Full text: Hessenland (10.1896)

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Verbot des Kaisers durchgeführt. Gustav Adolph, 
durch langwierige Verhandlungen mit Kur 
brandenburg aufgehalten, rückt endlich an die 
Elbe vor, und Landgraf Wilhelm, als der erste 
der deutschen Fürsten, schließt dort, im Lager zu 
Werben, das für die ganze Folgezeit grundlegende 
Bündniß mit Schweden, „zur Ehre Gottes," wie 
es in der Urkunde heißt, „zur Befreiung und 
Wiederherstellung des Reiches und der eigenen 
Lande und Leute". Beide Theile verpflichten sich, 
gemeinsam zu kämpfen und nur gemeinsam Frieden 
zu schließen, Hessen-Kassel wird die Wiederher 
stellung in den Stand vom Jahre 1618 zugesagt. 
Ein Bruch des vor wenigen Jahren mit Darm 
stadt geschlossenen Hauptakkordes war, wie nach 
drücklich betont werden muß, in dieser letzteren 
allgemeinen Klausel nicht enthalten, Landgraf 
Wilhelm hat in späteren Verhandlungen mit 
Gustav Adolph seine Bereitschaft gezeigt, an Stelle 
Oberhessens sich mit Kompensationen in Westfalen 
zu begnügen. 
Nun folgt der Siegeszug des schwedischen 
Königs, dem jetzt auch Sachsen sich verbündet, 
und der mit ihm vereinigten Protestanten. 
Schon vor der Schlacht bei Breitenfeld aber, 
in der jetzt der sieggewohnte Tilly von Gustav 
Adolph auf's Haupt geschlagen wird, hat, im 
August 1631, Herzog Bernhard von Weimar 
Hersfeld erobert und für Hessen zurückgewonnen. 
Die Sache der Protestanten und Landgraf 
Wilhelm's im Besonderen, der 1632 dem erfolg 
reichen Zug des Königs gegen Bayern mit seinen 
Truppen sich anschließt, hatte eine glückverheißende 
Wendung genommen. Aber der Rückschlag bleibt 
nicht aus. Gustav Adolph fällt, den furchtbaren 
Wallenstein besiegend, November 1632 bei Lützen. 
Seine Nachfolger im Oberbefehl, Horn, Bauer 
und Bernhard von Weimar, erringen in den 
nächsten Jahren wohl Vortheile im Einzelnen, 
aber das vereinigte weimarisch-schwedische Heer 
wird in der Schlacht bei Nördlingen, dieser 
politisch wohl folgenreichsten des ganzen Krieges, 
von Ferdinand, des Kaisers Sohn, und den 
Bayern geschlagen und zersprengt. Kursachsen, 
schon lange wieder lau geworden, giebt die Sache 
seiner Verbündeten preis und schließt, nicht ohne 
beträchtliche Sondervortheile bewilligt zu erhalten, 
1635 mit dem Kaiser den Frieden zu Prag. 
Es war ein klug berechneter Schritt der kaiser 
lichen Politik, daß sie Sachsen von seinen Bundes 
genossen trennte und, unter Abtretung eigenen 
kaiserlichen Besitzes, der Lausitz, zunächst einen 
Separatfrieden mit ihm schloß. Beabsichtigt war 
die Ausdehnung dieses Friedens auf das ganze 
Reich. Alle einzelnen Reichsstände, die im Krieg 
gegen den Kaiser befangen gewesen waren, — aber 
eben nur mit den vereinzelten Ständen wollte 
der Kaiser verhandeln —, mit Ausnahme bestimmt 
genannter, die der kaiserlichen Bestrafung vor 
behalten wurden, sollten dem Frieden beitreten 
dürfen, doch nur innerhalb zehn Tagen nach 
dessen Ankündigung. Der materielle Inhalt des 
Traktates ging tut Wesentlichen dahin, daß, neben 
Zusicherung kaiserlicher Amnestie für den be- 
gangenen Friedensbruch, gegenseitiger Rückgabe 
aller Eroberungen seit 1630, der Ankunft Gustav 
Adolph's, und Vertreibung der fremden Mächte 
mit den vereinigten Waffen der Friedenschließenden, 
zur wichtigsten Frage, dem Fortbestand des 
Restitutiottsediktes, die seit dem Passauer Vertrag 
bis zum 12. November 1627 säkularisirteit geist 
lichen Stifter auf vierzig Jahre in den Händen 
ihrer dermaligen Besitzer verbleiben, das Edikt 
also insoweit aufgehoben, vielleicht auch nur 
suspendirt sein sollte. Der zweite Punkt des 
Ediktes dagegen, die Rechtsstellung der 
Reformirten, für die das lutherische Sachsen 
kein Herz hatte, war in dem Frieden nicht ge 
ordnet, das diese Rechtsstellung vernichtende 
Restitutivnsedikt blieb also in diesein Theil be 
stehen. 
Dieser Friede zu Prag, der jetzt zunächst, zu 
sammen mit dem vorangegangenen Restitutivns 
edikt, bestätigt, was ich schon in allgemeiner Aus 
führung bemerkte, daß nämlich uitbeschadet noch 
anderer Fragen und namentlich der sehr wichtigen 
nach der Behandlung der geistlichen Stifter die 
Rechtsstellung der reformirten Religionspartei 
eines der vornehmsten Objekte des großen Krieges 
werden mußte und wurde, ist nun zugleich, uitd 
zwar wegen seiner Bedeutung in ebendieser 
Richtung, der Angelpunkt, um den jetzt sich an 
schließende jahrelange Verhandlungen des Kaisers 
mit Hessen-Kassel sich drehen. Es ist mißlich, 
die Geschichte unter Veränderung ihrer thatsächlich 
eingetretenen Bcdiitgungen so zu kottstruiren, wie 
sie im anderen Fall geworden seilt würde. Aber 
das läßt sich doch wohl sagen, daß ohne den 
zähen, auch vor zweimaliger Erneuerung des 
Krieges nicht zurückschreckenden Widerstand Hessen- 
Kassels gegen den Prager Frieden die reformirte 
Partei jetzt, wenigstens vorläufig, ans die Stellung 
einer unterdrückten, wohl partikular geduldeten, 
aber reichsrechtlich rechtlosen Sekte erniedrigt 
worden wäre. Daß dies nicht geschehen, ist vor 
nehmlich ein Verdienst Hessens, des Landgrafen 
Wilhelm's des Standhaften, noch mehr freilich 
seiner doch noch etwas standhafteren Gemahlin. 
Wilhelm's war in dem Prager Frieden mit 
einer besonderen Klausel gedacht worden. Er ge-
	        

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