kurfürstlichen Haus- und Staats 
schatzes. 
Von Dr. Hugo Brunner, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek in Kassel. 
(Fortsetzung). Nachdruck verboten. 
| ie heimliche Entfernung jener Personen scheint 
nicht nöthig gewesen zu sein. Wenigstens 
hat man nie von einer solchen gehört. Die 
Antwort des Staatsministeriums aus das kur 
fürstliche Schreiben ist leider etwas dunkel für 
uns, indem sich, wie es heißt, „in Ansehung der 
besonders erwähnten Gegenstände ans dasjenige 
devotest bezogen wird, was der Geheime Kriegs 
rath Lennep inmittelst mündlich zu referiren 
die Gnade gehabt haben werde". Diese münd 
lichen Ausführungen kennen wir nicht. Dann 
heißt es weiter: „Seit dessen (Lennep's) Abgang 
ist alles, was Privatpersonen davon (nämlich 
wohl von den zll rettenden Vermögensobjekten) 
gehörte, ohnerachtet einer durch Verrätherei ge 
schehenen Wegnahme unterwegs doch endlich wieder 
erlangt Hub an die Behörden abgegeben, das 
übrige aber nach zwei verschiedenen Richtkingen 
außer Landes geschickt worden, und wir erwarten 
stündlich die Nachricht, daß alles den Ort seiner 
vorläufigen Bestiminnng erreicht habe und in 
Sicherheit sei." 
Halten wir einstweilen fest, daß die im Fronti- 
spice der Säulenhalle vermauerten Werthe hier 
bis in die ersten Regiernngsjahre des Königs 
Jörüme gelegen haben sollen, so kann das Staats- 
ministerium nur die für Rothschild nach Frankfurt 
bestimmten sieben Millionen Thaler meinen, und 
bezüglich der Ueberbringnng dieser stimmt es mit 
der Zeit ganz genau. 
Auch hierüber geben uns unsere Akten einigen 
Aufschluß. 
Mit der Ueberführung der Millionen des Kur 
fürsten an das Haus Rothschild in Frankfurt war 
der hessische Hauptmann Mensing betraut. 
Dieser Mann hatte sich als junger Fähnrich in 
') D. D. Kassel, d. 16. Dez. 1806. 
fol. 377. 
Mss. Hass., 
dem Feldzuge in den Niederlanden ausgezeichnet 
und seinen verwundeten Koinmandeur einst aus 
dem Kugelregen fortgetragen, eine Szene, welche 
s. Z. auch durch Chodowiecki's Stift in irgend 
einem Almanach aus dem Ende des vorigen 
Jahrhunderts dargestellt und verewigt sein soll, 
wie mir der Sohn des Genannten, der vor 
einigen Jahren verstorbene Oberst Mensing, ein 
mal mündlich mittheilte. 
Von jenem Hauptmann Mcnsing besitzen wir 
nun auch eine Anzahl Briefe, welche über sein 
Wagniß, die Schütze vor den Späheraugen der 
Franzosen und nicht minder vor deutschen Ver- 
rütheraugen nach Frankfurt überzuführen, einigen 
Aufschluß geben. Die Briefe sind größtentheils 
an den Regierungsrath Schmerfeld gerichtet, einer 
auch an den Geheimen Kriegsrath Lennep; einige 
nicht von seiner Hand herrührende, die gleiche 
Angelegenheit betreffende Schriftstücke liegen noch 
bei?) 
Am 9. November morgens 4 Uhr trat Mensing 
von Kassel aus seine abenteuerliche Fahrt an itnb 
traf am folgenden Tage, den 10. Noveinber, gegen 
5 Uhr Nachmittags auf dem zwei Stunden östlich 
von Spangenberg, hinter Pfieffe, zwischen Gehau 
und Dankerode inmitten der Wälder gelegenen, wie 
es scheint herrschaftlichen Hose Stölzingen ein. 
Hier wohnte ein Mann Namens Reinhard, dem 
gegenüber Mensing als Pächter des Gutes und 
der dazu gehörigen Waldungen auftrat. Er hatte 
durch Schmerfeld dem Manne ein Patent als 
Förster erwirkt mit der Einschürfung, daß er 
den Befehlen Mensing's pünktlich Folge leisten 
und namentlich, wenn es dieser verlange, Nachts 
gegen Ueberfälle streifender Vagabunden im Walde 
patrouilliren müsse. 
Reinhard bekam allerdings zunächst keinen ge 
ringen Schrecken, als Mensing mit seinen Wagen 
0 Mss. Hass., fol. 874.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.