Full text: Hessenland (10.1896)

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hauptsächlich aus österreichischen Jägerofsizieren gebildetes 
Kriegsgericht gestellt und von diesem zu einer Festungs 
strafe von vier Monaten verurtheilt. Das Urtheil wurde 
jedoch bei amtlicher Revision durch das Generalauditorat 
aufgehoben und statt dessen auf Freisprechung erkannt. 
Doch das Schlimmste sollte noch kommen, von Starck 
wurde nämlich auf den Grund des 8 51 des provisorischen 
Gesetzes vom 14. Juli 1851, die Abänderungen des 
Staatsdienstgesetzes betreffend, am 30. Oktober 1851 
„als einstweilen entbehrlich gewordener Staatsdiener des 
Justizdepartements" mit 375 Thalern auf Wartegeld 
gesetzt. 
Damit war also mein lieber Freund nicht blos seiner 
ihm zustehenden angesehenen dienstlichen Stellung im 
Justizdienst, sondern auch eines Viertels seines ohnehin 
so geringen Gehalts verlustig gegangen. Außerdem konnte 
er mit seiner Gattin nur mit großen Sorgen in die Zu 
kunft blicken, da es keineswegs leicht war , anderwärts 
eine annehmbare dienstliche Stellung zu finden. 
(Schluß folgt.) 
Erzählungen der drei Männer im Backofen 
Mitgetheilt von Wilhelm Ben necke. 
(Fortsetzung.) 
„Wenn Sie sich absolut über Musik unterhalten 
wollen," sagte daraushin Archimedes, „so nehmen 
Sie doch Spohr zum Gesprächsthema. Derselbe 
steht so ziemlich über den Parteien. Er hat den 
mehrfach erwähnten Dichterkomponisten — ich 
werde mich hüten seinen Namen zu nennen — 
nach Kräften unterstützt, ohne jedoch sich selbst 
der Zukunftsmusik hinzugeben. Sie können also 
beiderseitig ganz leidenschaftslos über ihn reden." 
„Der Gedanke ist gut", sagte das Haus auf 
Abbruch. „Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen 
sogleich eine kritische Abhandlung über seinen 
,Pietro von Abano' zu Gemüthe führen." 
„Ich bitte, lassen Sie den guten Pietro ruhen!" 
rief dagegen der eigensinnige Herr, „und erzählen 
Sie uns lieber etwas Anderes über Spohr, etwas, 
das nicht in seiner Selbstbiographie enthalten ist." 
„Das wird schwer halten", meinte der Musiker, 
fuhr aber nach kurzem Besinnen fort: „Und 
doch könnte ich eine kleine Geschichte erzählen, 
welche Spohr zwar nicht zum Helden hat, aber doch 
mit ihm in einigem Zusammenhang steht." 
„Heraus damit!" sagte der eigensinnige Herr, 
und da Archimedes ebenfalls zustimmte, so begann 
der Musiker, nachdem die Gläser mit neuem Inhalt 
versehen waren, die nachfolgende Erzählung, welcher 
er den Titel gab: 
Der Sohn Wildenberg's. 
Der Frühling war eingezogen in all' seiner 
Herrlichkeit und erschien in der Landgrafenstadt 
an der Fulda noch einmal so schön als anderswo, 
denn die grünen Wälder und.unzähligen Gärten, 
welche dieselben umgeben, die Alleen, die gar viele 
der Plätze schmücken, lassen die Bewohner deü 
linden Hauch und balsamischen Dust des Lenzes 
so recht mit vollen Zügen genießen, ohne daß 
sie erst eine stundenlange Wanderung in's Freie 
anzutreten brauchen. Es war ein lauer Maiabend 
des Jahres 1869. Unter den Linden des Friedrichs- 
Platzes promenirten Damen und Herren, um vor 
dem Besuch des Hoftheaters noch die erquickende 
Frühlingsluft zu athmen. Es wurde irgend ein 
klassisches Trauerspiel gegeben, und die Zugkraft 
desselben war an dem prachtvollen Abend keine 
sehr bedeutende. So dehnte denn wohl ein und 
der andere Parterrebesucher die Zwischenakte, vor 
dem Theater stehend, ini Anblick der fernen, im 
bläulichen Schimmer so lockend daliegenden Berge, 
länger aus, als der Herr Inspizient im Innern des 
Hauses, der gewiß ganz damit einverstanden war, 
daß Maria Stuart, Graf Egmont, Richard III., 
oder wer es sonst sein mochte, in Anbetracht des 
herrlichen Maiwetters so schnell als möglich vom 
Leben zum Tode befördert wurde. Eben wollte 
ich wieder in die unterbrochene Tragödie zurück 
kehren, als ein Mensch mich anredete, der schon 
einige Zeit auf dem Opernplatz gestanden und 
das Theatergebäude sehr aufmerksam betrachtet 
hatte. Es war ein großer, starkgeballter Mann, 
etwa in den Fünfzigen, mit braunem Haar und 
sarmatischem Schnurrbart, angethan mit einem 
dllnkelgrüncn, theils verschossenen Leibrock und 
sonstigen strapazirten Kleidungsstücken. Um den 
muskulösen Hals hatte er ein rothes Tuch ge 
schlungen. 
„Sie kennen die hiesigen Theaterverhältnisse?" 
begann der mir völlig Fremde in einem diktatori 
schen Ton. 
Auch ohne diese Frage hatte ich an dem Un 
bekannten das undefinirbare Etwas derer von 
der Schminke gewittert. Ich fragte ihn ziemlich 
erstaunt, was er von mir wolle. 
„Man hat mir gesagt," war seine Antwort, 
„daß Sie in der Stadt die erste Violine spielen, 
und da sollen Sie mir helfen, daß ich hier zllin 
Auftreten komme." 
„Allerdings spiele ich die erste Violine," er 
widerte ich lachend, „aber das wird Ihnen wenig 
nützen. Wer sind Sie überhaupt?"
	        

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