Full text: Hessenland (10.1896)

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hörte zwar nicht zu den Fürsten, die, wie u. a. 
Amelia's Bruder, Graf Philipp Moritz von Hanau, 
von dem Frieden ausgeschlossen und der Bestrafung 
des Kaisers vorbehalten worden waren, dem an 
sehnlicheren Fürsten gegenüber mochte man einen 
solchen Vorbehalt doch wohl noch scheuen. Aber 
der Kaiser hatte gesagt, er wolle, ehe er den 
Landgrafen in den Frieden aufnehme, sehen, „wie 
er sich Ihrer Majestät vorher» accomodiren werde, 
und sich alsdann mit des hochlöblichen Kur 
fürstlichen Collegii Rath und Gutbefinden darüber 
weiter resolviren". Der Gründe für diese Sonder 
behandlung des Landgrafen waren wohl vor 
nehmlich drei. Zunächst die Wiedereroberung 
Hersfelds, das dem Sohn des Kaisers, Leopold 
Wilhelm, entrissen worden war. Sodann die 
Eroberungen in Westfalen, mit denen Wilhelm 
seit 1631 begonnen hatte. Es hatte nämlich Land 
graf Wilhelm, — einmal wohl, um seine Truppen 
unmittelbar auf Kosten der Gegenpartei zu er 
nähren, sodann, um für bevorstehende Friedens 
verhandlungen, nach der Weise der damaligen 
Kriegführung, wie in einem Brettspiel, möglichst 
viel Felder vom feindlichen Terrain, nach Um 
stünden selbst unter Preisgebung des eigenen 
Landes, besetzt zu halten, die dann mit ent 
sprechenden Kompensationen eingelöst werden 
mußten, schließlich aber auch in der Hoffnung, 
sein Land namentlich dann, wenn dessen Ver 
kürzung im Süden irreparabel sein werde, in 
diesen an das nordwestliche Hessen angrenzenden 
und nicht weitab von der Landeshauptstadt ge 
legenen Gebieten dauernd erweitern zu können —, 
der Landgraf hatte begonnen, im Westfälischen, 
insbesondere in den Stiftern Paderborn und 
Münster ausgedehnte Gebiete sich zu unterwerfen, 
die dann auch er selbst und nach ihm Amelia, 
allerdings in stets wechselndem Umfang, bis zum 
Schluffe des Krieges behaupteten. Endlich hatte 
Wilhelm im Jahr 1634 auf Drängen des Königs 
von Frankreich die Stellung eines Marschalls 
für die vom König in Deutschland zu werbenden 
Truppen und einen französischen Jahrgehalt an 
genommen: eine unser heutiges Empfinden aller 
dings schmerzlich berührende Handlung, bei der 
wir indeß nicht vergessen dürfen, daß Frankreich 
schon bisher mit Schweden durch einen Subsidien- 
vertrag verbündet war, und ferner nicht, daß die 
Objekte des patriotischen Empfindens, das wir 
einem Manne wie Wilhelm nicht absprechen 
dürfen, mit den Gütern wechseln, die gerade er 
sehnt oder gefährdet sind, daß damals die Wieder 
herstellung des inneren Friedens im Reich der 
vornehmste Gegenstand alles patriotischen Sehnens 
war, und daß angesichts des großen Kriegselendes 
die Meinung verzeihlich erscheinen kann, es werde 
dieser innere Friede durch müßige Grenzent 
schädigungen an verbündete auswärtige Mächte 
nicht zu theuer erkauft werden. In den Augen 
des Kaisers aber mußte dies alles den Land 
grafen äußerst kompromittiren. 
(Fortsetzung folgt.) 
Obrrgerichtsrath a. f. Friedrich von Starck in Marburg ff. 
Von Generalpostdirektivnsrath a. D. Schmidt, 
zuvor kurhessischem Obergerichtsassessor. 
'Her Name der in Moischeid, Kreis Ziegenhain, be- 
^ gitterten Familie von Starck hat im Hessenlande 
einen guten Klang. Aus derselben stammen eine große 
Zahl tüchtiger in den kurhessischen Militär- oder Zivil 
dienst getretener Männer, von welchen ich hier nur zweier 
gedenken will: zunächst des Generals von Starck, 
welcher sich im Jahre 1848 als Inspekteur der Schuh 
wachen Kurhessens in größeren Kreisen durch seine 
Leutseligkeit beliebt gemacht, und sodann des früheren preußi 
schen Oberregierungsraths, jetzigen fürstlich Schwarzburg- 
Nudolstädtischen Staatsministers Wilhelm von Starck, 
welcher sich ganz vor Kurzem ein Verdienst dadurch er 
worben hat, daß er bei der Enthüllung des Denkmals 
für unseren großen Heldenkaiser auf dem Kyffhäuser 
solche Vorkehrungen getroffen hat, daß dieselbe unerachtet 
des großen Menschenzusammenflusses zu allseitiger Be 
friedigung von Statten gegangen ist. Ein erheblich 
älterer Bruder des eben erwähnten Staatsministers, der 
vorhinnige Obergerichtsrath von Starck, ist nun am 
3. Juli d. I. in Marburg aus dem Leben geschieden. 
Da ich zu den Jugendfreunden und Studiengenossen 
des Verewigten gehöre, auch in derselben Zeit wie 
von Starck kurhessischer Obergerichtsassessor gewesen bin 
und in den für die kurhessischen Richter so verhängniß- 
vollen Jahren 1850—51 gleich ihm die Fahne des Rechts 
hochgehalten habe, so folge ich gern der von Seiten der 
zahlreichen Hinterbliebenen an mich gerichteten Aufforderung, 
einen kurzen Rückblick auf den wechselvollen Lebensgang 
meines entschlafenen lieben Freundes zu werfen. 
Friedrich von Starck erblickte das Licht der Welt 
im Jahre 1819 als Sohn des Geheimen Kriegsraths 
von Starck und dessen Gattin, einer geborenen vonBaum- 
bach. Er hing mit großer Liebe an seinen Eltern und 
der Familie seiner Mutter. Von Jugend auf zeichnete 
er sich durch ein sehr ansprechendes Aeußere und ein 
freundliches, anspruchloses Wesen aus. Daneben hatte er 
eine große Vorliebe für die Schönheiten der Natur und 
für die Thierwelt, insbesondere für die stolzesten und 
treuesten Geschöpfe derselben, das Pferd und den Hund. 
Begegnete ich meinem Freund auf einem Spaziergange, 
so konnte ich sicher sein, an seiner Seite sein allerliebstes 
Wachtelhündchen „Fingal" zu finden. Ebenso erinnere 
ich mich sehr genau seiner großen Leidenschaft für die 
edle Reitkunst. Nachdem er den Unterricht des allen
	        

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