Full text: Hessenland (10.1896)

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„Ich bin der Sohn Wildenberg's", sagte das 
rothe Halstuch mit starker Betonung. 
„Der Sohn Wildenberg's? desselben Wildcn- 
berg, welcher in Hameln —" 
„Dessclbigen! Ich wußte ja, daß Sie sich für 
mich interessiren würden, ganz Kassel muß sich 
für mich interessiren. Ich werde morgen mit 
ellenlangen Lettern in alle Zeitungen setzen lassen: 
Der Sohn Wildenberg's ist da! In den hervor 
ragendsten Städten Deutschlands zum Klempner 
gesellen ausgebildet —" 
„Was? Sie sind ein Klempnergeselle?" ries ich 
überrascht aus. „Sagten Sie denn nicht, daß 
Sie am Hoftheater gastiren wollten?" 
„Gewiß. Wenn die Gelegenheit sich bietet, 
spiel' ich Helden, jedoch ist mein Steckenpferd der 
,Sansquartier' in den ,Sieben Mädchen in Uni 
form'. Sie wissen ja, dieselbige Rolle, in welcher 
mein Vater schon völlig —" 
„Ich weiß! Ich weiß!" unterbrach ich ihn. 
„Sie haben Ihren Vater noch gekannt?" 
„Ich betete ihn an und habe mich zeitlebens 
bemüht, in seine Fußstapfen zu treten." 
Welch' eine Selbsterkenntniß! Denn der Sohn 
Wildenberg's schien mir auch etwas geistig ange 
griffen zu sein. Da dieser dramatische Klempner 
geselle mich jedoch um seines Vaters willen 
interessirte, so lud ich ihn zu einem Glas Bier 
ein. Er trank nur Grog. Gut. Wir gingen 
in die Theaterkvnditorei. 
„Das ist die wahre Spükezeit der Nacht", 
deklamirte er, in den von einer Gasflamme er 
hellten Raum eintretend, mit gewaltsam zusammen- 
geräusperter, heiserer Stimme: 
„Das ist die wahre Spükezeit der Nacht, 
Die Zeit, wo Troja ward in Brand gesteckt, 
Die Zeit, wo Eulen schrei'n und Hunde heulen, 
Wo Geister gehn, ihr Grab Gespenster sprengen —" 
Ich bat ihn, sich etwas zu mäßigen in seinen! 
furor dramaticus, und dann setzten wir uns an 
eines der kleinen Tischchen. Die stark duftenden 
Gläser vor uns bildeten ein gewisses Bindemittel 
zwischen unseren Gedanken, und ich weiß nicht recht 
mehr, ob der Sohn Wildenberg's mir alles das 
erzählt hat, was ich dort vor meinen geistigen 
Augen emporsteigen sah, oder ob es eigene Phan 
tasiegestalten waren, die sich mit der Wirklich 
keit vermischten. Fast muß ich glauben, daß das 
Letztere der Fall gewesen ist, denn mit einem Male 
fühlte ich mich aus der Kasseler Theaterkonditorei 
hinwegversetzt in ein romantisches Thal, aus welches 
hohe Berge herabschauten. In einer prächtigen, 
vierreihigen Lindenallee spazierten im goldenen 
Sonnenschein, der selbst durch das grüne Blätter 
dach flnthete, viele geputzte Damen und Herren, 
umspielt von fröhlichen Kindern. Die Kleider, 
welche die Spaziergänger trugen, waren, so neu 
sie auch schimmerten, von einem ganz veralteten 
Schnitt, wie ich sie auf Modekupfern in der Zeit 
nach dem Befreiungskrieg gesehen hatte. Nach 
kurzer lleberlegung stellte es sich heraus, daß ich 
mich in dem berühmten Badeorte Pyrmont im 
Monat Juli 1819 befand, und als ich an mir 
herunter blickte, brauchte ich mich gar nicht zu 
geniren, mit meiner modernen Alltagsgarderobe 
hier herumzustolziren, denn ich trug ja eben 
falls einen blauen Frack, seidene, lichte Weste, ein 
enges, bis zum Knöchel reichendes Beinkleid, welches 
die hellfarbigen Strümpfe sehen ließ, und feine, 
ausgeschnittene Schuhe. Den hohen Hut in der 
Hand wandelte ich wohlgemuth dahin, mich damit 
unterhaltend, die Vorübergehenden auf ihr musi 
kalisches Innere zu taxiren. Der kleine, joviale 
Herr mit der stahlgrauen Perrücke, so vergnüglich 
daher hüpfend, nach rechts und nach links nickend 
und Hände drückend, war jedenfalls ein Verehrer 
von Dittersdorfs. Der trotz seines schneeigen Scheitels 
aufrecht und stramm daher schreitende alte Offizier 
mit den großen, flammenden Augen und dem 
stolz gemessenen Gruß erschien mir als Gluckist, 
während dort die Dame mit den schmachtenden 
Löckchen, bleich wie eine auf dem Altare der Liebe 
in süßem Duft dahinschmelzende Wachskerze, den 
„Sargino" des Paer in Herz und Gemüth trug. 
Auf den Lippen des gefühlvoll darein schauenden 
Jünglings, welcher mit einer Rose geschmückt ist, 
scheint Weigl's „Setz' Dich, liebe Emmeline, nah', 
recht nahe her zu mir!" aus der „Schweizerfamilie" 
zu liegen, der gravitätische Seigneur aber, mit 
dem betreßten Lakaien hinter sich, das muß ein 
Anhänger des Gasparo Spontini sein. Nun ward 
meine Aufmerksamkeit völlig von einem eleganten 
Herrn in Anspruch genommen, welcher in hyper 
moderner Kleidung die Allee heraufkam. Er 
mochte einige dreißig Jahre zählen —, ein 
durchaus schön gewachsener Mann mit einem 
dunkelblonden Titus, um den feingeschnittenen 
Mund ein gewinnendes Lächeln und dabei doch 
einen übermüthig herausfordernden Zug, die Nase 
kräftig geschwungen, die Augen kühn, wenn nicht 
gar verwegen leuchtend, alles liebermüßige aber 
gemildert durch eine Fülle von Humor, der ihm 
so zu sagen aus allen Knopflöchern zu sprudeln 
schien. „Das ist ein Jünger Mozart's", rief es 
in mir, und wie mit magnetischer Gewalt fühlte 
ich mich zu dem Manne hingezogen. Ich folgte 
ihm und erfragte seinen Namen. Es war der 
Schauspieler und Opernsänger Wildenberg. Abends 
sah ich ihn im Theater als „Leporello" im un 
sterblichen „Don Giovanni" —, und was für ein
	        

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